Terror gegen Muslime

Islamkritik mit Sprengkraft

Die Islamkritikerin Oriana Fallaci träumte kurz vor ihrem Tod davon, eine Moschee in ihrer toskanischen Heimat in die Luft zu sprengen. Nun wäre ihr Wunsch beinahe in Erfüllung gegangen: Neofaschisten planten einen Bombenanschlag auf das Gotteshaus.

Die italienische Journalistin und Schriftstellerin Oriana Fallaci teilte im Herbst 2006 in einem Interview mit dem Wochenmagazin The New Yorker mit, den geplanten Neubau einer ­Moschee in der toskanischen Kleinstadt Colle Val D’Elsa »in die Luft sprengen« zu wollen. Fallaci vertrat die These, dass Europa islamistisch unterwandert werde. Da sie selbst nur wenige Monate nach dem ­Interview verstarb, erlebte sie die Einweihung des islamischen Gebetshauses 2013 nicht mehr. Dennoch hätte sich ihr Wunsch fast noch erfüllt: Vergangene Woche hat die Polizei in der Provinz Siena zwei Männer verhaftet, die im Verdacht stehen, einen Anschlag auf die Moschee geplant zu haben.

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Die beiden Festgenommenen, Vater und Sohn, gehören zu einer zwölfköpfigen Gruppe, auf die die Polizeibehörden von Florenz und Siena im Rahmen einer Untersuchung wegen Anstiftung zu rassistischer Gewalt und Verteidigung des Faschismus in den sozi­alen Medien aufmerksam geworden waren. Bei der Durchsuchung mehrerer Wohnungen, Büros und Lagerhallen stellten sie neben faschistischem Propagandamaterial ein umfangreiches Waffenarsenal aus Gewehren, Pistolen und Messern sowie Sprengstoffmaterial sicher. Aus abgehörten Telefongesprächen geht hervor, dass die Gruppe das Vorhaben, die Gasleitungen der größten Moschee der Toskana zu manipulieren, nur deshalb aufgab, weil sie ahnte, dass die Sicherheitsbehörden sie be­obachteten.

Der 62jährige Hauptverdächtige, ­Andrea Chesi, ein strafrechtlich bisher nicht aufgefallener Bankangestellter, postete in sozialen Medien Fotos, die ihn in SS-Uniform zeigen, mit faschis­tischem Gruß vor dem Grab Mussolinis und einer Schussgeste in Richtung einer Gedenktafel der Nationalen Partisanenvereinigung ANPI. In der Selbstdarstellung bezeichnet sich Chesi in Anspielung auf den Movimento ­Sociale Italiano (MSI), die 1946 gegründete Nachfolgeorganisation der ­Faschistischen Partei Italiens, als Vorsitzender eines Movimento Idea Soci­ale (MIS). Zum Repertoire von Alt- und Jungfaschisten gehört es, in der Tos­kana entlang einer im Zweiten Weltkrieg besonders umkämpften Front, der ­sogenannten Gotenstellung, nach nicht explodierten Sprengkörpern zu ­suchen. Einige davon wurden im Haus der beiden Festgenommenen gefunden.

Die Anklage lautet auf unerlaubten Besitz von explosivem Material und Gründung einer Vereinigung zum Umsturz der demokratischen Ordnung. Zugleich betonte die Staatsanwaltschaft, dass es keine Hinweise auf Verbindungen zu neofaschistischen Parteien gebe. Die Beschuldigten seien bisher politisch unauffällig gewesen, die funktionstüchtigen Waffen seien ordnungsgemäß registriert und in legalem Besitz.

Dass die Gruppe als unauffällig eingestuft werden kann, ist der Bana­lisierung des historischen Faschismus und der Institutionalisierung der ­neofaschistischen Subkultur durch die souveränistische Partei Lega geschuldet. Erst im Frühjahr hat deren Vorsitzender, Matteo Salvini, seinerzeit noch im Amt des Innenministers, eine Lockerung des Notwehrgesetzes durchgesetzt und damit den Besitz und die Nutzung von Waffen erleichtert. Die Strafverteidigung kann die aufgeflogene Terrorzelle somit zu einer legal ­bewaffneten Bürgerwehr verharmlosen. Auch das Anschlagsziel stand seit jeher im Zentrum der antiislamischen Propaganda der Lega. Zunächst hatte Mario Borghezio, ein langjähriger EU-Abgeordneter der rechten Partei, versucht, das für die Moschee ausgewiesene Baugrundstück durch ein Grillfest mit Schweinewürsten zu »entweihen«. In den Jahren nach der Eröffnung der Moschee diffamierte die Lega (bis 2018 Lega Nord) die Moschee als Symbol ­einer »antiitalienischen« Integrationspolitik. Vor allem aber gilt Fallaci mit ihren Pamphleten gegen die »Islamisierung des Westens« schon lange als Schutzheilige der Lega. Auf seinen Wahlkampfauftritten betont Salvini regelmäßig, wie sehr ihm »Oriana« fehle. Anlässlich ihres Todestags im September versprach er seiner Anhängerschaft, Fallacis Ideen würden ewig weiterleben.

Die vergangene Woche Festgenommenen scheinen sich autorisiert gefühlt zu haben, Fallacis »Idee«, in der toskanischen Hügellandschaft auf­ragende Minarette in die Luft zu sprengen, in die Tat umzusetzen.