Der Neuzugang Daniel Frahn sorgt beim SV Babelsberg 03 für Diskussionen

Echte Chance für echte Reue?

Der Potsdamer Regionallegist SV Babelsberg 03 hat mit Daniel Frahn einen umstrittenen Spieler verpflichtet – und die Fans sind uneins, ob sie ihm glauben sollen, dass er seine Fehler bereut.

Am 2. Februar 2018 empfing der SVBabelsberg 03 erstmals die BSG Chemie Leipzig zu einem Meisterschaftsspiel in der Regionalliga Nordost im heimischen Karl-Liebknecht-Stadion. 4:0 fertigten die Potsdamer damals die Gäste aus Sachsen ab. Das Ergebnis war aber nur Nebensache einer Partie, die auf dem Höhepunkt einer Fehde mit dem Nordostdeutschen Fußballverband stattfand. Die Babelsberger weigerten sich damals, eine Verbandsstrafe zu bezahlen, die ihnen wegen Zuschauerausschreitungen aufgedrückt worden war. In der Urteilsbegründung hieß es, der Verein werde unter anderem für den Ruf »Nazischweine raus« eines Fans bestraft.

Der SV Babelsberg betont, der Entscheidung sei eine »intensive und kritische Auseinandersetzung« vorausgegangen. Frahn habe sich sehr glaubwürdig zu den Werten des Vereins bekannt.

Der SV Babelsberg begann daraufhin die Kampagne »Nazis raus aus den Stadien« und bekam bundesweit Solidarität und Anerkennung. Nachdem der nordostdeutsche Fußballverband Anfang Februar dann auch noch harte Sanktionen gegen Babelsberg 03 angedroht hatte, wurde das Spiel gegen Leipzig zur Manifestation des antifaschistischen Grundkonsenses im Verein. Sämtliche Verantwortungsträger äußerten sich eindeutig, die Fans zeigten Spruchbänder und auch die Fans der Leipziger unterstützten den Babelsberger Protest.

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Auf den Tag genau zwei Jahre später fand kürzlich die Neuauflage der Partie statt. Auch das Spiel am 2. Februar wurde zum Schauplatz politischen Protests, dieses Mal aber unter anderen Vorzeichen. Denn zwei Tage zuvor hatte der SV Babelsberg den Stürmer Daniel Frahn verpflichtet, eine durchaus umstrittene Personalentscheidung. Frahn war im vergangenen August von dem Drittligisten Chemnitzer FC entlassen worden, nachdem er wiederholt mit Kontakten zu extrem rechten Fans von sich reden gemacht hatte. In einer Pressemitteilung des Vereins hieß es, ­Frahn habe sich durch seine »offenkundig zur Schau gestellte Sympathie zu führenden Köpfen der rechts gesinnten Gruppierung ›Kaotic Chemnitz‹ und der aufgelösten Gruppe ›NS-Boys‹ massiv vereinsschädigend« verhalten. Der Chemnitzer FC war zuvor immer wieder durch Unwillen zur Abgrenzung zum problematischen Teil seiner Anhängerschaft aufgefallen. In diesem Fall traf er dagegen eine klare, öffentlichkeitswirksame Entscheidung. Der Rechtsstreit zwischen Frahn und seinem ehemaligen Arbeitgeber über die Entlassung war erst zwei Tage vor dem Vertragsabschluss mit dem SV Babelsberg mit einer Auflösung des eigentlich bis 2021 gültigen Vertrags Frahns mit Chemnitz zu Ende gegangen.

Der SV Babelsberg steht wie nur wenige in Deutschland für ein langjähriges Engagement gegen rechts. Deswegen wird er von auswärtigen Journalisten gerne als »St. Pauli des Ostens« bezeichnet. In der Nordkurve stehen eine ganze Reihe dezidiert antifaschistischer Fangruppen und auch im restlichen Stadion ist die politische Haltung des Vereins spürbar. Aufkleber, Graffiti, selbst die Musikauswahl zeugt von der Verbundenheit des Kiezclubs zur linksalternativen Szene. 2014 hatte der SV Babelsberg unter dem Namen »Welcome United 03« sogar die erste Flüchtlingsmannschaft Deutschlands gegründet. Seit dem vergangenen Sommer läuft die Mannschaft mit dem Logo der »Seebrücke« auf dem Trikot auf, wodurch dem Verein erhebliche Sponsoreneinnahmen entgehen.

Der gebürtige Potsdamer Frahn spielte von 2007 bis 2010 schon einmal für den SV Babelsberg. In 87 Spielen schoss der Stürmer damals 45 Tore und war bei den Fans sehr beliebt. Nach Stationen bei RB Leipzig und dem 1. FC Heidenheim wechselte er 2016 zum Chemnitzer FC. Dort war er im März des vergangenen Jahres an einem handfesten Skandal beteiligt. Mit einer offiziellen Gedenkminute gedachte vor der Partie gegen die VSG Altglienicke der Chemnitzer FC dem zuvor verstorbenen Thomas Haller. Dieser war in der örtlichen Fanszene aktiv und unter anderem langjähriger Anführer der »HooNaRa«, kurz für »Hooligans Nazis Rassisten«. Frahn hielt nach einem Treffer im Spiel ein T-Shirt mit dem Aufdruck »Support your local Hools« in Richtung der Fankurve. Das Shirt stammte aus Neonazikreisen, Frahn beteuerte, davon nichts gewusst zu haben. Zu seiner Entlassung kam es allerdings erst zu Beginn der laufenden Saison, als Frahn verletzungsbedingt das Auswärtsspiel beim Halleschen FC verpasste und die Partie stattdessen im Gästeblock verbrachte – in Gesellschaft führender Mitglieder der extrem rechten Fangruppe »Kaotic«. Laut einem Bericht des Tagesspiegel soll ­Frahn gemeinsam mit diesem Personenkreis angereist sein und sein Fehlverhalten auch danach nicht eingesehen haben. Trotz Protesten von Fans spielte er danach nicht mehr ins Trikot des Chemnitzer FC zurück.

Dass Frahn nun wieder in Babelsberg anheuert, wirkt deshalb auf den ersten Blick abwegig. In der offiziellen Mitteilung zu seiner Verpflichtung betont der Verein, der Entscheidung sei eine »intensive und kritische Auseinandersetzung« vorausgegangen. Letztlich habe sich ­Frahn aber sehr glaubwürdig zu den Werten des SV Babelsberg bekannt. Selbstverständlich schützte das den Viertligisten nicht vor Kritik: Der Club habe seine Überzeugungen über Bord geworfen, war die einhellige Meinung der Kommentierenden. Als Frahn im Spiel gegen Leipzig in der 76. Minute eingewechselt wurde, gab es viele Pfiffe. Während der Babelsberger Anhang noch uneins schien, tönte aus dem Gästeblock ein lautes »Nazis raus«. Auf einem Spruchband war zu lesen: »Daniel Frahn – heim ins Reich«.

Das Mitglied des Babelsberger Aufsichtsrats Maximilian Hennig zeigte im Gespräch mit der Jungle World Verständn für die Kritik. Seiner Einschätzung nach seien die »Meinungen in Babelsberg dreigeteilt«. In der einen Gruppe seien diejenigen, die die politische Dimension des Transfers gar nicht wahrhaben wollten. Für sie sei Frahn als Potsdamer Identifikationsfigur nichts weiter als eine wichtige sportliche Verstärkung für den tief im Abstiegskampf steckenden Verein. Angerechnet werde ihm zudem, dass er den Kontakt zu den Babelsberger Fans nie habe abbrechen lassen. Für viele andere Fans sei die erneute Verpflichtung des Spielers dagegen ein Unding. Sie hätten in einem »offenen Brief einiger Gruppen der Nordkurve Babelsberg« ihre Ablehnung deutlich gemacht. Dem Verein werfen diese Fans intransparente Kommunikation und die Gefährdung der eigenen Werte vor. Frahn habe sein Verhalten in Chemnitz verharmlost und relativiert und sei trotz seines Bekenntnisses zum SV Babelsberg nicht tragbar. Hennig selbst rechnet sich und viele andere der organisierten Babelsberg-Fans ­einer dritten Gruppe zu. Er habe den Transfer mit großen Bauchschmerzen beobachtet, sei aber im persönlichen Gespräch mit Frahn zu der Auffassung gelangt, dass dieser eine zweite Chance erhalten solle. Hennig sagte: »Frahn muss sich hier erst ­beweisen. Er hat rechte Politik in Chemnitz salonfähig gemacht.« Sportliche Argumente hätten für ihn bei der Verpflichtung keine Rolle gespielt: »Es geht darum, dass wir ­Frahn das glauben, was er sagt. Unsere Haltung würden wir niemals verkaufen.« Ob Daniel Frahn tatsächlich geläutert ist, dürften die kommenden Wochen zeigen. Lange hat in Potsdam-Babelsberg keine Personalie mehr für so viel Unruhe gesorgt wie die Verpflichtung ­Frahns. Letztlich geht es dabei um grundsätzliche Fragen: Soll jemand, der versichert, seine Fehler eingesehen zu haben, einen Vertrauensvorschuss bekommen, wie ihn der SV Babelsberg nun gewährt? Oder verspielt der Verein sämtliche Glaubwürdigkeit, die er und seine Fans sich über Jahre mühsam aufgebaut haben?