Das bewegte Leben Boris Johnsons

Sternstunden im Leben des Boris de Pfeffel Johnson

Der britische Premierminister vermarktet sich gerne als »BoJo«, der schlampige, politisch unkorrekte Kerl aus dem Volk. Es ist ein wohlgepflegtes Image: Mehreren Quellen zufolge verwuschelt er vor Fernsehinterviews seine zum Markenzeichen gewordene Frisur. Aber hinter der Maske des konservativen Politclowns verbirgt sich ein gutsituierter Möchtegern-Machiavelli, dessen ambitionierte Pläne oft in die Hose gehen. Und das hat nicht selten tragikomische Züge. Ein Rückblick auf fünf Sternstunden seines Lebens, hilft, Johnson besser zu verstehen. Falls er an der Macht bleibt, wie es die Umfragen vorhersagen, lässt dieser Blick auf seine Vorgeschichte erahnen, was seine politische Zukunft bringen könnte.

Frat Boy in Oxford

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Wer kennt es nicht: Man zieht einen 4 000 Euro teuren Smoking an, in dem man wie ein Pinguin aussieht, trifft sich mit den Kumpels zum Abendessen, randaliert im Restaurant und schreibt danach einen Scheck für den angerichteten Schaden aus.

Für den jungen Boris Johnson gehörte das als Mitglied der Oxforder Studentenverbindung »The Bullingdon Club« in den achtziger Jahren zum Alltag. Indem Mitglieder des elitären Männerbunds Gaststätten zerstörten, brachten sie ihre Privilegien zum Ausdruck. Dort war Johnson in feinster Gesellschaft der herrschenden Klasse Großbritanniens. Auch der spätere Premierminister ­David Cameron und sein Finanzminister George Osborne zählten zu Johnsons damaligen Verbindungsbrüdern. Das hat Tradition: Mehrere Könige, Adlige und Kolonialisten von Edward VIII. bis Cecil Rhodes waren ebenfalls Bullingdon-Alumni. Einige der besagten Restaurantscharmützel waren Szenekennern zufolge sogenannte »Pleb-Bashings«, bei denen Beteiligte auf Tische stiegen und herausschrien, wie sehr sie Arme und Proleten verachteten.

Heutzutage braucht sich Johnson nicht mehr auf einen Tisch zu stellen, um seiner Verachtung Ausdruck zu verleihen. Denn er ist Premierminister und Vorsitzender der Conservative ­Party, die in den vergangenen zehn Jahren eine unerbittliche Sparpolitik durchsetzte, während Unternehmen immer weniger Steuern zahlen mussten.

Daher muss man sich ein Vereintes Königreich nach einem EU-Austritt wie den feuchten Traum Margaret Thatchers vorstellen: ein abgeschottetes Paradies der freien Märkte und eine verregnete Steueroase zugleich. Für einen zerstörten Wohlfahrtsstaat wird Johnson wohl keinen Scheck ausstellen.

 

Der Lügenpressler

Fake news gehörten schon lange, bevor sie cool wurden, zu Johnsons journalistischem Repertoire. So wurde er 1988 von der britischen Tageszeitung Times gefeuert, nachdem er ein Zitat frei erfunden hatte. Als Brüsseler Korrespondent beim Telegraph in den frühen neunziger Jahren betrieb er eine euro­skeptische Politik, indem er Lügen verbreitete, um die Europäische Kommission zu diskreditieren.

Eine Lieblingslüge: Die EU wolle die beliebten Krabbencocktailchips verbieten, eine Delikatesse auf der Insel. Seine Behauptung stimmte nicht, aber die Empörung unter den Briten war trotzdem groß.

Auch heutzutage noch gilt vielen das vermeintliche Chipsverbot als ein Paradebeispiel für die Machtgeilheit der EU, die außer Kontrolle geraten sei. Die Folgen solcher Denkweisen sind mittlerweile bekannt.

Die Geschichte zeigt Johnsons Neigung zum Postfaktischen. Zwischen Donald Trump und Wladimir Putin ist er also in guter ­Gesellschaft.

 

Die Hängenden Gärten von London

Sie sollte wie die Hängenden Gärten von Babylon aussehen und über der Themse schweben: die Garden Bridge, ein Prestigeobjekt mitten in der Metropole, ein Prachtbau für die Ewigkeit. Als Londoner Bürgermeister trieb Johnson den Großbauplan voran. Als studierter Altphilologe zitiert er gerne aus Klassikern und wahrscheinlich träumte er von einem achten Weltwunder mitten in der Londoner Innenstadt, von einem Symbolbau für seine hauptstädtische Amtszeit, der ihn überleben würde: the Boris Bridge.

Kritik gab es viel, sei es wegen des geplanten Orts, des Preises oder überhaupt des Zwecks der Brücke. Das Projekt begann ohne Genehmigungen, wurde schlecht verwaltet und nie verwirklicht – nachdem für die Sache 53 Millionen Pfund in der Themse versenkt worden waren, davon 43 Millionen öffentlicher Gelder. Man kann nur spekulieren, an welchen größenwahnsinnigen Bauvorhaben sich Johnson in fünf Jahren als Premierminister versuchen würde. Eine Pyramidenbotschaft auf dem Mond?

Eine Renovierung im Stil des Parthenon in der Downing Street? Johnsons Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

 

Der Förderer

Johnson erweist auch mal Gefälligkeiten. In deren Genuß kam Jennifer Arcuri, eine US-amerikanische Geschäftsfrau und ein ehemaliges Model. 2011 lern­te Arcuri den damaligen Londoner Bürgermeister auf einem Treffen für Risikokapitalgeber kennen.

Arcuri beschrieb das damalige Treffen als »elektrisierend«. Ihr zufolge hatten die beiden eine »sehr enge Beziehung«, auch in den Jahren danach. Johnson und sein Team erhielten zwar eine Pflichtschulung: Persönliche Beziehungen müssen angemeldet werden, um Interessenskonflikte zu vermeiden. Doch Johnson bewilligte Arcuris Unternehmen staatliche Fördergelder in Höhe von 126 000 Pfund und lud sie auf seine Dienstreisen in Sachen Handelsbeziehungen nach Tel Aviv und New York ein.

Ihr Unternehmen erfüllte weder die Voraussetzungen für die Fördergelder noch für eine Teilnahme an den Reisen. Zurzeit werden Ermittlungen vorbereitet, die Entscheidung über deren Umfang wird aber erst nach der Wahl öffentlich gemacht. In der Zwischenzeit tingelt Arcuri durch britische Talkshows. »Ich verstehe nicht, warum du mich blockiert und ignoriert hast, als wäre ich ein kurzer One-Night-Stand oder irgendein Mädchen, das du in einer Bar aufgegabelt hast, weil ich das nicht war – und das weißt du«, sagte die 34jährige im britischen Fernsehen.

»Mein Herz ist schrecklich gebrochenen, weil du mich beiseite geworfen hast, als wäre ich ein Gremlin.« In Erklärungsnot bringt Johnson das allemal.

 

Wasserwerfer auf dem Trockenen

Während Wasserwerfer Demonstrationsbilder in Deutschland prägen, bleibt es auf der Insel vergleichsweise trocken – wenn es das berüchtigte britische Wetter will. Das wollte Johnson schon als Londoner Bürgermeister ändern und kaufte 2014 drei gebrauchte Wasserwerfer von der deutschen Bundespolizei. Es handelte sich nicht um dystopisch wirkende, transformermäßige Maschinen, wie sie zum Beispiel 2017 beim G20-Gipfel in Hamburg zu sehen waren.

Hier ging es um drei 25 Jahre alte WaWe-9er – »Mammute«, wie es im Polizeisprech heißt –, die schon außer Betrieb waren. Das hatte gute Gründe: 1985 wurde der linke Demonstrant Günter Sare von einem WaWe-9er getötet, was Ermittlungen zufolge auf mehrere Designmängel zurückzuführen war. Für insgesamt nur 322 834 Pfund (378 136 Euro) waren die Fahrzeuge aber ein Schnäppchen!

Doch die alten Wasserwerfer waren nicht mehr einsatzbereit,  die Reparaturen kosteten viel Geld. Nach dem Motto »wenn schon, denn schon« bewilligte Johnson weitere 1 000 Pfund für neue Stereoanlagen in den Wasserwerfern, offenbar sollten sich vom Geschrei verletzter Demonstranten gestresste Polizisten die Arbeit mit ein wenig Musik erleichtern können.

Abgesehen davon, dass es sich um alte Schrottmaschinen handelte und die großen Wasserwerfer durch viele enge Straßen Londons schlicht nicht hindurchpassten, gab es noch ein anderes Problem: Solche Wasserkanonen waren in Großbritannien gesetzlich überhaupt nicht zugelassen. Die armen WaWe-9er sollten also doch kein zweites Leben auf der Insel bekommen. Johnsons Nachfolger als Bürgermeister, Sadiq Khan, musste die Wasserwerfer schließlich mit ordentlichem Verlust als Altmetall abstoßen, für 11 025 Pfund, um genau zu sein.

Aus dieser Episode lernt man viel über Johnson: dass er kein guter Geschäftsmann ist, dass er zuerst handelt und dann denkt, dass er bestrebt ist, die staatlichen Repressionsmöglichkeiten auszubauen. In einer künftigen Regierung könnte das gefährliche Dimensionen annehmen: Laser-Drohnen, Stealth-Panzer oder Bettlersuchraketen zum Beispiel. Die gute Nachricht ist, dass sie wahrscheinlich nicht funktionieren werden.