Als Tanzkritiker in der Deutschen Oper

Der analoge Mann

Aus Kreuzberg und der Welt
Kolumne Von

»Andi, ich hab zwei Tickets für die Deutsche Oper! Gehst du mit mir hin?« fragt meine Freundin am Freitagabend. »Hmm … ? Ich bin ein bisschen müde. Aber besser als schon wieder Netflix. Okay!« antworte ich. Zwei Stunden später stehe ich da, wo 1967 Benno Ohnesorg erschossen wurde. Hunderte strömen am Eingang erwartungsfroh an uns vorbei. Fans, die sich auf eine Tanzperformance freuen. Es ist nicht das erste Mal, dass wir hier sind. Ein Freund, der in der Deutschen Oper Berlin arbeitet, lädt uns immer wieder ein. Modernen Tanz und Ballett habe ich zuletzt im Oktober in Istanbul gesehen. Völlig unerfahren bin ich also nicht und auch neugierig und bereit, mich inspirieren zu lassen. Das Licht geht aus, der Vorhang auf.

Sie gucken sich alles an und am Schluss sagen sie »schön«.

Die erste Performance ist zwar modern, aber es sind noch klassische Ballettfiguren erkennbar. Athletische Körper tanzen auf höchstem technischen Niveau zu Techno. Aber warum tanzen sie nicht zur Musik? Das Tolle am Tanz ist doch, dass er Musik sichtbar machen kann. Warum verschenkt die Performance diese Möglichkeit? Tanzen im Rhythmus der Musik ist wohl zu profan und zu wenig um die Ecke gedacht! Tanz ohne Musik, Comics ohne Komik, Jazz ohne Tanz – alles nicht neu. Überall sollen sich die Kunstgattungen der Bedingungen entledigen, unter denen sie entstanden. Das ist nun mal seit 100 Jahren der moderne Kunstbegriff. Kunst darf keinen anderen Zweck haben als die Kunst selbst.

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Auch in der zweiten Performance wird nicht zur Musik getanzt. Das ist noch nerviger, weil jetzt auch Popsongs zu hören sind. Talking Heads. Ich könnte leicht eine Handvoll Tänzerinnen und Tänzer finden, die mitreißender tanzen könnten. Wenn auch nicht mit der technischen Perfektion der Profis auf der Bühne. Präzision ermüdet leicht. Das haben sich vielleicht auch die Macher des Stücks gedacht. Es erscheint ein ­Puschelmonster neben den Tänzerinnen. »Chewbacca meets Tony Erdmann«, flüstert meine Freundin mir zu. Ich muss lachen. Sie hat recht. Die Figur ist purer comic relief und darf sich deshalb ausnahmsweise rhythmisch zur Musik bewegen. Comic relief ist ein Stilmittel und meint die Einbeziehung witziger Figuren in ernsthafte Werke. Vereinzelt ist Lachen im Publikum zu hören. Leider ist der Moment schnell vorbei.

In der dritten Performance bewegt sich die Tanzgruppe 45 Minuten lang wie ein Organismus zu Maschinenmusik. Freudlos wie die Borg aus Raumschiff Enterprise. Dann ist es auch schon vorbei. Der Vorhang fällt. Frenetische, stehender Beifall. Meine Freundin zieht mich am ­Ärmel. Auch wir stehen auf und klatschen.

Draußen vor der Oper sammeln wir uns. Fast zwei Stunden war ich ­allein mit meinen Gedanken. Jetzt sprudeln sie nur so aus mir raus. »Nicht so heftig! Du wirkst, als hätten sie dich gerade von zu Hause raus­gelassen«, raunt mir meine Freundin ermahnend zu. Sie hat wie immer recht. Eine Freundin, die mir zugehört hat, antwortet fröhlich: »Das war hier der ›Antischwanensee‹. Im klassischen Ballett wird ja jede Note gegen war das hier total frisch!« So leicht will ich nicht nachgeben. »Ich verstehe das ja, aber ich fühle mich nun mal mit meinem eigenen Kunstbegriff herausgefordert.«
»Andi, du nimmst das hier alles viel zu ernst. Das ist doch nur Entertainment«, sagt sie. Ich komme mir dumm vor. Ich bin der einzige Idiot, der das Gesehene analysieren will.

Langsam begreife ich, wie die Oper für die meisten funktioniert. Sie gucken sich alles an und am Schluss sagen sie »schön«. Einfach nur »schön«. Ist doch nur die Deutsche Oper Berlin, nur ein bisschen Hochkultur. Gar nicht wichtig. Warum nehme ich die nur so wichtig? Weil mein Zimmer zu Hause vollgestopft ist mit vorgeblich bedeutungslosen Undergroundcomic, Punk- und Jazzplatten. Popkultur, die niemals als Hochkultur anerkannt werden wird, weil ihre ganze Bedeutung darin besteht, eben nicht »relevant« zu sein. Plötzlich höre ich, was die anderen sagen. Einer hat sich die Show schon zum vierten Mal angesehen: »Ich finde es sehr bewegend und kann immer was Neues entdecken.« Ein ­anderer sagt: »Die Haare des Puschelmonsters sind übrigens aus Echthaar aus China!«

Ich gebe auf. Gemeinsam fahren wir nach Kreuzberg zu einer Aus­stellungseröffnung in einer Privatwohnung. Ohne auch nur Anstalten zu machen, über die ausgestellten Bilder und Skulpturen zu reden, stehen wir herum und trinken Bier. »Wenn wir mein Zimmer freiräumen würden, könnten wir daraus bei uns auch so einen Ausstellungsraum ­machen«, sage ich. »Andi, dein Zimmer ist ein Ausstellungsraum«, sagt meine Freundin.