Feministinnen vs. Chemiekonzern

Kräuter für die Frau

Die feministische Satirezeitung »Aspirina« musste auf Druck des Bayer-Konzerns ihren Namen ändern. Wollte sich das Pharmaunternehmen wegen kritischer Berichterstattung rächen?

Der Chemie- und Pharmakonzern Bayer hat die Risiken und Nebenwirkungen der Übernahme des US-Agrarkonzerns und Glyphosatherstellers Monsanto unterschätzt. Zwar war der dadurch entstehende Imageschaden einkalkuliert, nicht aber der aus dem Kauf von Monsanto resultierende Kursverlust. Schließlich drohen in anhängenden Gerichtsverfahren wegen des Verdachts der krebserregenden Wirkung von Glyphosat Schadensersatzzahlungen in unvorhersehbarer Höhe. Mittlerweile hat das Dax-Vorzeigeunternehmen fast 40 Pro­zent seines Börsenwerts vor der Übernahme verloren. Die Anteilseigner sprachen deshalb Ende April auf der Aktionärshauptversammlung dem Vorstandschef, Werner Baumann, ihr Misstrauen aus. Doch ist die Fehleinschätzung tatsächlich allein dem »Größenwahn eines Managers« ­(Focus) geschuldet? Wie erst vergangenen Monat bekannt wurde, war der Konzern seit längerem von einer anderen Affäre abgelenkt. In Italien bekämpfte Bayer seit November 2017 eine vermeintlich besonders gefähr­liche Konkurrenz: die vor Witz und Übermut sprudelnde Zeitschrift ­Aspirina.

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Das nach der bekannten Schmerztablette benannte feministische Satiremagazin war 1987 im Umfeld des Mailänder Frauenbuchladens gegründet worden. In jenen Jahren florierte die feministische Theorieproduktion, die Publikationen der »Mailänderinnen« machten das italienische Denken über die sexuelle Differenz außerhalb der Landesgrenzen bekannt, an der Universität von Verona etablierte sich die Philosophinnengemeinschaft Diotima. Gleichzeitig hegte eine kleine Gruppe von Frauen den Wunsch, dem Feminismus nicht nur einen akademischen, sondern noch dazu einen künstlerisch-humoristischen Ausdruck zu geben. Mit einer ironischen Bildsprache wollten sie über sich selbst und die innerfeministischen Konflikte lachen können. Das neu gegründete Satiremagazin erhielt den Namen As­pirina, weil eine der Initiatorinnen, die Autorin Bibi Tomasi, wegen chronischer Beschwerden zu einer Dauerkonsumentin der berühmten Schmerztablette geworden war.

»Und wer wird die Frau retten?«

Bild:
Archiv 2. Juni

Die von Stefania Guidastri verantwortete graphische Gestaltung der ersten Hefte erinnerte in der Farbgebung an die Tablettenschachtel von Bayer. Der Schriftzug Aspirina hatte einen grünen Unterstrich. Darüberhinaus gab es keine Bezüge zum Produkt des Pharmakonzerns. Aspirina verstand sich – so der Untertitel der ersten Jahrgänge – als »Zeitschrift für Frauen weiblichen Geschlechts«. Angesprochen wurden Frauen, die nicht danach strebten, wie Männer zu sein, die keine Parität einforderten und sich nicht der staatlichen Gleichstellungspolitik verschrieben. In der Tradition des feministischen Differenzdenkens wollte Aspirina die weibliche sexuelle Differenz in ihrer Singularität, vor allem in ihrer Eigensinnigkeit zum Ausdruck bringen. Zwischen 1987 und 1991 erschienen zehn Hefte, jedes war einem besonderen Thema gewidmet. Es ging in den Comicstrips um arbeitspolitische Fragen, um die Kritik an Körperidealen, um zeitgenössische Auseinandersetzungen in der italienischen Linken und immer wieder um innerfeministische theoretische Kontroversen. Der Pharmakonzern interessierte sich in all den Jahren nicht für das nach seinem Spitzenprodukt benannte, in einer bescheidenen Auf­lage erscheinende feministische Satiremagazin. Erst im Herbst 2017 erhielten die Herausgeberinnen plötzlich eine schriftliche Aufforderung, den Titel und die dazugehörige Internetdomain aufzugeben.

Bereits 2013 war aus dem Printmedium Aspirina eine Onlinezeitschrift geworden. Jüngere Zeichnerinnen kamen in die Redaktion, die mit animierten Karikaturen, Videoclips und interaktiven Textformaten das neue Erscheinungsbild der Zeitschrift prägten. Die Verbindung zum Mailänder Frauenbuchladen lockerte sich, die Anspielung auf die Schmerztablette blieb dagegen erhalten. Aspirina nannte sich im Untertitel nun »acetylsatirische Zeitschrift«. Mit den neuen internationalen Gastautorinnen, wie Liza Donnelly vom New Yorker und der Comicautorin Alison Bech­del, wurden auch die Themen vielfältiger. Im Frühjahr 2016 veröffentlichte Aspirina einen Videoclip der venezolanischen Künstlerin und Ökofeministin Argelia Bravo, die im Jahr zuvor auf der Biennale in Venedig ausgestellt hatte. Bravo versteht ihre Arbeiten als militante Kunstaktionen gegen die als Neokolonialisierung kritisierte Agrarpolitik von Konzernen wie Monsanto. Ist Bayer erst infolge der ökofeministischen Beiträge auf Aspirina aufmerksam geworden?

Im Gespräch mit der Jungle World betont Pat Carra, eine der Gründer­innen von Aspirina, dass die Internetseite eine optimale Suchmaschinenplatzierung hatte und lange Zeit vor den Werbeanzeigen für die Schmerztablette rangierte. Allerdings dürfte die Gefahr, dass Nutzerinnen und Nutzer im Fieberwahn das acetylsalicylsäurehaltige Arzneimittel mit der acetylsatirischen Zeitschrift verwechselten, gering gewesen sein, außerdem ist bisher keine Unverträglichkeit der Schmerztabletten mit einem ­Aspirina-E-Book bekannt. Eine Klage Bayers auf markenrechtlichen Verwechslungsschutz wäre wahrscheinlich aussichtslos gewesen, da die ­Herausgeberinnen Aspirina schon vor über zwei Jahrzehnten als geschützten Zeitschriftentitel hatten registrieren lassen.

Dennoch wollte die Redaktion keine gerichtliche Auseinandersetzung mit dem Großkonzern riskieren. Man habe lange diskutiert, erzählt Carra, befreundete Anwältinnen konsultiert und sich letztlich vor allem aufgrund des ökonomischen Machtgefälles gegen einen langjährigen Rechtsstreit entschieden. »Wichtig war uns, die Arbeit der vergangenen 30 Jahre zu retten.« Das ist mit dem kreativen Neuanfang gelungen: Seit April gibt es die neue Internetseite erbacce.org, die auf das Archiv der Aspirina verlinkt und alle Ausgaben zum kostenlosen Download bereitstellt. Der von Teresa Sdralevich gestaltete Titel des neuen Blogs ­Erbacce. Forme di vita resistenti ai diserbanti (Unkraut. Herbizidresistente Lebensformen) habe sich nach den aktuellen Diskussionen über Bayers Monsanto-Übernahme von selbst aufgedrängt. Tröstlich sei der Gedanke, schreibt die Redaktion in einem der ersten Blogbeiträge, dass auch dann noch neue »ökohumoris­tische« Blüten leuchten würden, wenn die Ruinen des Bayer-Konzerns schon längst von Unkraut überwuchert wären.

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