Die indonesische Polizei geht gegen LGBT vor

Monströse Feindseligkeit

In Großbritannien wurde ein Seriensexualstraftäter verurteilt. Dessen Homosexualität dient in seinem Herkunftsland Indonesien als Vorwand für die polizeiliche Verfolgung von LGBT.

Mindestens 195 Opfer hatte er der örtlichen Polizei zufolge. In Manchester wurde der 36jährige Reynhard Sinaga am 6. Januar wegen 159 Sexualstraftaten gegen 48 Männer, darunter 136 Fälle von Vergewaltigung, zu 88 Mal lebenslänglicher Haft (jeweils 30 Jahre) verurteilt. Die Taten beging er zwischen 2015 und 2018, vier Gerichtsverfahren fanden zwischen 2018 und 2020 statt.

Anzeige

Der Polizei zufolge hielt Sinaga in den Abendstunden gezielt in der Innenstadt nahe seiner Wohnung nach betrunkenen und verloren wirkenden Personen Ausschau, die er zu sich nach Hause einlud mit dem Versprechen, sie könnten dort ihr Mobiltelefon aufladen, noch etwas trinken und eine Bleibe für die Nacht finden. In seiner Wohnung betäubte er sie, mutmaßlich mit einem GHB-haltigen Getränk, auch bekannt als Liquid Ecstasy, vergewaltigte sie und filmte seine Taten mit zwei Smartphones. Sein letztes Opfer erwachte währenddessen, schlug Sinaga nieder und entkam mit Sinagas Smartphone, auf dem sich Massen an Beweismaterial befanden. Der Mann übergab es der Polizei. Erst danach kamen die Vergewaltigungen ans Licht. Die meisten Opfer erfuhren erst davon, dass ihnen sexuelle Gewalt angetan worden war, als sich die Polizei bei ihnen nach ihrer Identifizierung in Sinagas Aufzeichnungen meldete.

Die Berichterstattung besitzt selbst ­etwas Monströses. Um die Opfer geht es kaum.

Die Gerichtsprozesse beherrschten die britischen und auch viele indonesische Medien, da Sinaga indonesischer Staatsbürger ist. Vorrangig interessierten sich die Medien jedoch nicht für das Leid der Opfer, sondern für Sinagas Aussehen – er ist jungenhaft und eher schmächtig – und seine sexuelle Orientierung. Die Schlagzeilen dominierten Berichte darüber, dass seine Eltern nicht gewusst hätten, dass er schwul sei – als hätten seine Verbrechen sonst vermieden werden können. Die Einrichtung seiner Studentenbude wurde detailreich aus unterschiedlichen Winkeln dokumentiert und als Ort des Grauens, der Taten eines »Monsters« dargestellt. Die in zahlreichen Artikeln nur schlecht kaschierte Bewunderung für die kaltblütige List – Sinaga wurde unter anderem als »Großbritanniens produktivster Vergewaltiger« bezeichnet –, die nicht selten das Grundmotiv von Dokumentationen über Serienmörder abgibt, gesellte sich zu dem ausgestellten Schauer, dass Männer ­Opfer eines homosexuellen Mannes werden können.

Die Fokussierung auf die Homosexualität des Täters trägt deutlich die Zeichen des Hasses auf Homosexuelle. Die Berichterstattung besitzt selbst ­etwas Monströses. Um die Opfer geht es kaum. Ihre immense Anzahl scheint viele zu faszinieren. Dabei entgeht den Berichten bei aller Berechtigung, diese Straftaten als solche aufzugreifen, dass aus Perspektive eines Opfers eine Vergewaltigung auch dann eine schwerwiegende und potentiell traumatisierende Gewalterfahrung darstellt, wenn diese Gewalt einmal und nicht 200 mal ausgeübt wurde.

In Indonesien hatte die Berichterstattung besonders gravierende Folgen. Politiker und Teile der indonesischen Presse griffen den Fall auf, um die angebliche moralische Verwerflichkeit von Homosexualität für die Vergewaltigungen mitverantwortlich zu machen. In Sinagas vormaligem Studienort Depok in West-Java rief der Bürgermeister Mohammad Idris infolge der Berichte die Bevölkerung dazu auf, den Behörden »abweichendes Verhalten« zu melden, um eine »Ausbreitung von LGBT« einzudämmen. Die Polizei ist angehalten, Wohnungen zu durchsuchen, um »unmoralische Akte« zu beenden. Die Regierung West-Javas kündigte an, eine entsprechende Regelung zu erlassen, »um diese gesellschaftlichen Abweichungen zu überwinden«.

Homosexualität steht in Indonesien nicht unter Strafe, nur in der Provinz Aceh verbietet die Sharia gleichgeschlechtliche Beziehungen. ­Allerdings werden LGBT immer wieder verfolgt, unter anderem durch Missbrauch der Gesetze gegen »Herumlungern« oder »öffentliche Belästigung«. Der Druck auf LGBT sowie die Zahl von Verhaftungen und Razzien sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Islamisten fordern regelmäßig die Verfolgung von LGBT. Indonesische LGBT-Gruppen, die nationale Menschenrechtskommission und internationale Organisa­tionen wie Amnesty International verurteilten die Razzien in Depok.