Science-Fiction-Film »High Life«

Verlorene Körper

Claire Denis ist Spezialistin für Körperlicheit im Kino. Mit ihrem neuen Film »High Life« bricht sie ins Universum auf.

High Life« beginnt im strotzenden Grün. Dichtes, üppiges Gewächs, Salat, Gemüse, Moos, Erde. Sprühnebel liegt in der Luft. So könnte das Paradies aussehen. Doch »High Life« spielt nicht im Garten Eden, sondern in einem schwer heruntergekommenen Raumschiff, das jenseits des Sonnensystems unterwegs ist. Mon­te (Robert Pattinson), der einzige erwachsene Überlebende auf dem Raumschiff, ist lowlife – gesellschaftlicher »Abschaum«. Zusammen mit anderen Schwerverbrechern, die sich damit von der Todesstrafe »freigekauft« hatten, ist er auf eine Mission entstandt worden, deren Ziel es war, Energie aus einem Schwarzen Loch zu gewinnen und für die Menschen nutzbar zu machen. Jetzt ist er allein mit einem Baby, seiner Tochter Willow. Und singt ihr mit brüchiger Stimme ein dunkles Schlaflied, das von Spinnen und Tausendfüßlern handelt, die über Hände und Knie krabbeln.

Ein ganzes Bündel an Themen gerät in »High Life« in die Umlaufbahn: Sex, Reproduktion, Mutter- und Vaterschaft, Technologie und Körper, Kontrolle und Macht, Raum und Grenzen.

Zärtlichkeit und Abgründigkeit liegen in Claire Denis’ Spielfilm von den ersten Bildern (Yorick Le Saux) und Klängen an (Stammkomponist Stuart A. Staples) in unmittelbarer Nähe zueinander. Lange schaut man dem Vater bei seinen fürsorglichen Routinen zu: Wie er das glucksende, brabbelnde und kreischende Baby wickelt, wäscht, anzieht, füttert und schaukelt, wie er seinen ersten Schritten zusieht. Die Kamera hat dabei keine Eile. Sie ruht auf Pattinsons kantigem, kurzrasierten Schädel, der in einem anziehenden Kontrast zu seiner Sanftheit steht. Montes Gesten sind behutsam und geduldig, seine Wor­te leise und weich. Er sagt aber auch Sachen wie: »Ich könnte dich ertränken wie ein Kätzchen.«

Strotzendes Grün: Crewmitglied Tcherny (André Benjamin) gärtnert im Biotop des Raumschiffs.

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Das erste »richtige« Wort, das nicht Babysprache ist, lautet indes: »Tabu«. Was der eigene Körper ausscheidet, isst und trinkt man nicht, erklärt der Vater, wobei ein Blick auf das Recylingsystem nahelegt, dass das Tabu bereits gebrochen ist. Dass mit Tabu natürlich noch ein anderes gemeint ist, wird spätestens klar, als Monte seine Tochter im Teenageralter (Jessie Ross) neben sich im Bett findet und darüber erschrickt. Das Wort hängt wie eine finstere Wolke, die sich nicht vertreiben lässt, über dem ­Geschehen.

»Highlife« ist der 14. Spielfilm der Regisseurin und der erste in englischer Sprache. Figuren in einem Sci- Fi, die französisch sprechen, schie­nen ihr unvorstellbar. Seit Ende der achtziger Jahre erkundet die französische Filmemacherin Erfahrungen des Unbehaustseins und, damit verbunden, die Grenzen zwischen Eigenem und Fremdem. Ihre Filme führen dabei an Orte, die manchmal Angst machen können. In »L’intrus« (2004), ihrer Adaption oder eher Adoption von Jean-Luc Nancys gleichnamigem theoretischen Text, verlagert Denis diese Grenze ganz buchstäblich in das Innerste: den Körper eines Mannes. Ein fremdes Herz schlägt in ihm. Dass sich Denis nun dem outer space zuwendet, hat fast schon etwas Zwingendes – weiter draußen geht nicht und auch die Verlorenheit könnte größer und schmerzhafter nicht sein. Weit weg ist »High Life« auch von den heroischen, wagnerianischen Erzählungen des Science-Fiction-Genres. Es gibt nichts zu entdecken und nichts zu kolonisieren, das einzige, was sich Raum nimmt, sind Destruktion, Missbrauch und Einsamkeit. In der überwältigenden Unendlichkeit des Alls sind die Menschen erst recht auf ihren inner space zurückgeworfen: Schuld, Scham, Begehren, Todessehnsucht. »High Life« ist dem Knastfilm weitaus ähnlicher als der »Space Odyssey«. In traumwandlerischen Bewegungen nimmt die Kamera immer wieder den engen Korridor in den Blick, von dem zellenartige Kammern abgehen.

Das Sci-Fi-Genre wird eher über Andeutungen als über ein realistisches, auf der Höhe der Technik gelegenes Set-Design formuliert. Es gibt eine Affinität zum B-Movie – nicht im Sinne von »schlecht gemacht«, sondern in Form von Reduktion und Rohheit. Das Raumschiff ist ein düsterer, nackter und schlecht beleuchteter Kasten, der nichts mit der Hochtechnologie Hollywoods gemein hat, die Monitore sind einfache Flachbildschirme, die so auch auf jedem Bürotisch stehen könnten. Auf einem Bildschirm flimmert ein krisseliger Indianerfilm aus der Frühzeit des Kinos. Das Greifbare und Entrückte gehen Hand und Hand. Die im Raumschiff angelegte Biosphäre, einziger Erinnerungsort an den zurückgelassenen Planeten, wirkt buchstäblich geerdet. Nicht von dieser Welt sind dagegen die Bilder einer gelben Horizontlinie, eine Art Passage zum Schwarzen Loch – es ist eine Arbeit des Künstlers Olafur Eliasson (»Contact«, 2014).

Monte und seine Tochter Willow (Robert Pattinson, Scarlett Lindsey).

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In Rückblenden, die flashartig in die Erzählung einbrechen, um sich allmählich in Raum und Zeit auszudehnen, entfaltet sich die Vorgeschichte von Monte und Willow. Archaisch fast, wie aus einem Film von Andrej Tarkowskij aus den siebziger Jahren, wirken die fragmentarischen Bilder von Montes Leben auf der Erde. Ein Hund spielte darin eine Rolle, Monte, so scheint es, tötete für ihn ein Mädchen.

Erzählt wird auch von den anderen Teilnehmern der Mission, darunter auch Willows Mutter Boyse (Mia Goth). Ihren leblosen Körper zerrt Monte mit den anderen Toten anfangs aus der Tieftemperaturkammer und entlässt sie in die Unendlichkeit des Alls.
Als sie die Mission antraten, wussten die Kriminellen offenbar weder, dass sie auf einem One-way-Ticket reisen, noch dass sie als Versuchskaninchen für Reproduktionsexperimente benutzt werden würden. Die ebenfalls verurteilte Wissenschaftlerin Dibs (Juliette Binoche), Mörderin ihrer eigenen Kinder, ist davon besessen, neues Leben zu zeugen. Monte ist der einzige Mann, der seine Körperflüssigkeit für sich behält und in der Askese seinen Antrieb findet, die anderen liefern ihren Saft im Austausch für Pillen an die »Sperma-Schamanin« ab.

Üblicherweise spielt Sexualität im Sci-Fi keine große Rolle – die Reproduktion wird auf den extraterrestrischen Gefahrenraum verschoben wie in »Alien«, die Erotik auf die Technologie. Denis aber räumt ihr einen elementaren Platz ein, zwischen Andeutung und Explizitheit.

Jahre später: Monte und mit seiner fast erwachsenen Tochter Willow (Jessie Ross).

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In einer schalldichten Masturbationskammer mit Bondage-Accessoires und silbernem Dildo, deren Gebrauch die Wissenschaftlerin in einer artifiziell-ekstatischen »Tanzszene« eindrücklich vorführt, wird die Triebabfuhr geregelt. Die einsame fuck box kann aber nicht verhindern, dass es im Raumschiff zu unkontrollierten sexuellen Handlungen, sogar Verge­waltigungen kommt. Dibs Experimente, Mord und Totschlag bringen schließlich Boyse, den Kapitän (Lars Eidinger), Tcherny (André Benjamin) und den Rest der Crew um Verstand und Leben. Das Raumschiff wird zum Totenschiff. Aber es gibt auch neues Leben: Willow. Und so bleibt auch Monte nichts anderes übrig, als mit dem seinen weiterzumachen.

Nach ihrem Ausflug in die Welt der Sprache der Liebe (»Meine schöne innere Sonne«, 2017) kehrt Denis zu der für ihre Filme charakteristischen Körperlichkeit und Taktilität zurück. Narben, Wunden und Körperflüssigkeiten – Tränen, Blut, Sperma, Muttermilch – wirken wie widerstän­dige »Äußerungen«, die die kalte Technokratie des Machtapparats irritieren. Ein ganzes Bündel an Themen gerät in »High Life« in die Umlaufbahn: Sex, Reproduktion, Mutter- und Vaterschaft, Technologie und Körper, Kontrolle und Macht, Raum und Grenzen. Sie schweben frei im Raum, anstatt sich zu Aussagen oder gar Thesen zu sortieren. »High Life« ist ein schöner, abgründiger Film der Ungewissheiten. »Willow, are we rushing forward, are we standing still?« singt Pattinson im Abspann.

»High Life« (D/F/GB 2018) Regie: Claire Denis, Darsteller: Juliette Binoche, Robert Pattinson, Mia Goth, Jessie Ross, Lars Eidinger, André Benjamin: