Zum Tod von Jörg Stübner

Dresdens sympathischster Wendeverlierer

In der DDR war Jörg Stübner ein Fußballstar. Nach der Wende kam er im Profifußball nicht zurecht.

Die Nachrufe waren längst geschrieben und lagen bereit in den Schub­laden der lokalen Zeitungsredaktionen. Die Nachricht vom frühen Tod des einstigen »Mannes für Spezialaufgaben« (Eduard »Ede« Geyer) hätte ­eigentlich niemanden überrascht, wenn nicht Jörg Stübner, genannt »Stübs«, in den vergangenen Monaten eine Art Comeback gefeiert hätte. »Jörg Stübner wieder da!« titelte Bild Anfang Mai und schob noch die ­positive Nachricht »Dynamos abgestürzter Ex-Star auf dem Weg zurück ins Leben« hinterher. Mitte Februar sah man den 47maligen DDR-Nationalspieler beim Heimspiel von ­Dynamo Dresden gegen Jahn Regensburg auf der Ehrentribüne, mit seinem ehemaligen Trainer »Ede« als kollegialem Sitznachbarn. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit: Auf dem einen oder anderen Foto glaubten Beobachter Stübner sogar altersmilde lächeln zu sehen. Am Spiel jedenfalls konnte es nicht gelegen ­haben, die trostlose Zweitligapartie endete ohne Tore.

1985 schaltete das junge Talent Jörg Stübner während eines WM-Qualifikationsspiels im Leipziger Zentralstadion den erfahrenen Weltstar Michel Platini komplett aus.

Mit einem Stübner in früherer Form auf dem Feld wäre das Spiel anders gelaufen. Dresdens sympathischster Wendeverlierer spulte in seiner besten Zeit die Kilometer mit Leichtigkeit ab, kratzte und biss zu jeder Spielminute, während seine Gegner frühzeitig die Auswechslung herbeisehnten. So gab sich zum ­Beispiel der französische Superstar Michel Platini, damals Europas Fußballer des Jahres, im September 1985 während des WM-Qualifikationsspiels gegen die Nationalmannschaft der Deutschen Demokratischen ­Republik die Ehre. Das junge Talent Stübner schaltete im Leipziger Zentralstadion den erfahrenen Weltstar Platini über die gesamte Spielzeit hinweg aus. Der Jungspund habe seinen Gegenspieler »regelrecht zur Sau« gemacht, kommentierte Mitspieler Andreas Trautmann die grandiose Leistung. Zur Überraschung der internationalen Fachpresse gewann die DDR-Nationalmannschaft.

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Begonnen hatte die Karriere des Ausnahmetalents in Halle an der Saale bei der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Motor. Nach sechs ­Jahren in deren Nachwuchsabteilung wurde Stübner 1979 zur SG Dynamo Dresden delegiert – ein übliches Verfahren im DDR-Fußballsystem. Spieler durften im Staatssozialismus nicht transferiert werden. Es gab auch keine finanzielle Vergütung, die besten Spieler wurden den jeweiligen Spitzenclubs zugewiesen. Dieses System führte dazu, dass die Betriebssportgemeinschaften das Nachsehen hatten, während die Fußballclubs profitierten. Die besten Talente wurden zu den von der SED-Staatsführung bevorzugten Vereinen delegiert.

Das Pech der BSG Motor Halle war das Glück der Sportgemeinschaft Dynamo aus Dresden. »Stübs« landete in der Jugendabteilung jenes Sportvereines, der von Repressionsorganen der DDR (Ministerium für Staatssicherheit, Volkspolizei und Zoll) finanziert wurde und sie sportlich repräsentierte. Zum Saisonstart 1983 zog der damalige Trainer Klaus Sammer in Ermangelung gesunder Routiniers neben Ulf Kirsten auch Jörg Stübner in die erste Mannschaft – ein unglaublicher Glücksgriff. Die beiden Talente durften zunächst ­gegen die BSG Chemie Leipzig spielen, setzten sich danach schnell als Stammspieler durch und prägten maßgeblich die achtziger Jahre des Vereins.

In jener Zeit gewann Stübner mit seinen Mannschaftskameraden zwei Meisterschaften (1988/1989 und 1989/1990) und wurde dreimal Pokalsieger. Im Europacup sorgte Dynamo immer wieder für Furore. So erreichte der Verein in der Saison 1988/1989 erstmals das Halbfinale des Uefa-Cups. Die Mannschaft scheiterte zwar am VfB Stuttgart, es war aber ein wohltuender Ausflug in internationale Gefilde; das unwürdige Ausscheiden aus dem Europa­pokal der Pokalsieger beim sogenannten Wunder der Grotenburg 1986 (3:7-Niederlage bei Bayer Uerdingen) saß bis dahin noch tief. Bei den ­Reisen in das »kapitalistische Ausland« hatte Stübner trotz Verbots immer seinen Personalausweis dabei. Es blieb aber bei Fluchtgedanken, weil die Bindung zu den Verwandten letztlich stärker war. »Ich ärgere mich deswegen nicht«, erzählte Stübner in diesem Jahr der Sächsischen Zeitung in seinem letzten Interview, »weil ich Dresdner bin und immer Dresdner bleiben werde.« Insgesamt bestritt der Mittelfeldspieler 29 ­Europacupspiele, spielte über 150mal in der DDR-Oberliga und kam trotzdem nie über fünf Bundesligaspiele hinaus. Grund dafür war nicht nur sein Verletzungspech.

»Damals, die Wende, ich habe das nicht verkraftet, absolut nicht. Ich war doch nicht nur Dynamo-Spieler, sondern ein Mensch mit Seele«, ­versuchte Stübner in dem Interview zwei Monate vor seinem Tod die ­damalige Situation in Worte zu fassen. Der Umbruch sei »emotional eine Katastrophe« gewesen. Seine Freunde aus der Mannschaft wech­selten in den Westen, während er lukrative Angebote, unter anderem von Hertha BSC, ausschlug. Immer weiter zog er sich zurück, die Ver­letzungen taten ein Übriges. Im Frühjahr 1993 kündigte Dynamo Dresden dem Spieler, der danach im Profifußball nicht mehr zurechtkam. Ein kurzes Intermezzo bei Sachsen Leipzig endete genauso schnell wie sein Engagement in Neubrandenburg. »Ich war nirgends glücklich«, beschrieb Stübner die wechselvolle Zeit. Neben dem Alkohol, dem er exzessiv zusprach, waren es vor allem Tabletten, die ihn schon damals beinahe umbrachten.

1995 wachte »Stübs« auf einer ­Intensivstation auf. Der schnelle Mittelfeldspieler erlitt im Alter von 30 Jahren einen Kreislaufkollaps. Zu dieser Zeit spielte Ulf Kirsten in Bayer Leverkusen zwar gerade gegen den Abstieg, aber immerhin noch bis zur Saison 2002/2003 und erzielte allein in der Bundesliga 181 Tore. Andreas Trautmann hingegen wurde schon im Jahr 1992 von seinem Herzensverein Dynamo entlassen. Der Spieler war jahrelang für die Staatssicherheit als »inoffizieller Mitarbeiter« tätig gewesen. In der Bundesliga kam der eisenharte Verteidiger nicht mehr zum Einsatz. »Bereits vor dem 3:3 gegen Eisenhüttenstadt stand die Qualifikation für die Bundesliga fest. Natürlich hätte ich gern noch in der ersten Liga gespielt, aber ich wurde aussortiert«, erinnerte sich der mittlerweile 60jährige Trautmann im Gespräch mit dem Online-Portal Sportbuzzer.

Die Freiheit nach dem Mauerfall entpuppte sich für viele angestammte DDR-Bürger als marktvermittelte Einsamkeit. Von der Staatsführung und -sicherheit eng umhegte Spieler der Spitzenvereine gerieten in jener Zeit an mehr oder weniger windige Berater oder sie fielen den neuen Umständen zum Opfer. Ersteres ermöglichte einigen ehemaligen Oberligastars eine fulminante Zweitkarriere im Profifußball. Diejenigen aber, die unter Selbstzweifeln und Depressionen litten, endeten irgendwo zwischen Amateurdasein und ­Arbeitslosigkeit. Jörg Stübner gab sich selbst  die Schuld für sein Karriere­ende, nicht dem Trainer aus dem Westen oder anderen Pappkameraden.

»Wenn ich Glück habe, bleiben mir noch 20 Jahre«, sagte er zwei Monate vor seinem Tod einem ­Journalisten. Doch das Glück hatte »Stübs« bereits vor 30 Jahren ver­lassen, als die alten Sicherheiten verschwanden und viele mit »der ­neuen Freiheit nicht zurechtkamen«, wie Stübner es viel später, im Jahr 2010, beschrieb.

Am 24. Juni verstarb er im Alter von 53 Jahren in seiner Wohnung in Dresden.

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