Straßenfotografien von Benita Suchodrev

Suche nach Glück

Die russisch-amerikanische Straßenfotografin Benita Suchodrev hat den kaputten Charme Blackpools eingefangen. Ihre Bilderserie ist eine visuelle Metapher der britischen Arbeiterklasse.
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Ausstellungen mit Fotos aus und über Großbritannien im Berliner Willy-Brandt-Haus, in dem die SPD an ihrem Europawahlkampf bastelt? Einem Wahlkampf, der unter dem Motto steht: »Europa ist die Antwort«, ohne auch nur anzudeuten, warum, wie oder wofür – ein Slogan, der fatal an evangelikale Plakatmission (»Jesus ist die Antwort«) erinnert? Und dort Bilder eines Landes, dessen Bevölkerung mehrheitlich genau diese »Antwort« nicht mehr hören will? Bevor man seinen Auweis vorlegt an der Pförtnerloge des SPD-Hauptquartiers, kommen einem durchaus begründete Befürchtungen in den Sinn, Großbritannien hier als eine Art Freiluftzoo oder freak show präsentiert zu bekommen, so wie es in deutschen Medien seit dem britischen EU-Austrittsvotum gang und gäbe ist – insbesondere da sich alle drei Ausstellungen mit dem seit Jahrzehnten systematisch vernachlässigten Norden Englands beschäftigen; jenen Landstrichen also, wo die Sorte Proll-Briten wohnt, die dafür gesorgt hat, dass leave die Mehrheit bekam, obwohl doch, wie hierzulande wiederum gern betont wird, beispielsweise 80 Prozent der Studierenden in Großbritannien sich für remain entschieden hätten.

Bild:
Benita Suchodrev, Blackpool, 2017
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Die Befürchtungen bewahrheiten sich lediglich zu einem Drittel: Nur eine der drei Fotoschauen bedient den ressentimentgeladenen Voyeurismus deutscher Vorzeigeeuropäer, die beiden anderen entschädigen dafür jedoch mehr als reichlich. Leider aber erwartet einen die ärgerliche Ausstellung »Distant Islands, Fotografien zum Brexit« gleich im Eingangsbereich, im Foyer, das man als Fernsehkulisse für die SPD-Granden kennt, die ihre Wahlschlappen schönzureden versuchen. Bis Mitte Mai zeigen hier deutsche Nachwuchsfotografen Bilder, die sie 2017 in Manchester, Blackpool oder Wigan produziert haben.

Nicht alle Motive sind schlecht, aber zu viele einfach denunziatorisch: Die Wigan-Serie kann beispielsweise nicht darauf verzichten, ein sichtlich verklemmtes Ehepaar, das auf seinen Bretterzaun starrt, zu arrangieren (Assoziation: beschränkt, Brett vor dem Kopf); die Manchester-Serie mit dem schon fast manipulativ zu nennenden Titel »Sorry for the Delay« (Die Verspätung tut uns leid) zeigt die sattsam bekannten Nackentattoos, Kurzhaarschnitte, raushängenden Pobacken im Pub und übergewichtigen Streikenden auf der Straße (Assoziation: rückständig, zu primitiv für den Kontinent). Besonders plump ist schließlich die Serie »Sponsored by Europe«, die ein paar unter anderem mit Mitteln der EU geförderte Bauwerke in Manchester zeigt und nicht nur offensichtlich die Undankbarkeit der Briten beklagt, sondern im Begleittext gar suggeriert, dass es die »europäischen Strukturfonds« gewesen seien, die den Briten ab 1973 den »sozialen Wohnungsbau« nahegebracht und ermöglicht hätten – eine unverschämte Sicht der Dinge, als ob Obdachlosigkeit in der Zeit vor 1973 und nicht erst danach zum gesellschaftlichen Missstand geworden wäre.

Suchodrevs Bilder sind ganz dem Augenblick verhaftet, frei von Sensationslust und Spekulation aufs knappe Gut der Aufmerksamkeit der Betrachter.

Wer aber an diesem Punkt auf dem Absatz kehrt machte, brächte sich um einen echten Höhepunkt zeitgenössischer Straßenfotografie, der den Besucher im zweiten Stock erwartet: Benita Suchodrevs rauschhafte »48 Hours Blackpool«. Auf ihren im Verlauf nur eines Wochenendes an der Strandpromenade Blackpools entstandenen Schwarzweißbildern ist nichts arrangiert, noch nicht einmal lauernd abgepasst: Die Aufnahmen sind tatsächlich im besten Sinne des Wortes entstanden, häufig aus der Hüfte fotografiert und nicht durch den Kamerasucher ausgewählt, beiläufig im Vorbeigehen erhascht – so gibt es weniger das zu sehen, was die Fotografin zeigen möchte, sondern eher das, was sich der Fotografin zeigen möchte, ohne Zwang, dem Augenblick verhaftet, frei von Sensationslust und Spekulation aufs knappe Gut der Aufmerksamkeit der Betrachter. »Gelegentlich drücke ich aus Hüfthöhe ab, was zu drastischen und bisweilen unerbittlichen Perspektiven führt«, schreibt die US-Amerikanerin Suchodrev im Buch zur Ausstellung. »Das ist kein weichherziges Vorgehen, aber es ist auch nicht gefühllos (…) Die Straße in eine Bühne zu verwandeln, ist nicht dasselbe, wie einen Zoo daraus zu machen, ein karnevaleskes Spektakel, das den Menschen vor der Kamera ihr letztes bisschen Würde raubt und sie in Karikaturen verwandelt, die optisch und ideologisch so verzerrt sind, dass der einzige Zweck des Bildes darin besteht, Aufsehen zu erregen.«

In dieser Hinsicht teilt die russisch-amerikanische, in Berlin lebende Fotografin das Ethos etwa des britischen Straßenfotografen Martin Parr. Und doch sind Suchodrevs Bilder anders: Zeigen Parrs tragikomische, grell beleuchtete und hoch gesättigte Farbfotografien britisches Strandleben meist direkt an der Wasserlinie und mit mehr oder minder seltsamen Tätigkeiten und Dingen beschäftigte Menschen, hält Suchodrev sich auf Distanz zu Sand und Wellen. Sie bleibt auf der Promenade und deren Seitenstraßen und zeigt nicht beschäftigte, sondern suchende Menschen – suchend nach einem klein bisschen Glückseligkeit inmitten der angestaubten Pracht und fast schon surreal pittoresken Armseligkeit des heruntergekommenen Badeortes, der einstmals nicht nur eine Goldgrube für Unternehmer in Sachen Rummel und Tingeltangel war, sondern dessen Name zugleich als Synonym für den hart erkämpften gesetzlichen Urlaubsanspruch britischer Werktätiger galt.

Die Fotografien zeigen nicht beschäftigte, sondern suchende Menschen – suchend nach einem klein bisschen Glückseligkeit inmitten der angestaubten Pracht des heruntergekommenen Badeortes.

Deren Nachfahren, degradiert, aussortiert und desillusioniert, begegnet Suchodrevs Kamera auf dem Pier, den das Wahrzeichen Blackpools dominiert, der 1894 eröffnete Blackpool Tower, eine Art zweiter Eiffelturm, dessen Basisgebäude seit damals einen Zirkus beherbergt. Suchodrev orientiert sich zwar nicht an solchen Landschaftsmarken, meidet sie aber auch nicht. Das wäre auch ein sinnloses Unterfangen, macht doch den Reiz Blackpools das trotzige Festhalten an den Relikten einer zwar nicht nur guten, aber eindeutig besseren Vergangenheit aus: Pferdekutschen chauffieren die Promenade ebenso entlang wie eine altmodische Straßenbahn; Wahrsagerinnen bieten ihre Dienste an wie in einem viktorianischen Schauerroman, chromglänzende Flipperautomaten und der an vielen Ecken verewigte Elvis Presley erinnern wehmütig an eine Zeit vor Maggie Thatcher und all dem, was ihr ­folgte.

Und so schreibt sich fast wie von selbst in Suchodrevs Bilder etwas Rausch- oder Traumhaftes ein, sie bilden eine Zeit ab, die jetzt ist, zugleich aber auch lange schon vergangen. Die, die der Kamera begegnen, .scheinen rastlos nach der verlorenen Zeit zu suchen, oft schier überfordert von der vergeblichen Anstrengung; ihre Gesten, Mienen, die Körperhaltungen zeugen davon.

Suchodrevs kontraststarke Schwarzweißbilder sind von harscher Poesie; die scharf akzentuierten und im böigen Wind der Irischen See rasch wechselnden Lichtverhältnisse zwischen Wolken und Sonnenschein spiegeln sich in den Gesichtern und Gebäuden, manches grell und gnadenlos ausgeleuchtet, manches fast unsichtbar oder seltsam abgehackt in tiefschwarzem Schlagschatten, als ob man es statt mit einer Welt mit zwei zu tun hätte, einer allzu offensichtlichen und einer, die man so eben noch ahnen kann. Benita Suchodrev selbst sagt dazu: »Ich bemerkte, dass sich die dunkle Seite von Blackpool besser im Tageslicht zeigen lässt (…) In diesem Ferienort, den Kriminalitätsrate und Armutsquote zu einem Ort machen, an dem die Heiteren auf die Mittellosen treffen, suche ich nicht nach Leere, Not oder Entfremdung. Doch zu meiner Überraschung scheine ich sie überall zu finden, bei fast jedem, den ich sehe.«

Kein Wunder, denn nach dem deprivation index, mit dem die nationale Statistikbehörde ONS die Verarmung klassifiziert, schneiden Blackpool und der Badeort Skegness an der Ostküste am schlechtesten von allen untersuchten Kommunen ab. Mittlerweile gibt es in Großbritannien einen milliardenschweren Strukturfonds für verarmte Ferienorte, die in einem »Kreislauf der Armut« ­gefangen sind, wie es etwa der Think Tank Centre for Social Justice formuliert. Der Niedergang der Industrie und die Verbilligung der Fernreisen gelten seit Jahrzehnten als Ursachen des Niedergangs: Entweder kann man es sich noch nicht einmal leisten, nach Blackpool oder gar etwa Brighton zu fahren, oder man besteigt gleich den Billigflieger nach Süden. Häuser an der Küste werden für britische Verhältnisse nachgerade verschleudert, Kapazitäten an Betten bleiben ungenutzt, Hunderte Hotels verfallen. Die Kommunen kaufen den billigen Wohnraum, um dort Unterstützungsbedürftige unterzubringen, die deshalb in großer Zahl an die Küste strömen, woran wiederum die Marketinganstrengungen der Orte verzweifeln.

Das Problem ist fast so alt wie die Deindustrie­alisierung: Schon Anfang der neunziger Jahre berichtete beispielsweise der Spiegel (26/1993) über Blackpool: »Gastronomen und Hoteliers machen pleite, außerhalb der Saison sind 45 Prozent aller Männer in Blackpool arbeitslos. Um den existenzbedrohenden Rückgang von Touristen auszugleichen, haben viele Pensionsbesitzer ihre Zimmer ans örtliche Sozialamt vermietet, das dort vor allem obdachlose Familien einquartiert. Ein fataler Kreislauf: Gerade die zahlungskräftigen Stammgäste bleiben aus, weil sie den Anblick von Fürsorgefällen im Urlaub für unzumutbar halten. Mangels ausreichender Profite – die Miet-Tarife des Sozialamts sind niedrig – verkommen immer mehr Hotels und schrecken damit neue Besucher ab. Die Folge: In Blackpool halten sich heute fünfmal mehr Obdachlose als im Landesdurchschnitt auf.« Auch sie sieht man natürlich auf Suchodrevs Bildern, neben den grell verkleideten Feiernden der Junggesellinen- und Junggesellenpartys oder den Familienausflüglern. »In ihrer Gesamtheit sollten die Bilder als ›visuelle Metapher der britischen Arbeiterklasse‹ gesehen werden«, sagt Suchodrev und wird diesem Anspruch absolut gerecht.

Ebenso wie übrigens Tish Murtha, deren Bilder in der dritten Teilausstellung zu sehen sind: Sie zeigen proletarische Kinder aus Newcastle in den ersten Jahren der Thatcher-Ära und ihre Anstrengungen, damit fertigzuwerden, dass weder die Gegenwart noch die Zukunft ihnen ­irgendetwas Nennenswertes zu bieten haben. Doch so richtig ist man nach der Reise auf die sonnenbeschienene Nachtseite des Lebens, auf die Benita Suchodrev einen mitgenommen hat, nicht mehr bei der Sache. Das liegt auf gar keinen Fall an Tish Murtha, sondern am Bann, in den einem »48 Hours Blackpool« schlägt und der einen noch Tage später festhält.

Benita Suchodrev: 48 Hours Blackpool. Willy-Brandt-Haus, Berlin. Bis 12. Mai 2019.