Die Türkei geht gegen syrische Flüchtlinge vor

Im Nationalismus geeint

Seite 3 – Jeder zweite Syrer in Istanbul sei unregistriert

Selbst bei der als liberal geltenden Medienplattform T24 finden sich entsprechende Beiträge. In vielen türkischen Städten habe sich das Stadtbild durch die syrischen Geflüchteten enorm verändert, meint der Kolumnist Mehmet Y. Yılmaz auf T24: »In Istanbul halten sich über 550.000 registrierte syrische Asylsuchende auf. (…) In Gaziantep und Şanlıurfa ist jeder fünfte Einwohner Syrer. In Hatay liegt die Rate bei einem Viertel! (…) Und Kilis! In dieser Stadt haben nur zwei von zehn Personen einen türkischen Personalausweis, acht sind ­Syrer! (…) 1.685.000 syrische Flüchtlinge sind unter 18 und haben keinen Zugang zu Bildungsmöglichkeiten! Was, würden Sie sagen, steht der Türkei in naher Zukunft bevor? Ich beantworte das mal: hoffnungslose, verzweifelte Menschen, die keine Erwartungen mehr ans Leben haben!«

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Tatsächlich spricht Istanbuls Bürgermeister Imamoğlu von einer Million syrischer Flüchtlinge in der Stadt, jeder zweite halte sich unregistriert in Istanbul auf. In Gaziantep besteht die Bevölkerung mittlerweile zur Hälfte aus Syrern. Innenminister Süleyman Soylu gab Ende Juli die Zahl der in die Türkei geflüchteten Syrer mit 4,2 Millionen an.

Die Welt müsse Nachsicht mit der türkischen Regierung haben, fordert Nagehan Alçı in der regierungstreuen Tageszeitung Daily Sabah: »Die jetzige Regierung hat sehr viel Verantwortung übernommen, aber da die weit verbreitete Propaganda immer effektiver wird, fangen jetzt auch die Unterstützer der AKP an, sich über die Einwanderer zu beschweren, was die AKP-Regierung in eine schwierige Situation bringt. (…) Deshalb sollte die Welt, vor allem die EU, die schwierige Situation von Recep Tayyip Erdoğan und der türkischen Regierung verstehen. Die EU hat nie genug finanzielle Unterstützung geleistet. Die Türkei hat die versprochenen Summen nie erhalten, und sie hat versucht, die Last selbst zu schultern, aber es ist zu viel.«

Die Erwartungen an das Flüchtlingsabkommen gehen weit auseinander. Die EU hat vor zwei Jahren drei Milliarden Euro in die Türkei fließen lassen, aber nur einen Bruchteil in die türkische Staatskasse. Das Geld wurde zweckgebunden eingesetzt, um zu verhindern, dass die Regierung damit ­ihren Haushalt ausbessert. Die Kolumnistin Alçı reagierte mit ihrem Text auf eine Umfrage nach den Kommunalwahlen in Istanbul. Eine Erhebung der Istanbuler Kadir-Has-Universität ergab kürzlich, dass 68 Prozent der befragten Türkinnen und Türken mit der Anwesenheit syrischer Flüchtlinge nicht einverstanden seien und dies als zweitwichtigstes Problem nach der kriselnden Wirtschaft betrachten.