Der analoge Mann - Aus Kreuzberg und der Welt

Verkehrsberuhigung

Kolumne Von

»Himmlische Ruhe, oder?« sage ich, während ich mein Fahrrad mit den Einkäufen am Hauseingang anlehne. »Ja, herrlich!« antwortet die Nachbarin, die auch gerade nach Hause kommt und mich erst jetzt bemerkt. »Es ist wie im Urlaub, oder als wäre jeder Tag Sonntag«, fügt sie hinzu.

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Unsere Straße wird verkehrsberuhigt. Seit fast einem Jahr wird das Kopfsteinpflaster entfernt, aber erst seit vergangener Woche ist unser Abschnitt der Straße komplett gesperrt. »Jetzt dauert es nicht mehr lange, dann ist alles fertig. Mal sehen, wie ruhig es dann wird.« »Ja, mal seh’n«, sagt sie. »Aber dafür ist jetzt in der Bergmannstraße ­jeden Tag Stau, von der Zossener bis zum Mehring­damm. Mit dem Fahrrad kommst du da gar nicht mehr durch. Total gefährlich. Ich hab’ mich ­gestern sogar verletzt, hier an der Hand. Ich hatte schon gesehen, dass es nicht mehr weitergeht, und wollte ausscheren, um das Fahrrad auf dem Fußweg weiter zu schieben, da bin ich an einem Straßenschild hängengeblieben«, sage ich und zeige ihr meine Abschürfungen. »Völlig idiotisch, was da gemacht wird«, wirft sie wütend ein. »Erst die sinnlosen Begegnungszonen und jetzt auch noch die Punkte und die Poller. Was das ­alles kostet! Und hast du gesehen, diese grünen Punkte lösen sich auch schon wieder auf«. »Kompletter Irrsinn«, pflichte ich ihr bei. »Als hätte jemand, nur um möglichst viel Geld zu verschwenden, alles, was es im Straßengestaltungskatalog an Straßengestaltungsgimmicks gibt, über der Bergmannstraße fallen gelassen. Es ist ein undurchdringlicher Parcours geworden. Hochgefährlich für Fußgänger, Fahrradfahrer und Autofahrer. Ich warte nur auf den ersten schweren Unfall.«

Unser Ärger verebbt. Wir sind uns einig. Ich löse die Spanngurte vom Gepäckträger und und bringe die Kiste mit den Einkäufen ins Haus, während sie mir die Tür aufhält. »Schönen Tag noch«, sagt sie. »Dir auch«, antworte ich fröhlich.