In Indien verursachen Gerbereien und Immobilienboom enorme Umweltschäden

Es geht ans Leder

Die Auslagerung umweltschädlicher Industrien in benachteiligte Gegenden findet mittlerweile auch ­innerhalb Indiens statt. Ins westbengalische Kolkata ziehen immer mehr Gerbereien, deren Abwässer dort Böden, Wasser und Lebensmittel verseuchen.
Reportage Von

In der Tangra Road reiht sich ein baufälliges Kolonialgebäude an das nächste. Es sieht hier aus wie in weiten Teilen der 4,6 Millionen Einwohner zählenden Metropole Kolkata, der Hauptstadt des nordostindischen Bundesstaats Westbengalen. Im Bezirk Tangra in Ost-Kolkata finden sich zudem zahlreiche ehemalige Gerbereien, von denen viele zu chinesischen Edelrestaurants um­gebaut worden sind. Doch weder diese noch die Sojasaucenfabrik Sing Cheung sind dafür verantwortlich, dass es in der Gegend süßsauer riecht. Der Grund ist in den Seitengassen zu finden. Dort fließt eine schillernde Abwasserbrühe in der offenen Kanalisation. Sie kommt aus Rohren der anliegenden Fabrikgebäude, deren Eingangstore von Wachmännern und gut genährten Hunden bewacht werden. Ein Blick über eine Mauer verrät, was dort produziert wird: Leder.

»Seit 2004 sind die ehemals 300 Ledergerbereien von Tangra-China Town offiziell geschlossen worden. Aber etwa 50 Gerbereien arbeiten noch ungestört weiter.« William Young*, Anwohner

»Seit 2004 sind die ehemals 300 Ledergerbereien von Tangra-China Town offiziell geschlossen worden. Aber noch immer arbeiten etwa 50 Gerbereien ungestört weiter«, sagt William Young*, ein Anwohner mit chinesischem Familienhintergrund, der vor knapp 70 Jahren in Kolkata geboren wurde. Er sitzt in einem Restaurant, das im riesigen Hinterzimmer eines kleinen Schuhladens untergebracht ist. »Mittlerweile sind es fast ausschließlich Bengalen, die das Ledergeschäft von den Hakka-Chinesen in Tangra übernommen haben. Sie verstehen sich besser mit den Behörden und der Polizei. Meine Landsleute haben Edelrestaurants gegründet oder sind ausgewandert.« Für Chinesinnen und Chinesen sei es in Kolkata nach 1962 ungemütlich geworden, erzählt er weiter. Damals erlitt Indien im einmonatigen Grenzkrieg mit China eine demütigende Niederlage. »Noch heute bekommen die chinesischen ­Restaurants ›spontan‹ Besuch von der Polizei. Dann wird unter dem Vorwurf des Steuerbetrugs alles Bargeld beschlagnahmt. Doch meine Landsleute wissen sich zu helfen«, sagt Young ­augenzwinkernd.

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Gemüse mit Blei
Das Ende der illegalen Gerbereien ist trotzdem nah. Dies deuten im Bau befindliche Hochhausskelette innerhalb und außerhalb von China Town an. Im Osten wird etwa das 128 Meter hohe Luxushotel ITC gebaut. »Mittlerweile zeigt eine Gruppe Interesse an Tangra, die noch bessere Beziehungen hat als die Besitzer der Ledergerbereien: die Immobilienbranche«, sagt Young. »Auch wir haben unsere Kontakte. Seit Jahren liegen Pläne auf dem Tisch der Regierung Westbengalens, einen Highway durch Tangra zu bauen. Die verbliebenen Hakka-Chinesen warten nur auf den richtigen Augenblick zum Verkauf.«

Östlich des künftigen ITC-Hotels liegen die Feuchtgebiete Kolkatas. Das 12 500 Hektar große Gebiet aus Tümpeln, Teichen und Wiesen wurde im Rahmen der 1971 geschlossenen Ramsar-Konvention über Feuchtgebiete 2002 als »Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung« unter Schutz gestellt. Der Blick fällt jedoch auf riesige Gemüsefelder, die mit dem schwarzen Abwasser der Metropole bewässert werden. Zudem besprühen einige Bauern das Gemüse ausgiebig mit Pestiziden. Neben den Feldern fahren etliche Mülllaster auf der Dhapa Road durch die Feuchtgebiete Richtung Osten. Nach einem Kilometer säumen sortierte Plastikhaufen die Straße. 500 Meter weiter erscheint der an seiner Basis zwölf Hektar breite Müllberg Dhapa, auf dem jeden Tag bis zu 3 700 Tonnen Abfall abgeladen werden. Durch die Rauchschwaden am Berg, in dem sich immer wieder Feuer entzünden, sind mit Plastik beladene Müllsammler zu sehen. Das rote Schwitzwasser des Müllbergs sickert in die Gemüsefelder und ins Grundwasser. Einer 2017 vom staatlichen geologischen Dienst Indiens veröffentlichten Studie zufolge wurden in Bodenproben in Dhapa bis zu 800 Milligramm Blei pro Kilogramm gemessen, in Gemüse aus Kolkata bis zu 145 Milligramm Blei pro Kilogramm. Der erlaubte Höchstwert für die Blei­belastung beträgt den Vorgaben der indischen Lebensmittelsicherheits­behörde (Food Safety and Standards Regulation) von 2011 zufolge 2,5 Milligramm pro Kilogramm.

»Unsere Arbeit wird immer schwerer, weil die Verschmutzung des Abwassers schlimmer wird.« Sujut Mandal, Fischer

Südlich des rauchenden Müllbergs von Dhapa führt der Basanti Highway mitten durch die Feuchtgebiete Richtung Osten. Zu beiden Straßenseiten haben sich Siedlungen in das offiziell geschützte Gebiet gefressen. Neun Kilometer weiter, am südlichsten Ende der Feuchtgebiete, erscheint der Gerberei-Komplex Bantala. Aufgrund eines Urteils des Obersten Gerichts aus dem Jahr 2004 wurden die Gerbereien Kolkatas aus den Wohnsiedlungen der Stadt aufs Land umgesiedelt. Der Regierung und den privaten Betreibern zufolge werden alle Abwässer vorbildlich in eine Kläranlage geleitet und gereinigt. Doch schon am Eingang des 450 Hektar großen Geländes mit seinen 383 Ledergerbereien riecht man, das dem nicht so ist.

»Nein, wir sind keine Gerbereiarbeiter«, sagt ein 30jähriger Mann tapfer schmunzelnd, der mit anderen adrett gekleideten Kollegen an einem Teestand sitzt. »Die bengalische Regierung hatte den Plan, im vorderen Teil (des Lederkomplexes) einen IT-Park zu errichten.« Dann zeigt er auf zwei große Bauruinen, hält sich die Nase zu und erklärt: »Doch wegen des Gestanks aus den Ledergerbereien ist der Plan aus gesundheitlichen Gründen abgeblasen worden. Unsere Firma ist als einzige geblieben.«

Bedrohte Feuchtgebiete
Einen Kilometer geht es an einem Wasserkanal auf dem Lederkomplex entlang, der mit übelriechenden Abwässern und Müll gefüllt ist, dann tauchen die ersten Gerbereien auf. Die meisten Gebäude sehen aus, als hätten sie 100 Jahre hinter sich. Aus jedem dritten Gebäude fließen die bunten Abwässer wegen verstopfter Abläufe in die Umgebung. Daneben liegen gegerbte Felle zum Trocknen aus. In der Mitte des Lederkomplexes gibt es einen Basar, auf dem Obst, Gemüse und offen hängendes Fleisch verkauft wird. Der Geruch ist penetrant: süßsauer mit chemischer Note.

Deutschland ist der zweitgrößte Kunde der Gerbereien Indiens. Diese wird es wohl bald nur noch in Kolkata geben. Chennai und Kanpur, zwei Hochburgen der Lederproduktion, haben ihren umweltschädlichen Ledergerbereien den Kampf angesagt. Kanpur liegt im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh. Dessen Chief Minister, Yogi Adityanath von der hindunationalistischen Bhara­tiya Janata Party (BJP), ein fundamentalistischer Priester, nutzt den Umstand, dass Gerbereien in der Regel von Muslimen geführt werden, um diese schließen zu lassen. In Chennai, der Hauptstadt des südöstlichen Bundesstaates Tamil Nadu, brauchte es für das Umdenken zwei große Krisen: Die schweren Überschwemmungen von 2015 und die schwere Wasserkrise im vergangenen Jahr (Jungle World 34/2019). Dort wurden in den vergangenen 40 Jahren bis zu 85 Prozent der Feuchtgebiete der Immobilienbranche geopfert. Diese Flächen nahmen ehemals den überschüssigen Monsunregen der Metropole auf und speicherten das Wasser, bis es versickerte. Schon jetzt haben 100 Gerbereien beider Städte mit der Umsiedlung nach Kolkata begonnen – 200 weitere haben ein solches Vorhaben an­gekündigt.

Direkt neben dem Basanti Highway verläuft ein Kanal, der mit dem schwarzen Abwasser Kolkatas gefüllt ist. Auch die Abwässer des Gerbereikomplexes in Bantala fließen dort hinein. Früher reinigten die Feuchtgebiete auf natür­liche Weise die Abwässer, in einem biologischen Prozess, bei dem sich orga­nischer Abfall auf dem Grund absetzt und dann von Bodenbakterien, Makroalgen, Pflanzenbakterien und Pflanzen zu Fischfutter zersetzt wird. Doch immer mehr drängen Wohnsiedlungen in die Feuchtgebiete, viele Fischer verkaufen ihr Land. »Unsere Arbeit wird immer schwerer, weil die Verschmutzung des Abwassers schlimmer wird, so dass wir das Wasser nicht mehr ganz sauber bekommen. Doch die Regierung weigert sich, uns mit Zahlungen zu unterstützen oder etwas gegen die Verschmutzung zu tun«, erzählt der Fischer Sujut Mandal an seinen Fischteichen. Ein Großteil der täglich 750 000 Millionen Liter Abwasser Kolkatas fließt mittlerweile weiter Richtung Osten in den Fluss Kalindi. Dieser endet in den geschützten Mangrovenwäldern der Sundarbans.

Neue Städte, neuer Müll
Folgt man einer zweispurigen Straße vom Gerbereikomplex fünf Kilometer in Richtung Norden, wachsen auch hier Siedlungen über die östlichste Grenze der Feuchtgebiete. Im Dorf Hatisala führt ein sechsspuriger Highway am nördlichsten Rand der Feuchtgebiete Richtung Westen, am Horizont sind Hunderte Wolkenkratzer zu sehen. Nach drei Kilometern säumen im Bau befindliche Hochhäuser den Highway. Zwei Kilometer weiter glaubt man sich in Singapur: Saubere Straßen, auf denen ­Autos bei Rot vor der Ampel halten; überall bis zu 30stöckige Hochhäuser, Grünanlagen und Einkaufszentren. Anstatt Teeständen laden edle Cafés einer internationalen Kette zum Pausieren ein. »New Town« nennt sich die aus dem Boden gestampfte Musterstadt.

Im Großraum Kolkata leben mittlerweile 16,8 Millionen Menschen, im Jahr 2025 sollen es 20 Millionen werden. Die Wasserversorgung wird dann erst recht zum Problem. »Ich habe die bengalische Regierung gewarnt, das Wasser für New Town aus dem Grundwasser abzuzapfen. Der Grundwasserspiegel in Kolkata sinkt rapide, insgesamt 15 bis 16 Meter in den letzten 50 Jahren«, sagt dazu Professor P. K. Sikdar vom Indian Institute of Social Welfare and Business Management (IISWBM). »Das könnte auch zu Erdrutschen führen: Die ersten 40 Meter der Erdschicht unter Kolkata bestehen aus Lehm, dann folgt Sand. Der holt sich die fehlende Feuchtigkeit dann aus dem Lehm«, fügt er hinzu. Eine Studie von Sikdar und anderen zeigt, dass das Grundwasser Kolkatas mit bis zu 23 Milligramm Eisen pro Liter belastet ist. Der erlaubte Höchstwert beträgt ein Milligramm pro Liter. Auch die Manganbelastung überschreitet die Grenzwerte bis um das Fünffache. Dazu fanden Wissenschaftler der School of En­vironmental Sciences (SOES) an der Jadavpur University in einer Studie von 2019 alarmierend hohe Arsenwerte im Reis und Gemüse auf den Märkten Kolkatas: Es wurden bis zu 324 Mikrogramm pro Kilogramm gemessen. Bis vor einigen Jahren lag der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegte Grenzwert für die tolerierbare tägliche Aufnahme von anorganischem Arsen in Lebensmitteln bei 2,1 Mikrogramm pro Kilogramm Gesamtkörpergewicht pro Tag. Diesen zog sie jedoch zurück, da fest­gestellt wurde, dass dies keinen Schutz mehr für die Gesundheit darstellt. In Westbengalen wird derzeit daher mit der Reissorte IET 21845 experimentiert, die resistent gegen Arsen sein soll.

Im Juni 2019 gab es im südindischen Chennai einen Vorgeschmack auf die Zukunft Kolkatas: Die zehn Millionen Einwohner zählende Metropole musste per Zug mit Trinkwasser aus dem benachbarten Kerala versorgt werden. Wissenschaftler hatten jahrzehntelang vergeblich auf die Zerstörung der Feuchtgebiete in Chennai aufmerksam gemacht. Ein letzter Blick in die Feuchtgebiete Kolkatas nach Mollar Bheri zeigt, wie mit solchen Warnungen umgegangen wird: Unter aller Augen wächst seit Jahren illegal ein neuer Müllberg, die Abfälle stammen aus New Town, das erst angefangen hat zu wachsen. Im Dezember 2019 hatte das in­dische Umweltgericht National Green Tribunal (NGT) angeordnet, die ille­gale Müllkippe in Mollar Bheri müsse verschwinden, woraufhin die Distrikt­behörde versprach, den Müll von New Town bis Februar zum Müllberg nach Dhapa zu bringen. Doch der dortige Müllberg ist so stark gewachsen, dass die Verantwortlichen Kolkatas schon seit Jahren nach einem neuen Standort suchen. Wegen des rasanten Wachstums des Immobilienmarkts verlief die Suche bisher vergeblich.

Die Gerbereibesitzer aus Chennai und Kanpur müssen sich übrigens wegen der Umsiedlung nach Kolkata keine Sorgen machen: Die Regierung von Westbengalen hat versprochen, sofort 28 Hektar Land für die neuen ­Gerbereien zur Verfügung zu stellen.

* Name von der Redaktion geändert.