Verbotene Substanzen im Amateursport

Doping für Likes

Immer mehr Freizeitsportler nehmen leistungssteigernde Substanzen zu sich. Das Geschäft mit verbotenen Dopingmitteln ist inzwischen lukrativer als der Drogenhandel.

Die Tour de France ist vorbei. Die große Freude, dass der Quotenbringer reibungslos über die Bühne ging, steht dem ungläubigen Staunen der Experten gegenüber, dass die welt­berühmte Frankreich-Rundfahrt auch in diesem Jahr von Dopingskandalen verschont geblieben ist. Der letzte große Dopingfall bei der Tour liegt bereits sieben Jahre zurück.

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Ein Grund dafür soll das Umsteigen auf sogenannte Nahrungsergänzungsmittel sein, die nicht auf der Liste der verbotenen Mittel stehen, wie zum Beispiel Ketone. Derzeit finde »ein Wechsel von Anabolika, Eigenblutdoping und Epo auf eine Vielzahl von in der Wirkung zweifelhaften Stoffen« statt, sagte der Nürnberger Pharmakologe und Dopingexperte Fritz Sörgel dem Portal Sport1. »Bei Epo und Blut lag der Fokus auf Sauerstoffversorgung und mehr Energie für den Muskel, jetzt heißt es direkt Energie in den Stoffwechsel bringen und so die Leistungsfähigkeit des Muskels erhöhen«, so der Wissenschaftler.

Statt der althergebrachten, zumindest teilweise wissenschaftlich ­geprüften Dopingmittel sind nun vermeintliche Wundermittel verbreitet. Diese seien zwar legal, aber »da wird alles genommen, was die Küche hergibt und die Chance hat, den Stoffwechsel Richtung Leistungssteigerung zu dirigieren«, so Sörgel über die schwer zu kalkulierenden Risiken.

In den meisten Fällen jedoch sticht die Aussicht auf Erfolg die persönlichen Bedenken aus – nicht nur bei den Profis. Jahrzehntelang waren Anabolika in den Fitnessstudios ein ständiger Begleiter. Man müsse davon ausgehen, »dass ein Großteil der ›richtigen‹ Hardcore-Bodybuilder anabole Steroide nimmt«, sagte der Leistungsmediziner Klaus-Michael Braumann bereits vor sechs Jahren dem Spiegel.

Lukrativer als die Drogenszene

Obwohl die Gegenbewegung des »natural bodybuilding« ihr Schattendasein verlassen hat, muss man Braumann zufolge noch immer damit rechnen, dass im Bodybuilding »mehr als in anderen Sportarten gedopt wird«.

Erst eine Razzia Anfang Juli brachte die Dimensionen des internationalen Handels mit illegalen Präparaten ansatzweise ans Licht. Bei der »Operation Viribus«, dem Europol zufolge größten Antidopingeinsatz überhaupt, fanden in über 30 Ländern Durchsuchungen statt. Dabei wurden 3,8 Millionen Präparate sichergestellt, darunter 24 Tonnen Steroidpulver, mehrere Geheimlabore wurden entdeckt und 234 Menschen festgenommen.

Im Rahmen der Razzia seien bei Sportveranstaltungen 1.357 Urin- und Bluttests vorgenommen worden. Die europäischen Ermittler hatten von Mitte Januar bis Ende April in einer konzertierten Aktion zusammengearbeitet und präsentierten nun die Ergebnisse ihrer Ermittlungen. Fast 1.000 Personen wurden wegen der Produktion, Veräußerung oder Verwendung ­illegaler leistungssteigernder Substanzen angezeigt, in ganz Europa wurden 839 Strafverfahren eingeleitet, 463 davon allein in Deutschland.

Die internationalen Sicherheitsbehörden haben unter Federführung Italiens und Griechenlands neun Untergrundlabore ausgehoben. »In den vergangenen 20 Jahren hat der weltweite Handel mit Anabolika dramatisch zugenommen«, teilte Europol über die »Operation Viribus« mit. Sörgel zufolge gilt »die Dopingszene mittlerweile als lukrativer als die Drogenszene«. Die Konsumenten seien hauptsächlich nichtprofessionelle Fitness- und Ausdauersportler sowie Bodybuilder.

Dealen über soziale Medien

Experten gehen davon aus, dass rund 80 Prozent der Abnehmer aus dem Freizeit- und Breitensport kommen. Angetrieben vom sich immer weiter verbreitenden Selbstoptimierungswunsch und der verzweifelten Suche nach Anerkennung in virtuellen Netzwerken nehmen sie bereitwillig zweifelhafte Präparate zur Leistungssteigerung ein und damit mögliche negative Konsequenzen für die Gesundheit in Kauf.

Vor zwei Jahren schockierte das Schweizer Instagram-Modell Anja Zeidler ihre Fangemeinde mit der Enthüllung, sie habe in ihrer Trainingsphase zu verbotenen Substanzen gegriffen. Dabei handelte es sich nach ihren eigenen Angaben um ­einen Mix aus verschiedenen Medikamenten, die eigentlich verschreibungspflichtig sind. »Seien Sie sicher, dass es kein einfaches Proteinpulver war«, sagte Zeidler der Tageszeitung Die Welt.

An die Mittel, egal ob in Form von Tabletten oder Spritzen, kam sie leicht heran. Es ist kein ­Geheimnis, dass in der Szene gute Geschäfte gemacht werden. »Dazu ­gehören auch Trainer, die Medikamente besorgen und mit sattem Aufschlag an ihre Athletinnen verkaufen«, so Zeidler. Die Kunden zahlten meist mit wiederaufladbaren Kreditkarten oder auch mit Kryptowährungen. Neuerdings nutzen die Dealer verstärkt soziale Medien, um für den Kauf der Substanzen zu werben und ihre Geschäfte abzuwickeln.

Auf der Suche nach dem Kick

Der sorglose Umgang mit Dopingmitteln gerade im Freizeitsport ist die Grundlage für lukrative Geschäfte. Das hat die Razzia im Juli deutlich gemacht. Jedoch ist es wie im Bereich des organisierten Drogenhandels auch hier nicht möglich, den Handel völlig zu unterbinden, solange eine Nachfrage nach sportlichen Höchstleistungen besteht – egal, ob es sich dabei um professionellen oder privat betriebenen Leistungssport handelt.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass der Körper eigene Stoffe ausschüttet, um sich zu belohnen. Vor allem im semiprofessionellen Ausdauerbereich kommt ein Phänomen ­häufig vor, das in der Öffentlichkeit als runner’s high bekannt ist. Die weitverbreitete Annahme, dieses Hochgefühl komme dank der Ausschüttung von Endorphinen ­zustande, wurde vor vier Jahren wissenschaftlich widerlegt. Eine Gruppe deutscher Forscher wies nach, dass tatsächlich die Ausschüttung körpereigener Cannabinoide notwendig für das Auftreten des runner’s high ist.

Beim Gewichtheben und wohl auch bei vielen anderen kraftaufwendigen Übungen im Fitnessclub kommt es zu einem ähnlichen Phänomen. Bei diesen sportlichen Tätig­keiten sollen endogene Pentapeptide ausgeschüttet werden, die Enke­phaline. Dabei handelt es sich um vom Körper produzierte Opioide. Leistungssteigernde Präparate sorgen bei richtiger Anwendung also für den Ausstoß körpereigener Drogen. Keine erfreuliche Erkenntnis – vor allem nicht für jene Instagram-Bodybuilder, die sich mit ihrem ­unermüdlichen Einsatz positiv von dem Klischee der kiffenden Couch­potato absetzen wollen. Am Ende müssen beide zum Dealer ihres Vertrauens.