Der radikale Feminismus von Andrea Dworkin

Die Lust zu triggern

Andrea Dworkin zog gegen Pornographie vor Gericht und war als Männerhasserin verschrien. Die Schriftstellerin und Musikerin Johanna Fateman hat nun unveröffentlichte Texte der radikalen Feministin herausgegeben.

In deiner Einleitung zur Anthologie erwähnst du deine persönliche Verbindung zu Dworkins Werk. Wie kam sie zustande?
Mein Interesse am Feminismus führte mich zu ihr, sie war eine der ersten feministischen Autorinnen, die ich las. Punk und Riot Grrrl hatten mich mit dem Feminismus in Kontakt gebracht, waren aber noch keine Beschäftigung mit der Geschich­te, der Philosophie und der Ideologie der Neuen Frauenbewegung gewesen. Dworkin ermöglichte mir einen Zugang zu den umstritteneren Belangen, die mit Pornographie und Sex zu tun hatten und die Spaltungen im Feminismus auslösten, was mir bis dahin gar nicht bewusst gewesen war. Da war etwas Extremes an ihr, das mir ansprechend schien, etwas Grobes, das mir zudem wert schien, dokumentiert zu werden.

Anzeige

Dieses Jahr wird das erste, selbstbetitelte Album von Le Tigre 20 Jahre alt. Der Unterschied zwischen jenem Album und Dworkins Werk könnte nicht größer sein. Sie war eine überaus ernste Person, was Politik anbelangt, absolut spaßbefreit in ihrer Erscheinung. Du hingegen hast in einer Band gespielt, die es mit Entertainment ernst meinte – eine Gruppe, bei der Party und Protest ununterscheidbar waren.
Mein Interesse an ihr mit Le Tigre zu verbinden, wäre tatsächlich ziemlich abstrakt. Künstlerisch gibt es keinen wirklichen Bezug. Als Autorin finde ich viel Freiheit und Inspiration, wenn ich Dworkin lese, weil sie so unverfroren und direkt ist, und möglicherweise ähnelt eine gewisse Direktheit der Message von Le Tigre. Es stimmt schon, es ist ein sehr großer Kontrast. Mein künstle­rischer Bezug zu ihr ist persönlicher – als Autorin, nicht als Musikerin.

Johanna Fateman hat eine Anthologie mit den Texten Dworkins mit herausgegeben.

Bild:
The MIT Press

Deine Anthologie dokumentiert die Veränderungen in Dworkins Denken – von der gegenkulturellen, revolutionären Leidenschaftlichkeit der siebziger Jahre zur staatstragenden Feministin, die an das Gesetz appellierte. Was Letzteres anbelangt, erinnert man sich vor allem an ihren Einsatz gegen Pornographie. Du hast dich jedoch dazu entschieden, diesen Strang ihres Werks, den sie bekanntlich mit der Juristin Catharine MacKinnon verfolgt hat, auszulassen.
Für mich sind das Dworkins bekannteste Arbeiten. Zugleich ist das eine Debatte, die nirgendwohin führt und gerade nicht von Belang ist. Zudem ist das nicht die Dworkin, die vorgestellt werden muss – wer sich in der Geschichte der feministischen Sex Wars der achtziger Jahre auskennt, weiß davon. Im Buch geht es eher um die Autorin Dworkin, nicht um die Aktivistin. Natürlich ließe sich argumentieren, dass diese Aspekte unentwirrbar sind, ich sehe aber einen Unterschied zwischen ihrer künstlerischen und philosophischen Produktion und ihren Bemühungen, die Gesetzgebung zu beeinflussen. Und ich wollte nicht nochmals das selbe alte Zeug vorlegen. Ich habe mit Archivmaterial gearbeitet, und John Stoltenberg, Dworkins Witwer, war sehr hilfsbereit. Ihr Vater hatte jeden Brief, den sie an ihre Eltern geschrieben hatte, aufbewahrt; sie alle sind nun im Archiv. Durch sie kann man erkennen, dass sie eine suchende, radikale, verlorene Person war – sie war ihren Eltern sehr verbunden und wollte, dass diese stolz auf sie sind. Ich fand es sehr bewegend, diese Briefe zu lesen.

Welche Texte haben dich selbst am meisten überzeugt?
Ich war von »Intercourse« überrascht, wie gut es sich heute liest und wie sich Leute heutzutage darauf einlassen. Als es erstveröffentlicht wurde, bewertete man es hauptsächlich als Verdammung heterosexuellen Geschlechtsverkehrs und männlicher Sexualität. Inzwischen ist die Queer Theory aufgetaucht und Sex ist in deren Zuge dekonstruiert worden, sodass Geschlechtsverkehr nicht mehr diese zentrale Bedeutung hat. Dworkin ist knifflig, mehrdeutig und lässt es offen, ob sie nun sagt, dass es möglich sei, Geschlechtsverkehr zu haben und als Ausdruck von Gleich­heit zu erleben – oder nicht.

Gab es Material, das so abstoßend war, dass du dich entschieden hast, es auszulassen?
Nein. Die verstörendsten Aspekte an ihr waren diese persönlichen Sachen, die zwischen ihr und anderen Feministinnen passiert sind, die aber nicht öffentlich zugänglich sind und deshalb unmöglich aufzunehmen waren. Ich habe Sachen reingenommen, mit denen ich nicht einverstanden bin. Kommentare zu race oder Dinge, von denen ich denke, dass sie faktisch nicht korrekt sind oder wegen derer ich andere Bedenken habe. Ich wollte Dworkin nicht als eine andere darstellen, als sie war, und habe nicht versucht, Fehler zu verbergen oder das, was kontrovers ist.

Was das angeht, kann man deutlich sehen, wie taktisch Dworkin mit Übertreibung arbeitete.
Und mit Verallgemeinerungen, die sie durchschlagend einsetzt. Und genau dafür wird sie angeklagt. Solchen Einwänden würde ich antworten: Gestattet ihr, ihren Punkt zu machen – so funktioniert Rhetorik!

Es gibt ein paar bemerkenswerte Überraschungen. Ihr kurzes Stück zu Androgynie beispielsweise, in dem sie versucht, über die Zweigeschlechtlichkeit, über Geschlechterrollen hinauszudenken.
Ja. Und es gibt diese Passage in »Woman Hating«, die ziemlich protrans ist. Dworkin benutzte das Wort »transsexuell« – eine Bezeichnung, die bekanntlich heutzutage nicht mehr oft verwendet wird – und argumentier­te, dass geschlechtsangleichende Ope­rationen ein Menschenrecht seien und von der Gesellschaft bereitgestellt werden sollten. Ich dachte darüber nach, das aufzunehmen, weil das in jener Zeit solch eine faszinierende Position war, die man einnehmen konnte, meinte aber, dass das ein bisschen erzwungen wirken könnte – wie eine Antwort auf die transexkludierenden Feministinnen und deren besitzergreifende Haltung gegenüber Dworkins Arbeit. Das Androgynie-Stück war im Gegenstz dazu etwas entwickelter.

Historisch besonders interessant ist Dworkins polemisches Stück »Goodbye to All This« – ihre Abrechnung mit ihren feministischen Zeitgenossinnen, die diese reihum ansprach und die absichtlich schockierend war. So etwas heute zu tun, Personen derart anzureden und zu sagen, dass etwa ein bestimmter Theoriestrang einen irrigen Pfad eingeschlagen hat, würde unweigerlich deutliche Konsequenzen zur Folge haben – man könnte gefeuert, verbannt, lächerlich gemacht werden.
Dieses Stück wurde nicht publiziert, als sie lebte. Es ist unverschämt – gemein und gezeichnet von Kränkungen. Andrea Dworkin hätte man aber gar nicht feuern können, weil sie keinen Job hatte. In dieser Hinsicht war sie eine echte Außenseiterin.

Dworkin befasste sich Zeit ihres Lebens umfänglich mit Kunst auf der einen, mit dem Staat auf der anderen Seite. Was Letzteren betrifft, entwickelte sie sich von einer überzeugten Staatsgegnerin zu dessen Komplizin.
Deinem Urteil würde ich mich auf jeden Fall anschließen; ich denke, dass das treffend ist. Für sie war das jedoch kein »Ich bin gegen den Staat / Ich bin für den Staat« – sie glaubte wirklich, dass ein Krieg gegen Frauen im Gang sei, und dachte: »Verdammt, ich werde alles ausprobieren.« Sie lebte in einem Zustand der Verzweiflung und der Panik und war deswegen bereit, diese Komplizenschaft auszuprobieren. Ich denke nicht, dass sie irgendwann rechts wurde, was Ideen und Werte anbelangt. Sie dachte, dass es ein Krieg sei, »und wenn ich irgendwas machen kann, um Leben zu retten, mache ich es«. Ihre Reputation wird sich nie davon erholen. Ein Teil des Problems, das sich gegenüber ihrem Denken heute ergibt, kommt von Feministinnen, die ich als staatstragend bezeichnen würde, die gegen Sexarbeit sind oder antitrans und die beanspruchen, ihre Erbinnen zu sein. Was traurig ist, weil ich denke, dass sie sich nicht als Mitstreiterin dieser Leute betrachtet hätte, wenn sie noch am Leben wäre. Ihr Witwer John Stoltenberg ist wirklich engagiert, diesen Riss zwischen trans liberation und Radikalfeminismus zu erkunden und zu bearbeiten.

Sieht man sich Dworkins mehrere Jahrzehnte umfassende Arbeit heute an, zeigt sich, dass die für sie wesentlichen Belange – Abtreibung, häusliche Gewalt, die Gesetzgebung – noch immer zentral, ungelöst und umkämpft sind. Liest man sie, fühlt es sich an, als ob einen eine historische Stimme anbrüllt, sich absolut vordringlich mit diesen Themen zu befassen.
In den Vereinigten Staaten erleben die feministischen Strömungen gerade ein böses Erwachen, was die ­Saturiertheit bei Angelegenheiten wie sexuelle Gewalt, Abtreibungs- und Reproduktionsrechten – welcher Fortschritt auch erreicht worden sein mag, er kann eines Tages wieder weggenommen werden. Die Zeit, in der wir das Privileg hatten, Bewegungsfeminismus von feministischer Kultur zu trennen – ich weiß nicht, wie ich diese Kluft anders bezeichnen kann –, könnte vorüber sein; in diesem Land tritt nun der Ernstfall ein. Möglicherweise könnte man sagen, dass es niemals nicht der Ernstfall ist, aber hier sind die Dinge schlechter geworden und könnten sogar noch schlechter werden.

Hast du eine Empfehlung für eine jüngere Feministin, die sich gerade einliest? Weshalb sollte sie zu der Anthologie greifen?
Ich denke, meine all dem zugrunde liegende These ist die folgende: Es gibt diese dialektische Beziehung zwichen den verschiedenen feministischen Wellen. Die dritte Welle – »meine« Welle, nehme ich an –, sagte »Feminismus kann Spaß machen!«, »Du kannst Lippenstift tragen!«, »Du kannst aussehen, wie Du willst!«, »Du kannst Deine Sexualität ausdrücken, wie Du möchtest!« Das war gewissermaßen eine Reaktion auf das Dworkin-Bild einer Feministin: »Befriede nicht das Patriarchat!«, »Leh­ne Schönheitsideale ab!« und so weiter. Aber indem wir uns so verhielten – haben wir denjenigen, die wie Andrea Dworkin sein wollten, noch Platz gelassen? Sie war wirklich fett, trug Overalls, legte keinen Lippenstift auf und versuchte ganz und gar nicht, es Männern recht zu machen. Das hat etwas Starkes an sich, und etwas wirklich Rebellisches, und für solch einen Feminismus sollte es ebenfalls Raum geben. Junge Feministinnen, mit denen ich über das Buch spreche, sind von Dworkins Wut wirklich angeregt: »Du bist mit Feministinnen nicht einer Meinung? Fick dich, wir müssen das nicht klären.« Sie hat nichts mit Leuten geklärt, sondern bahnte mit dem, was sie für richtig hielt, den Weg.

Provokation war für ihre Theorie wie ihre schriftstellerischen Arbeiten zentral. Sie wollte Prosa schreiben, die »furchteinflößender als Vergewaltigung, kläglicher als Folter, eindringlicher und destabilisierender als Prügel« ist – wenn du oder ich das heute machen würden, und sei es nur als Stilmittel, würden unsere Schriften mit Trigger-Warnungen übersät werden.
Ja. Ich frage mich, was Dworkin von dieser Art heutiger Kultur halten würde: Was sind Trigger-Warnungen eigentlich, und was teilen sie uns tatsächlich mit? Im Grunde sagte sie: Ich will, dass es triggert, dass es so triggernd und so schrecklich wie möglich ist – und das ist schlagkräftig.