Die Abschottungspolitik der EU

»Die Sahara ist ein Friedhof«

Niger spielt für Europa den Türsteher und zwingt Flüchtlinge auf lebensgefährliche Routen, sagt Ibrahim Manzo Diallo. Der Aktivist rettet Geflüchtete, die in der Wüste um ihr Leben ringen.
Interview Von

Sie leben in Agadez, wo sich auch das Büro von »Alarmphone Sahara« ­befindet. Die Stadt gilt heute als ­europäischer Grenzposten in Westafrika. Warum?
Nachdem das libysche Regime von Muammar al-Gaddafi 2011 zusammengebrochen war, fiel mit ihm die Mauer, die irreguläre Migration von Europa fernhielt. Tausende und Abertausende Menschen aus dem subsaharischen ­Afrika machten sich über Niger nach Libyen auf, um nach Europa überzu­setzen. Als größte Stadt im Norden des Landes, wo Niger an Algerien, Libyen und den Tschad grenzt, wurde Agadez zum Zentrum für Migration Richtung Europa.
Europäische Politiker setzten daraufhin alles daran, diese Migrations­ströme zu unterbinden. Im November 2015 luden sie afrikanische Präsidenten zum Gipfel nach Valletta in Malta ein und entschieden, den EU-Grenzschutz nach Afrika zu verlagern – nicht nur nach Libyen, sondern bis in die Stadt Agadez hinein.

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Was bedeutet das?
Eigentlich garantiert ein Protokoll der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) den freien Personenverkehr zwischen den Ländern dieses Staatenbundes – wie im Schengen-Raum. Zum Beispiel konnte ein Staatsangehöriger Burkina Fasos früher problemlos bis zur libyschen Grenze reisen. Heute kommt er nicht mehr über Aga­dez hinaus. Denn seit die EU es für dringend nötig hält, die Migrationsbewegungen zu stoppen, hat das nigrische Parlament ein Gesetz erlassen, das den Transport von Migranten kriminalisiert.

Was ist das für ein Gesetz?
Das Gesetz hat die Nummer 2015-36. Eigentlich ist es ein landesweites ­Gesetz. Allerdings können Migranten problemlos von Niamey im Süden nach Tahoua und anschließend nach Agadez im nördlichen Teil des Landes reisen. Erst dann greift das Verbot. Wer es wagt, weiter nach Norden zu fahren, wird gestoppt. Das Transportfahrzeug wird konfisziert und der Fahrer ins ­Gefängnis gesteckt.

Wie macht sich das in Agadez bemerkbar?
Als Durchgangsstation nach Libyen hat Agadez viel wirtschaftlichen Fortschritt bekommen, aber damit ist es nun vorbei. Wer in Agadez heute nach 19 Uhr auf die Straße geht, sieht nur noch Sicherheitskräfte und Polizei. Das ist in allen Vierteln der Stadt so. Sie patrouillieren, um zu schauen, ob es Fahrzeuge gibt, die Migranten ein­laden. Jede Nacht. Diese Ordnungskräfte wurden von der zivilen Aufbaumission EUCAP Sahel ausgebildet, um gegen Migranten und Schleuser vorzugehen.