Zeit, Geld und Würmer im Kapitalismus

Die Zeit für Zeug geht irgendwann vorbei

Wir stellen uns vor, die Welt bestehe aus Dingen. Deshalb richtet sich unsere Vorstellung von Zeit nach Dingen und nicht nach Ereignissen.

Eins
Die meisten armen Würmer haben ­gelernt, sich einzureden, sie wären Raupen und würden irgendwann Schmetterlinge, wenn sie nur genug andere Raupen auf der Bahn zu dem Ast überholen, an dem die verpuppten Raupen hängen. Man nennt ihr komisches Streben nach bunten Flügeln oft »Wettbewerb«, manchmal heißt es auch »Casting Show«. Kriechend legen sie ihren Weg zurück, der ihre Arbeit ist. Die Zeit, die das kostet, ist kaum Geld, der Redensart zum Trotz. Wie kam das? Manchmal denke ich, wenn ich mir sowas erklären will, an eine schreckliche Begegnung mit Gewerkschaftsleuten in Stuttgart.

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Da teilte einer mit, Arbeitskämpfe würden immer schwieriger, weil das modulare, flexible Arbeiten in Teams die genaue Bestimmung des Anteils an Arbeit, die eine einzelne lohnabhän­gige Person in eine Ware steckt, bis sie fertig ist, immer kniffliger mache, und man daher gar nicht genau sagen könne, was und wie viel zu fordern wäre, ganz abgesehen davon, dass über dieses Stücklohnproblem hinaus das abstraktere neue Arbeitszeitlohnproblem sich geltend mache, welches darin bestehe, dass man bei immer mehr Arbeiten kreativ und selbständig vorausarbeite oder nacharbeite, selbst auf der untersten Handarbeitsebene, als Partnerin einer komplizierten Maschine etwa. Die Zeit fürs Mitdenken, die könne doch keiner messen. Arbeitest du, wenn du am Fenster stehst und rausguckst und über den nächsten Arbeitsschritt sinnierst?

Meistens fällt mir das Stuttgarter Ding nicht in der Freizeit ein, sondern in meinem Büro, wo derzeit noch keine Maschine kontrolliert, wie viel Zeit ich mit dem Schreiben und Redigieren verbringe, für das ich bezahlt werde, und wie viel Zeit ich, anstatt das zu tun, nur so über irgendwas nachdenke, was mittelbar dann oft zum Schreiben und Redigieren gehört.

Nehmen wir aber mal konkret meine Arbeit an diesem Text hier, den ich außerhalb der bezahlten Arbeitszeit schreibe. Simpel: Du liest ihn, ich schreibe ihn.

Ich kann tippen: »Du liest ihn gerade«, und es stimmt (tust du wirklich!), obwohl es nicht wahr ist, denn während ich ihn schreibe, liest du ihn ja gerade noch nicht, und dieses »ihn schrei­ben«, das mache ich »gerade«.

Welche Zeit gehört zur Arbeit am Text? Etwa auch das Telefonat vor zehn Minuten? Da habe ich mit einer befreundeten Wissenschaftlerin gequatscht, die außerdem Marxistin ist und sich gerade zwei harte Fragen stellt (weshalb ich sie überhaupt angerufen habe, denn diese Fragen betreffen den Text):

1.) Könnte es sein, dass unsere ganze Zeitvorstellung am Dingschema fest­geschraubt ist und darin ihre Grenzen hat, also an und in der Vorstellung, die Welt bestehe aus Dingen (statt zum Beispiel aus Ereignissen; ist ja realistischer, Dinge ändern sich dauernd und vergehen, ein Weltbild auf sie zu bauen, geht also an der Welt vorbei)?

2.) Könnte es sein, dass wir das tun, weil unsere Wissenschaft im Kapitalismus entstanden ist und dessen Entstehung begleitet hat, also mit und in einer Warenwirtschaft, die nun mal in Dingen rechnet, in Stückzahl, Zeitpaketen, Wurmwegabschnitten?

Zwei
Als Beleg dafür, dass die Antwort zu Frage Nummer eins »ja« lauten muss, weist mich die befreundete Forscherin auf eine Arbeit des polnischen Gelehrten Zbigniew Semadeni vom Mathematischen Institut der Uni Warschau hin, die gerade, in diesem Jahr 2019, unter dem Titel »Asymmetry of Cantorian Mathematics from a Categorial Standpoint: Is It Related to the Direction of Time?« erschienen ist. Darin ­unterscheidet Semadeni zwischen zwei Arten, zu begreifen, was Mathe ist, die wir ja sowohl als Physikerinnen wie, zum Beispiel, als betriebswirtschaftlich ausgebildete Buch­halterinnen ­treiben können.

Die erste Art Mathedeutung, die Semadeni benennt, ist die Cantorsche, benannt nach Georg Cantor, der die Mengenlehre erfunden hat. Diese Lehre betrachtet den Mathekosmos als Ansammlung von Zeug: Jede Zahl, jedes geometrische Objekt, jede Farbe kann Element einer Menge (etwa der Menge aller Zahlen, geometrischen Objekte, Farben und so weiter) oder mehrerer Mengen sein. In diesen Mengen kann es dann Strukturen und Verknüpfungen geben.

Die andere Art der Mathedeutung, die Semadeni benennt, folgt der Kategorientheorie. Diese Lehre interessiert sich weniger für Sachen (Zeug und Mengen von Zeug) und mehr fürs Machen: Wie verwandelt man Zeug in anderes Zeug, wie bildet man Zeug auf anderes Zeug ab, wobei »Zeug« dann schließlich für die Kategorientheorie überhaupt nur existiert als jeweilige Voraussetzung oder jeweiliges Ergebnis von etwas, das man machen kann.
Wenn man die Mengenlehre zum Gegenstand der Kategorientheorie erklärt und mit ihrem Werkzeug untersucht, dann stellt man fest, sagt Sema­deni, dass in der Mengenlehre etwas schief ist. Das sieht man beim Vergleich der Abbildungen von sogenannten Produkten und sogenannten Koprodukten.

Wenn man ganz blöd und grob und vereinfachend sagen will, was Produkte sind, dann sagt man: sowas wie das Ergebnis einer Multiplikation. Und wenn man ganz blöd und grob und vereinfachend sagen will, was Koprodukte sind, dann sagt man: sowas wie das Ergebnis einer Addition (ein anderer Ausdruck für ein Koprodukt, der manchmal benutzt wird, ist daher »Summe«).

Semadeni zeigt nun in seinem Aufsatz, dass in der Dingwelt der Mengenlehre unter bestimmten Umständen die Strukturen von Koprodukten beim Abbilden erhalten bleiben, aber nicht die Strukturen von Produkten. Unter wieder anderen Umständen ist es ­umgekehrt.
Diese Asymmetrie gibt laut Semadeni eine Art Richtung im Denken insgesamt an, weil Asymmetrien immer Richtungen angeben (nur da, wo zwei Seiten eines Gedankens absolut gleich sind, weiß man nicht, ob man von der einen zur andern oder umgekehrt geht, weil’s egal ist). Die Richtung, die aus der Asymmetrie zwischen Produktabbildungen und Koproduktabbildungen herauszulesen ist, entspricht laut Semadeni der Richtung von Ursachen zu Folgen in der Wirklichkeit. Das heißt, Semadeni legt nahe, dass diese Asymmetrie was mit dem Zeitpfeil zu tun hat, mit »vorher/nachher«.

Die Darstellung dieser Idee in Semadenis Text ist so abstrakt und kompakt, dass sie, in einfachen Worten ausgeschrieben, zwei Zeitungen fressen würde (und dann auch noch falsch wäre, nämlich zu stark vereinfacht). Obwohl eine Weitergabe dieser Darstellung im Gespräch oder in Prosa kaum zu überwindende Probleme birgt, habe ich mir die Story am Telefon fasziniert angehört, weil sie dazu anregt, sich vorzustellen, dass der Zeitpfeil, den wir im Kopf an Ereignisse und Erlebnisse anlegen, mit unserer Vorstellung einer Welt aus Dingen zusammenhängt, und dass diese Vorstellung sozusagen von außen untersucht werden kann, wenn man »Dinge« beim Denken weniger wichtig nimmt, als wir das gewohnt sind.

Diese Gewohnheit ist uns historisch irgendwann eingefallen und war dann extrem erfolgreich in Wissenschaft und Technik sowie beim Wirtschaften, aber das macht sie nicht unanfechtbar.

Habe ich am Telefon Arbeitszeit investiert, weil ich diese Story für die Arbeit an diesem Text nutze? Hat die Wissenschaftlerin beim Erzählen Arbeitszeit verbraucht, weil das Erklären ihr eigenes Verständnis der Sache trainiert, das sie für ihre Arbeit braucht?

Die besten Ideen dazu, wie man das Verhältnis von Zeit als Aufwand ei­nerseits und Dingen im Sinne von »menschliche Erzeugnisse« klarkriegt, vom Marx’schen Wertgesetz bis zur ­algorithmischen Komplexitätstheorie, die den Aufwand misst, den man braucht, um irgendwas zu rechnen, haben mit der realen Mühsal im Alltag der meisten Menschen auf den ersten Blick nicht mehr zu tun als die Allgemeine Relativitätstheorie mit dem Autofahren.
Diese Metapher ist von mir aber fies gewählt. Denn das Navi, das dir sagt, wie du wann und wo entlang fahren sollst, wenn du so schnell wie möglich da oder dort hin willst, arbeitet mit Satellitendaten, die tatsächlich andauernd nach der Allgemeinen Relativitätstheorie korrigiert werden.

Echt?
Echt: Die Schwerkraft ist zwar die schwächste der uns bekannten Naturkräfte, aber sie lässt die Zeit unterschiedlich schnell vergehen, je nachdem, wie nah du an einer ausreichend großen Masse entlangmanövrierst.

Drei
Der relativistische Unterschied zwischen dem Zeitablauf im GPS-Satelliten einerseits und deinem Auto andererseits beträgt wegen der Entfernung der Satellitenumlaufbahn von der Erde immerhin 45 Mikrosekunden pro Tag. Das System aus Autonavi und Satellit aber muss so genau sein, dass es, würde dieser Unterschied nicht eingerechnet, innerhalb von ­Minuten seinen Gebrauchswert ­einbüßte.

Über den Umweg dieses Gleichnisses, der Lesezeit verbraucht, will ich natürlich sagen, dass der kapitalistische Großunternehmer im Abgleich zwischen seinem übergeordneten Profitziel in großer Höhe über dem Einzel­geracker einerseits und dem, was andererseits die letzte Putzhilfe, der letzte Fahrradkurier, die ärmste Hospitantin und der komplett rechtlose Praktikant machen, genauso exakt Zeit und Energie und Information verbuchen lassen muss wie der Navi-und-Satellit-Verbund bei seinen Daten (die Feldgleichungen für den Kapitalismus heißen dann etwa »Entgeltrahmenabkommen«).

Als die Zeitungen anfingen, die Netzversionen ihrer Texte mit Angaben zur Lesezeit zu versehen, haben sie in einem Kampf kapituliert, in dem es darum hätte gehen müssen, offen zu lassen, ob das Lesen dieser Texte Arbeit oder Genuss oder irgendwas dazwischen ist. Die Zeitangabe macht berechenbar, was die Lektüre kostet.

Der Wurm, der merkt, er braucht länger, als da steht, kriegt Angst.
Werbung hat gegen Angst keine Chance.

Der Kapitalist darf nicht zulassen, dass das Zeug, das er verhökert, den Leuten Angst macht. Der Kapitalist, übrigens, ist nicht einfach ­einer, der mehr Zeug hat als andere und es deshalb verhökern kann. Wer aufs Zeug guckt, das da produziert und verkauft und verbraucht wird, und sei es symbolisches Zeug wie das Geld, ist unbeholfen wie eine Kämpferin im Messerkampf, die auf die feindliche Hand und das feindliche Messer guckt anstatt in die feindlichen Augen, die wissen, wohin die feind­liche Hand und das feindliche Messer sich gleich bewegen werden, noch ­bevor Hand und Messer das wissen.

Genaue Wahrnehmung ist eine Art Denken. Genaues Denken ist eine Art Wahrnehmung.
In einem der schönsten Bücher, die ich 2019 gelesen habe, dem Roman »Escaping Exodus« der jungen African- American Systemanalytikerin (Hauptberuf! Zeitaufwendig!) und Schriftstellerin (Nebenberuf! Noch zeitaufwendiger!) Nicky Drayden, ist die Not einer Zivilisation auf Dauerflucht durch den lebensfeindlichen Kosmos beim Verrechnen von Fracht- und Lebenshaltungskosten so groß, dass dieses Gemeinwesen »Accountancy Guards« beschäftigt, »Buchhalterwächter« also, die beispielsweise (genaue Wahrnehmung ist eine Art Denken, genaues Denken eine Art Wahrnehmung) mit einem einzigen Blick erkennen können, wie viele Wimpern an deinem Augenlid hängen.
Wenn’s zu viele sind (Masse! Fracht! Kosten!), zwicken sie welche ab.

Wimpern sind Zeug, nämlich kleine harte Haare. Die gute Nachricht: So schlimm wie im Buch ist es in der Wirklichkeit noch nicht.

Selbst Würmer können sich kleine harte Haare leisten, so viel sie wollen, meistens auf dem krummen Rücken.

Aber wären Flügel nicht schöner?