#StayTheFuckHome ist nicht nur genuin antidemokratisch, sondern immer schon rechts.

Solidarisch bleiben

Die aggressive Aufforderung zur Selbstisolation macht aus der Angst vor dem Virus die Angst vor den anderen.

Der Hashtag #StayTheFuckHome geht um die Welt und kursiert im eigenen Bekanntenkreis. Er verweist auf eine scheinbar einfache Lösung, die Leben rettet. Die Parole ist nicht nur genuin antidemokratisch, sondern immer schon rechts. Sie markiert ein Denken in geschlossenen Kategorien, verweist auf Grenzen, auf das »Eigene«, und macht aus Nachbarn Fremde. Im aggressiven fuck drückt sich die Überforderung aus, die einen emotional zu überwältigen droht.

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Alle haben gegenwärtig Angst. Man ahnt vielleicht, dass die Verzweiflung im Hashtag #Staythefuckhome eigentlich das Virus selbst meint. Aber es wohnt im eigenen Körper und in denen der Liebsten. Die meisten werden es überleben, aber das Trauma des Verlusts all der anderen sitzt jetzt schon tief. Man ist traurig, aber kann nicht innehalten und trauern. Voneinander fernzubleiben, das social distancing, also das Bemühen, einander fernzubleiben, das jetzt geboten ist, ist selbst eine Katastrophe – die verheerenden Folgen sozialer Isolation sind bekannt. Das Einverständnis, sich nach virologischen und epidemologischen Maßgaben regieren zu lassen, vermeidet aber die Frage, wie mit dem Schwierigen umzugehen ist, das dieser multiplen Krise zugrunde liegt: Die angeblich gebotene Vernunft, der wir folgen, beendet nicht das, was uns ausliefert, trennt und gegeneinander aufbringt.
Jahrzehnte weltweiter Kämpfe gegen Neoliberalismus, Autoritarismus und Austerität haben nicht verhindert, dass so viele Menschen heute allein oder zu Tausenden zusammengepfercht sterben müssen. Das macht wütend. Aber es verdammt niemanden dazu, der autoritären Versuchung zu erliegen. In der Verschiebung der Schuld auf den einzelnen »Gefährder« und der Affirmation der Parole, gefälligst zu Hause zu bleiben, liegt genau diese Versuchung: Die Wut über das Ausgeliefertsein richtet sich dann gegen die, die an die ­eigene Verletzbarkeit erinnern. In dieser Angst spiegelt sich die kulturelle Dystopie der Gegenwart, in der die eigenen Träume seit Jahrzehnten Alpträume sind; Phantasie für utopische Versuche existiert nicht.

Der Hashtag #Staythefuckhome affirmiert Fragmentierung und Isolation. Statt endlich alle einzuladen, die kein Zuhause haben, hat man »eigene Probleme«. Der autoritäre Reflex, der sich bereits in unsere Körper, Haltungen und Beziehungen einschreibt – und gegen den wir mit kollektiven solidarischen Praktiken anzukämpfen versuchen – hat gemäß dem rassistischen Slogan »2015 darf sich nicht wiederholen« zu Grenzschließungen geführt.

Dabei ist die gegenwärtig propagierte Überlebensstrategie für die Zeit der Epidemie ohnehin rassistisch und nach Klassen strukturiert, weil sich zwar alle gleichermaßen infizieren können, aber nicht die gleichen Möglichkeiten haben, die Krankheit und ihre sozialen, wirtschaftlichen und emotionalen Folgen zu überstehen. Die Migrationsbewegungen 2015 hatten das europäische Grenzregime herausgefordert und neue Beziehungweisen jenseits des Nationalen, des Familiären und des kulturell Homogenen begründet. All dies wird nun bereitwillig geopfert. In dem politischen wie intellektuellen Verlust der Erfahrungen von 2015 wird nun Nachbarschafts­hilfe mit Solidarität verwechselt und anstelle des Potentials einer Gesellschaft der Vielen tritt das biopolitische Kommando.

Das widerspricht der Solidarität, die an alle diejenigen erinnert, die keinen Abstand halten können und kein fließendes Wasser haben. »Home« ist auch die private Hölle häuslicher Gewalt und sozialer Deprivation. Und ja, wir müssen über das Flüchtlingslager ­Moria sprechen, über die für Schutzsuchende geschlossenen Grenzen und Lager, über Ghettoisierung, immer und immer wieder. Wenn man über die Opfer von »Corona« spricht, muss man an weit mehr Menschen denken als die täglich gezählten Epidemietoten – und man sollte auch ihre Namen nennen.

Solidarität besteht heute darin, kollektive Lösungen für die am schwersten Betroffenen und am meisten Gefährdeten weltweit zu finden. Wer bereit ist, 20 000 eingepferchte Menschen in den Lagern in Griechenland der Lungenkrankheit Covid-19 auszusetzen, braucht keine Panik wegen »Corona-Partys« Pubertierender zu verbreiten. Wer mit dem Finger auf spielende Kinder auf der Straße zeigt, aber Verständnis für Hundertschaften der Polizei hat, die Geflüchtete mit Gewalt hinter die Zäune von deutschen Erstaufnahmelagern prügeln, bekämpft nicht das Virus, sondern verunmöglicht, in der Krise die Notwendigkeit eines radikalen Umdenkens zu erkennen. Die Situation verlangt nach einer Grenzen überschreitenden antiautoritären Praxis.