Erinnerungen an den kolumbianischen Bürgerkrieg in Medellín angesehen

Erinnerung wird gemacht

Reportage Von

Nene lässt den Blick über die Comuna 13 streichen und deutet auf die weiß schimmernde Fläche, die sich oberhalb des Stadtviertels Belencito erstreckt. »Das ist die Müllkippe La Escombrera – dort sind Hunderte von Menschen verscharrt worden«, sagt der kräftige 33jährige aus Medellín. Mit einigen Freunden hat er »Afrotour« aufgebaut und bietet Rundgänge durch noch vor zehn Jahren als extrem gefährlich ­geltende Stadtviertel wie Belencito, Nuevas Conquistadores und El Corazón in der Comuna 13 an. Die Comuna 13 ist einer der Stadtbezirke Medellíns, liegt am oberen Rand des Tals und ist von Treppen und einfachen Backsteinbauten geprägt, die zugezogene Binnenflüchtlinge aus allen Landesteilen, aber vor allem aus dem Norden Kolumbiens gebaut haben. »Uns geht es um unsere eigene Geschichte, die wollen wir vermitteln – nicht das, was in San Javier und in Veinte de Julio stattfindet, dieser Auflauf«, sagt Nene alias Carlos Alberto Sánchez Mosquera. San Javier und Veinte de Julio sind weitere Viertel im Bezirk Comuna 13, die mittlerweile von zahlreichen Touristen besucht werden.

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Nene ist Rapper, Stadtführer und Sozialaktivist, er hat Kommunikationswissenschaften studiert. Mit zwei Freunden gründete er eine der wichtigsten Kulturorganisationen Medellíns: Son Batá. Die vor rund 18 Jahren gegründete Organisation in Kolumbiens zweitgrößter Stadt versucht Kindern und Jugendlichen eine andere Perspektive zu geben, als sich den Banden anzuschließen, die lange die Stadtviertel unsicher machten und in manchen Gegenden immer noch aktiv sind. Musik, Tanz und Graffiti statt Waffen, Gewalt und Kokain – mit dem Konzept ist Son Batá landesweit berühmt geworden, denn die Idee, den kriminellen Banden den Nachwuchs auszuspannen, hat in vielen Fällen gefruchtet. Dazu beigetragen hat nicht nur, dass die Aktivisten es geschafft haben, Künstler wie den Sänger Juanes, in Kolumbien ein Superstar, in die Comuna 13 zu locken, sondern dem Nachwuchs auch etwas über die eigene Geschichte, Herkunft und Kultur mitzugeben. »Die Wurzeln vieler Bewohner der Comuna 13, auch meine, liegen im Chocó, und die Chirimía gehört dazu«, so Nene. Chirimía ist ein Musikstil, der Chocó ein Verwaltungsbezirk ganz im Norden Kolumbiens an der Grenze zu Panama. Aus der bis heute vom bewaffneten Konflikt geprägten Region sind viele Menschen geflüchtet – nach Medellín, aber auch an die Karibikküste. Die Chirimía ist bei Son Batá genauso Teil des Kursprogramms wie Rap, Breakdance und Graffiti, die Kinder und Jugendlichen können zudem das Spielen von Musikinstrumenten erlernen.

Son Batá haben wie andere Rap-Kollektive in ihren Songs und bei ihrer Arbeit mit den Jugendlichen nicht nur den eigenen Alltag thematisiert und für andere Lebenswege als den in die Bandenkriminalität geworben, sondern auch die eigene Geschichte von gewaltsamer Vertreibung und die der Comuna 13 – damit hatten sie Erfolg. Deshalb ist Nene genervt davon, dass die zentralen Stadtviertel der Comuna 13, San Javier und Veinte de Julio, heute zu Abenteuerspielplätzen von Jugendlichen aus aller Welt geworden sind, die sich auf den elektrischen Rolltreppen, vor bunten Graffiti und in den florierenden Cafés und Bars der beiden Viertel ablichten lassen. »Früher waren es politische Graffiti, die unsere Geschichte, die der Operación Orión, die des Bandenkriegs, von Vergewaltigungen und Morden, thematisierten. Heute sind es oft inhaltsleere bunte Wandgemälde, die wenig mit unserer Geschichte und unserem Alltag zu tun haben«, kritisiert er. In seinen Stadtführungen thematisiert er auch diese Gegensätze. »Der Mord an El Duque 2012, einem der engagierten Rapper und Sozialaktivisten, war ein Rückschlag, ebenso der an Kolacho 2009.« Die beiden Rapper sind Teil der Geschichte der Comuna 13 wie die Operación Orión vom 16. und 17. Oktober 2002, als mehrere Tausend Soldaten und paramilitärische Kämpfer in den strategisch wichtigen Stadtbezirk eindrangen, um – so die offizielle Version – städtische Milizen der Guerilla Farc zu vertreiben. Mehrere Hundert Verschwundene, mindestens 70 Tote und Dutzende Verwundete lautete die Bilanz der Operation, die lange ein zentrales Thema der Graffiti in vielen Ecken der Comuna 13 war.

Nene von der Organisation »Son Batá«

Erfolgreiche Kulturarbeit. Nene von der Organisation »Son Batá« in der Comuna 13

Bild:
Knut Henkel

Ein Museum für alle Opfer

Heute sei dieser Teil der Geschichte der Comuna 13 weniger bekannt, meint Nene, der sich noch gut an die Salven erinnern kann, die von Hubschraubern aus und von Soldaten, die die Häuser durchkämmten, oft wahllos abgefeuert wurden. Viele Menschen hätten sich unter ihren Betten versteckt – vor den Kugeln waren sie auch dort nicht immer sicher. »Die Obduktion der Leichen von Verschwundenen, die wahrscheinlich in La Escombrera, der Müllkippe, verscharrt wurden, ist bis heute nicht abgeschlossen – immerhin ist all das im Museo Casa de la Memoria ein Thema«, so Nene.

Dieses »Museum Haus der Erinnerung« befindet sich im Parque Bicentenario am Rande des Zentrums von Medellín. Schon von weitem ist das moderne, anthrazitfarbene Gebäude auf einer Anhöhe zu sehen. Weit vor dem mäch­tigen Tor, das den Eingang prägt, haben die Museumspädagogen mit ihrer Arbeit begonnen. Es gibt Metallsäulen, aus denen aufgezeichnete Erinnerungen von Opfern schallen, und Stellwände, die über die Verfolgung verschiedener Künstler, von Rappern über Sprayer bis zu Pionieren der Straßenpoesie, informieren. Der Rapper El Duque und der Graffitikünstler Señor OK gehören zu den bekanntesten, von ihnen sind Tondokumente zu hören. Auf den Stellwänden werden Zusammenhänge aufgezeigt und Hintergründe erklärt. Jugendliche aus Medellín, die sich für jene Subkulturen interessieren, halten sich gern im Park rund um das Museum auf. Das ist auch ein erklärtes Ziel der Museumsmacher, die mit Opfergruppen zusammenarbeiten und dem Museum den Zusatz casa (Haus) verpassten, um die Schwellenangst junger wie alter Menschen zu reduzieren.

Das Museum lädt zum Mitmachen ein. Breite Metalltore im Untergeschoss öffnen den grauen Tunnel im Zugangsbereich des Museums. Das Team der Museumspädagogen bietet regelmäßig Kurse für Kinder und Erwachsene an, es geht um Medellín und dessen Geschichte. Die Flächen im Kellergeschoss der Casa de la Memoria stehen mit dem Auditorium und den Arbeitsräumen auch Opfergruppen zur Verfügung. Vergangenes Jahr hätten die Madres de la Candelaria, eine der wichtigsten Selbsthilfeorganisationen von Angehörigen von in Folge von Gewalttaten Verschwundenen, hier ihren Gründungstag gefeiert, so Cathalina Sánchez Escobar. »Wir sind ein offenes Haus«, erklärt die Direktorin des Museums, die es seit Januar 2019 leitet und es als Ort der Begegnung und der Versöhnung versteht. Die Hinterbliebenen, Freunde und Angehörigen der Opfer sollen hier einen Ort der Zuflucht, der Unterstützung, der Reflexion und Diskussion finden. Das ist in Kolumbien alles andere als selbstverständlich, denn Orte der Erinnerung gibt es wenige und Museen zum Thema gerade einmal drei: das in Medellín, ein von der Stadtverwaltung in der Hauptstadt Bogotá finanziertes Museum der Erinnerung und ein von Opferorganisationen initiiertes Museum in Tumaco, ganz im Südwesten Kolumbiens nahe der Grenze zu Ecuador.

Für Sánchez Escobar ist das zu wenig. »Für Erinnerung, für Aufklärung und Versöhnung wird in Kolumbien zu wenig getan«, kritisiert sie. Zwar ist im Friedensabkommen zwischen der Guerilla Farc und der kolumbianischen Regierung von 2016 auch die Erinnerungsarbeit als gemeinsames Ziel definiert worden, doch die Realität sieht anders aus. Das Nationale Museum für historische Erinnerung, dessen Gründung 2011 beschlossen wurde und das seitdem mit zahlreichen Ausstellungen und Buchprojekten auf sich aufmerksam gemacht hat, hat bis heute kein eigenes Gebäude. Das Grundstück ist zwar in Bogotá ausgewiesen, aber noch nicht einmal der Grundstein wurde gelegt. So ist es wahrscheinlich, dass das für 2021 anvisierte Einweihungsdatum nicht ein­zuhalten ist.

Seit Februar 2019 leitet der aus Medellín kommende Historiker Rubén Dario Acevedo das Nationale Zentrum für historische Erinnerung (Centro Nacional de Memoria Histórica, CNMH), das für die Konzeption des Nationalen Museums der Erinnerung verantwortlich ist. Er hat sich einen zweifelhaften Ruf in der Wissenschaft erworben, denn Acevedo bestreitet, dass es in Kolumbien einen Bürgerkrieg gegeben hat. Die im Friedensvertrag mit den Farc vereinbarte »Sonderjustiz für den Frieden« bezeichnete er auf Twitter als »Damoklesschwert der Guerilla und ihrer Freunde über der kolumbianischen Armee«. Die Ernennung des rechtskonservativen Wissenschaftlers zum Direktor des wichtigsten Museumsprojekts des Landes hatte bei Opferorganisationen für Proteste gesorgt: der indigene Dachverband ONIC und Opferorganisationen, die sich für die Aufklärung des Verbleibs von fast 100 000 Verschwundenen engagieren, haben Unterlagen, Dokumente und persönliche Gegenstände von Opfern zurückgefordert und die Kooperation mit dem CNMH eingestellt.

Verschiedene Seiten

Für Sánchez Escobar, eine Historikerin mit dem Schwerpunkt Menschenrechte, die auch im Ausland geforscht hat, ist dies eine direkte Folge der »Politisierung der Erinnerung«. »Die Erinnerungs­arbeit soll von der Politik entkoppelt werden. Aber das Gegenteil ist derzeit in Kolumbien der Fall«, kritisiert sie. Gefordert wird vielmehr eine vielfältige Erinnerung, in der unterschiedliche Meinungen und Opferbiographien nebeneinanderstehen können. Als Beispiel dient das Schicksal eines von der Guerilla Farc erschossenen unbekannten Soldaten und das des Soziologiestudenten Luis Fernando Lalinde (Jungle World 21/2019). Er war Mitglied der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei und sollte 1984 die Friedensverhandlungen zwischen der damaligen Regierung von Präsident ­Belisario Betancur und der Guerilla­gruppe EPL als Beobachter begleiten, verschwand jedoch. Seine Mutter Fabiola Lalinde betrieb akribische Recherche. Die Leiche von Luis Fernando Lalinde wurde gefunden, exhumiert, die Verantwortung der Armee für den Mord nachgewiesen und diese dazu verurteilt, nicht nur die Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm zu bezahlen, den Fabiola Lalinde mit Unterstützung des CNMH über den Fall ­initiiert hatte, sondern auch ein kleines Erinnerungszentrum am Tatort.

Solche Beispiele haben im Museum Casa de la Memoria ihren Platz. »Hier arbeiten wir mit Opferorganisationen zusammen, mit den Madres de la Candelaria ­genauso wie mit jenen der Armee«, erklärt Sánchez Escobar den Ansatz. Die Stärkung der Hinterbliebenen ist eines der Ziele des Museums und die Verantwortlichen bieten Raum für Workshops und Treffen. So ist das Haus der Erinnerung zu einem Ort geworden, an dem der Schmerz über den Verlust von Angehörigen verarbeitet wird, in Ausstellungen einfließt oder in Veranstaltungen und Aktivitäten außerhalb des Gebäudes – sei es in der Comuna 13 oder in anderen Gemeinden, die besonders traumatische Gewalterfahrungen machen mussten, etwa Granada im Departamento Meta oder Remedios im Departamento Antioquia. »Wir haben den Anspruch, die Geschichte des Konflikts für den ganzen Verwaltungsbezirk Antioquia abzubilden und in den nationalen Kontext zu setzen«, so Sánchez Escobar.

Folgerichtig darf auch die Geschichte des Drogenbarons Pablo Escobar und des von ihm geführten Kriegs gegen die Institutionen nicht fehlen. Das sind wichtige Themen in der Ausstellung, die mit Sonderausstellungen immer wieder ergänzt wird. Der Etat für das Museum wird von der Stadtverwaltung getragen, die 2006 die Museumsidee aufnahm und die Mittel für den Bau zur Verfügung stellte. 2011 wurde der auch von internationalen Organisationen mitfinanzierte Betontunnel eingeweiht – ein Beispiel für das gesamte Land. Erinnerungskultur war damals in Kolumbien noch weitgehend unbekannt und wurde erst ein paar Monate später mit der Verabschiedung des »Gesetzes der Opfer und der Landrückgabe« (Ley de Víctimas y Restitución de Tierras) im selben Jahr zum Thema – ein Erfolg der Opferbewegung in Kolumbien.

Die Opferorganisationen sind heute Teil der breiten Bewegung, die seit November 2019 gegen die Regierung von Präsident Iván Duque auf die Straße geht, gemeinsam mit Gewerkschaften und anderen Organisationen der Zivilgesellschaft (Jungle World 50/2019). Es geht um die Unzufriedenheit mit den hohen Lebenshaltungskosten, der politischen Gewalt im Land, der Ermordung politischer und sozialer Aktivisten und der Art der Implementierung des Friedensabkommens mit den Farc.

Dieser Bewegung ist die Erinnerungsarbeit wichtig. »Eine Gesellschaft ohne Erinnerung kann kaum aus den eigenen Fehlern lernen«, sagt Luis Guillermo Guerrero, der Direktor des von Jesuiten gegründeten Forschungs- und Menschenrechtszentrums Cinep in Bogotá. Das Zentrum unterstützt den Friedensdialog auf allen Ebenen, engagiert sich mit fundierten Studien und Recherchen, die auch in die Dauerausstellung im Museo Casa de la Memoria eingeflossen sind.

Kritische Ansichten werden derzeit in Kolumbien ansonsten selten vorgebracht. Das gilt nicht nur für die Erinnerungsarbeit auf musealer Ebene, sondern auch für die in den besonders betroffenen Stadtvierteln. »In der ­Comuna 13 herrscht Redebedarf. Wir müssen uns einig werden, intern und mit den Fremdenführern, ob wir unsere eigene Geschichte erzählen wollen oder zu Abenteuerspielplätzen sensationslüsterner Party-Touristen werden wollen. Es darf gern ein bisschen mehr Inhalt sein«, sagt Nene und zeigt auf ein Graffito. Dieses brandmarkt die Operación Orión als gemeinsame Machtdemonstration der Armee und paramilitärischer Gruppen; eine Geschichte, die in der Comuna 13 noch sehr lebendig ist.