Fleisch aus Stammzellen

Ein Huhn für alle

Ist künstliches Fleisch koscher?
Kolumne Von

Kommt in Zeiten des Klimawandels die Rettung für Karnivoren aus Israel? Unternehmen des Landes sind führend bei der Produktion von Fleisch aus Stammzellen. »Theoretisch könnte ein Huhn die ganze Welt ernähren«, schwärmt Ido Savir, der CEO von Super Meat. Auch dieses eine Huhn muss nicht sterben. Es müssen nur Stammzellen entnommen werden, diese können in jeden Zelltypus verwandelt werden. Es wird also auch die Wahl zwischen Brust und Keule geben – wenn alles klappt, denn noch befinden sich die Produktionsverfahren im Versuchsstadium. Problematisch für die ökologische Bilanz ist vor allem der bislang sehr hohe Energieverbrauch, aber die Produktionsverfahren sind weit genug entwickelt, um solvente Investoren wie Bill Gates und den Agrarkonzern Cargill anzuziehen.

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Aber um was für ein Produkt handelt es sich eigentlich? Diese Frage ist vor allem für jene von Bedeutung, die Nahrungstabus beim Fleischkonsum beachten. Ist das koscher? Handelt es sich womöglich gar nicht mehr um Fleisch, so dass orthodoxe Juden guten Gewissens einen Cheeseburger und Muslime einen Schweinebraten verzehren könnten? Abdul Qahir Qamar, Direktor für Fatwa- und Sharia-Regeln der International Islamic Fiqh Academy, hält cultured meat für vegetativ »wie Joghurt« – aber es müsse schon »von Tieren genommen werden, die als halal gelten«. Diese Argumentation ist nicht ganz schlüssig, aber unter islamischen Theologen herrscht offenbar Konsens, die Quelle des cultured meat als entscheidend zu betrachten. Nur wenn diese halal ist, ist es auch das Fleisch. Also kein Schweinebraten für strenggläubige Muslime, aber eine Exportchance für israelische Unternehmen, sofern der Trend zur Normalisierung der Beziehungen zu diversen islamischen Staaten, insbesondere den auf Nahrungsmittelimporte angewiesenen und solventen Golfmonarchien, anhält.

Die meisten Rabbiner ziehen einen ähnlichen Analogieschluss wie die islamischen Theologen, aber die Debatte ist komplexer, da orthodoxe Gruppen wie Chabad ungewöhnliche Argumente ins Spiel bringen. Eine Erzählung im Talmud berichtet, dass Gott zwei Löwen, die Rabbi Shimeon ben Chalafta bedrohten, zwei Stücke Fleisch vom Himmel herabsandte. Sie fraßen nur eines, das übriggebliebene Stück konnte als koscher betrachtet werden. Aber wie verhält es sich mit dem Kalb, das Rabbi Chanina und Rabbi Oshaia mit Gottes Hilfe erschufen? Hier gehen die Ansichten auseinander, ebenso wie bei der Frage, ob der Begriff koscher auf etwas mikroskopisch Kleines wie eine Zelle angewendet werden kann, es sich bei cultured meat also überhaupt um Fleisch handelt.

Aus säkularer Sicht mag die Folgerung, es handele sich nicht um Fleisch, als wünschenswerter Ausgang der Debatte erscheinen. Doch es gibt einen Haken. Nach dieser Argumentation wäre auch ein aus menschlichen Stammzellen gewonnenes Produkt kein Fleisch, cultured cannibalism demnach unbedenklich. Aber ein paar Tabus möchte man auch als Gottloser erhalten.

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