Die Irrtümer der ­sexuellen Revolution

Szenen aus der sexuellen Revolution

Vom pädophilen Schrecken im Fall Michael Jackson über die Verbrechen Harvey Weinsteins zu der Familienfehde bei den Allens: Was im Zeichen der Lust und der Revolte begann, bedarf längst einer umfassenden Revision. Warum »cancel culture«, Outing und Boykott jedoch auch an die Grenzen von Aufklärung, Demokratie und Rechtsstaat führen.

In den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ereignete sich etwas, das man die »sexuelle Revolution« nannte. Es war ein ziemlich komplexes Geschehen, das die Ordnungen der Geschlechter, die Sprache des Begehrens, die moralischen Diskurse und nicht zuletzt die politische Ökonomie neu organisieren sollte. War es ein Aufbruch in eine bessere Zukunft, oder war es eine Revolution, wie es einst Walter Benjamin formulierte, als Notbremse, nämlich angesichts eines katastrophalen Widerspruchs zwischen der sexuellen und der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaften des Westens? Die körper- und lustfeindliche Erziehung der vorherigen Generationen und ihre Folgen (die Erziehung zur Heuchelei) waren für viele Protagonisten der sexuellen Revolution noch biographische Erfahrung. Vor diesem Hintergrund musste alles als gut erscheinen, was der Sexualunterdrückung des Patriarchats entgegenstand und der Wahrheit der Sexualität entsprach. Diese Wahrheit indes musste erst gefunden (oder erfunden) werden. Und dabei ging einiges schief.

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Wie jede Revolution zentriert sich auch diese um die drei großen Hoffnungen: Freiheit (oder doch wenigstens Erweiterung subjektiver Handlungsmöglichkeiten), Gleichheit (oder doch Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit) und Geschwisterlichkeit (oder doch wenigstens Toleranz, Liberalität und Respekt). Man sieht heute mit einer Art wehmütigem Respekt zurück. Anders als die politische Revolte, die mit weitreichenden Effekten gegen die Wand gefahren wurde, endete die sexuelle Revolution nicht dramatisch, sondern sickerte in die Mainstream-Kultur ein. Und damit begann der Ärger.

Anders als die politische Revolte, die höchst effekthaft gegen die Wand gefahren wurde, endete die sexuelle Revolution nicht dramatisch, sondern sickerte in die Mainstream-Kultur ein.

Das System, das es durch die sexuelle Revolution zu überwinden galt, war, grob gesprochen: das Patriarchat. Übersetzt in eine heute gängige Wendung als »Herrschaft der alten weißen Männer«. Die Struktur dieser Herrschaft wirkte offensichtlich, wie alle Formen von Herrschaft, als systemische Vernetzung von Abhängigkeit, Drohung, Korruption, Gewalt, Legitimation und Verblendung, die durch eine Unzahl von Institutionen und Diskursen gewährleistet schienen: Familie, Religion, Gesetz, »Sitte«, Tradition, Sprache. Diese Herrschaft, so schien es, fußte auf der Unterdrückung von allem, was nicht weiß, männlich, verlogen und alt war. Und gegen diese Unterdrückung richtete sich der erste Impuls der sexuellen Revolution: die subjektive Freiheit der sexuellen Selbstbestimmung, die Überwindung der Verbote, der Tabus, der Zensur, der Schweigegebote, der brutalen Ausgrenzung bei Normabweichungen.

 

Sand
Die Befreiung der Sexualität versandet: Paare und Dreierkonstellationen in »The Love-Ins« von Arthur Dreifuss 1967;
Foto: mauritius images / United Archives / IFTN

 

Die sexuelle Befreiung war zugleich auch Avantgarde und Metapher für eine umfassendere Befreiung. Auf die Befreiung der Sexualität sollte eine Befreiung durch Sexualität folgen. Im Überschwang dieser primären Befreiung freilich war außer Sicht geraten, was bei Revolutionen, und eben auch bei sexuellen Revolutionen, schiefgehen kann.

Die revolutionären Prinzipien bedingen einander und stehen zugleich in Konflikt miteinander. Die Freiheit kann so vielversprechend sein, dass man darüber die Gerechtigkeit und die Solidarität vergisst. Solidarität wiederum kann sich ins Kuschelige verflüchtigen, so dass sich die Wärme der Gemeinschaft von der Freiheit der anderen wie vom Bewusstsein des Wandels abkoppelt. Das Gebot der Gleichheit kann zu einem Abbau der Freiheit führen. Auf die Revolte der Mutigen folgt die Diktatur der moralischen Eiferer.

Jede Revolution kann steckenbleiben. Statt Machtverhältnisse fundamental zu verändern, werden Institutionen und Positionen neu besetzt. Faule Kompromisse, Korruption und ihre Leugnung. »Realistische« Entradikalisierung allemal, und: Profiteure. Niemand hat von der sexuellen Revolution so sehr profitiert wie Kapitalismus, Konsum und alte weiße Männer.

Warum kommt ein Pussygrabber und Schweigegeld­zahler wie Donald Trump mit nachgewiesenen Taten davon, ein Woody Allen aber wird in einer Aussage-gegen-Aussage-Situation verurteilt?

Jede Revolution hat ihre Konterrevolution. Nicht nur sexuelle Libertinage, sondern auch Emanzipation, neues Selbstbewusstsein, die Versuche einer Entpatriarchalisierung der Sprache und so weiter riefen direkte Gegenbewegungen hervor. Die gegenwärtigen Erfolge von Rechtspopulismus und »konservativer Revolution« lassen sich zu einem Gutteil auch als sexuelle Konterrevolution verstehen.

 

Weinstein
Gala der Macho-Götter. Bradley Cooper umarmt Harvey Weinstein bei den Golden Globe Awards 2013,
Foto: mauritius images / United Archives

 

Aspekte und Tendenzen von alledem begleiteten die sexuelle Revolution und machten sich, als klar wurde, wie groß die Mühen der Ebene werden würden, die auf die Ausrufung dieser Revolution folgen sollten, in Revisionsbewegungen bemerkbar. Die sexuelle Revolution – das ist: eine radikale Veränderung der Geschlechterordnung und eine radikale Veränderung der Sprache des Begehrens – musste die Teufel entdecken, die in ihren Details steckten. Nun kam es zu etlichen Zäsuren, die man, je nach Standpunkt, als notwendige Korrekturen oder als moralische Reaktion ansah. Die erste entstand vielleicht aus der Erkenntnis, dass mit der äußeren Herrschaft des Patriarchats noch lange nicht das Prinzip sexueller Ausbeutung überwunden war, vielleicht sogar ganz im Gegenteil: Neue Formen der sexuellen Ausbeutung konnten sich mit Insignien der sexuellen Revolution und der neuen Freiheit in einer liberalen und pluralen Gesellschaft legitimieren. So entstand ein Bruch dieser Erzählung in den PorNo-Kampagnen, die sich nicht allein gegen die Kommerzialisierung der sexuellen Ökonomie, sondern auch gegen die Erniedrigung zum Sexualobjekt und das ungebrochene Gewaltverhältnis wandten. Eine Zäsur bedeutete zum Zweiten die Aids-Furcht in den mittleren und späten achtziger Jahren. Auch hier nährte ein biographischer Schrecken zugleich eine Medien- und Diskursplage. Sexuelle Aufklärung war hier schon unter erheblichen Druck geraten. Die Restauration einer alten Sexualmoral, einschließlich einer neuerlichen Diskriminierung von Homosexuellen (als »Schwulenseuche«, dann als neue »Lustseuche« wurde das Wirken des HI-Virus beschrieben) traf auf eine in der Defensive noch einigermaßen starke Gesellschaft, in die, wie gesagt, die sexuelle Revolution eingesickert war. Die Aids-Krise ließ das dritte Element der sexuellen Revolution betonen: die Solidarität. Solidarität nicht allein mit den Kranken, Solidarität auch mit den Adressaten reaktionärer Propaganda.

Wie können wir beginnen, wirkliche Veränderungen zu bedenken, wenn die Schauspiele, so oder so, beendet sind und wir uns wieder dem Alltag und der Struktur zuwenden?

Die schrecklichste Ernüchterung indes folgte der Offenbarung der pädophilen Gefahr. Ganz offensichtlich war in den ersten Phasen der sexuellen Revolution das Bestreben der sexuellen Ermächtigung von Kindern und Jugendlichen (»Zeig mal« hieß ein berühmtes antiautoritäres Aufklärungsbuch) blind gegenüber deren Gefahren. Spätestens mit den nicht mehr zu entkräftenden Vorwürfen gegen Michael Jackson hatte dieses Erwachen auch die Popsphäre erreicht. Was unter anderem heißt, dass es nicht allein um einen organisierten Untergrund des sexuellen Verbrechens oder um die Depravation kranker und kaputter Familien ging, sondern um neue Systeme von Macht, Gewalt und Korruption. Mit den großen Skandalen vor allem in den Bereichen von Pädagogik und, wie man es nennt, »Seelsorge« zerbrach eine große Hoffnung, nämlich die, dass auf die schwarze Pädagogik der sadistischen (sexualisierten) Sexualunterdrückung die Öffnung für eine lust- und körperfreundliche Zukunft folgen möge. Stattdessen waren neue Systeme von strukturellem Missbrauch und sexueller Gewalt entstanden. Noch etwas also musste nachjustiert werden, nach Gleichheit und Solidarität: ein Schutz der Schwachen und Wehrlosen gegen die sexuellen Freiheiten, die sich nun sozusagen sozialdarwinistisch jeder herausnehmen konnte, der eine Machtposition erlangte.

Die vierte große Revision der sexuellen Revolution begann dann (nach einem Vorspiel mit der Causa Dominique Strauss-Kahn) vielleicht nicht zufällig ebenfalls in der Pop- und Glamoursphäre, mit dem Prozess gegen Harvey Weinstein, der sich nicht nur persönlich schuldig gemacht hatte, sondern vor allem ein System der Macht, der Erpressung und der Verschwörung offenbarte. Auf die offene patriarchale Herrschaft mit der Unterdrückung der Sexualität war offenbar ein verborgenes System der Ausbeutungs- und Aneignungsmacht getreten. Und das Medium dieser Macht war nicht mehr institutionalisierte und diskursive Unterdrückung, sondern entstand mit den Waffen des Neoliberalismus: Geld, Karriere, Konkurrenz, Deals, Netzwerke, Korruption.

Es scheint, dass die Revisionen der sexuellen Revolution mit der Cancel Culture einen Punkt erreicht haben, da Gerechtigkeit und Solidarität als moralische Leitmotive gegen die Freiheit selber richten.

Von da an häuften sich die Fälle: Bill Cosby, Kevin Spacey, Roman Polanski, Woody Allen, Plácido Domingo … Die »Me too«-Kampagne erhielt enorme Aufmerksamkeit, weil sie sich aus den großen Traumfabriken heraus entwickelte. Damit bekamen alle diese Fälle Züge von Metaphern, von Exempeln, von öffentlichen Verhandlungen. Götter und Halbgötter wurden vom Olymp gestürzt, auf dem sie ihre Macht so lange missbrauchen konnten. Darüber, ob der Sturz solcher Macho-Götter Folgen für die sexuelle Ausbeutung, Ungleichheit und Unfreiheit im Alltagsleben der gewöhnlichen Sterblichen hat, gehen die Meinungen auseinander. Das Gericht verkündete in Bezug auf das hohe Strafmaß für Harvey Weinstein, dass es darum gegangen sei, eine eindeutige Warnung zu formulieren. Damit freilich war auch klar, dass es dabei weniger um Rechtsstaatlichkeit als um ein moralpolitisches Statement ging. Und was einerseits als Sieg der Gerechtigkeit gefeiert werden konnte, löste andererseits auch Unbehagen aus. Wird nicht für Gerechtigkeit und Solidarität ein anderes demokratisches Grundelement geopfert? Je näher man sich die einzelnen Fälle ansieht, auch jene, bei denen an die Stelle einer gerichtlichen Verhandlung eine berufliche und soziale Ächtung tritt, desto größer wird der Widerspruch zwischen moralischer Gewissheit und rechtsstaatlichen Geboten sowie solchen der Fairness: Unschuldsvermutung, das Recht auf angemessene Verteidigung, Angemessenheit … Und dann: Gab es da nicht auch Fälle wie Jörg Kachelmann oder Julian Assange, in denen sexueller Missbrauch aus persönlichen oder sogar aus politischen Gründen unterstellt wurde? Oder: Warum kommt ein Pussygrabber und Schweigegeldzahler wie Donald Trump mit nachgewiesenen Taten davon, ein Woody Allen aber wird in einer Aussage-gegen-Aussage-Situation verurteilt? Etwa weil Donald Trump kein Schwarzer, kein Schwuler, kein Mexikaner, kein Jude und kein Protagonist der linksliberalen Popkultur ist?

Ach, keine Verschwörungstheorien. Dennoch lässt sich durchaus nach den medialen und politischen Täter-Opfer-Konstruktionen fragen. Die Kulturkritiker der Zukunft werden vielleicht mit einem gewissen Erstaunen feststellen, wie rasch sich die Sehnsucht nach Sicherheit, Gerechtigkeit und Solidarität in die Inszenierung moralischer Überlegenheit formen ließ.

Wie können wir beginnen, wirkliche Veränderungen zu bedenken, wenn die Schauspiele, so oder so, beendet sind und wir uns wieder dem Alltag und der Struktur zuwenden?

Jede der vier Zäsuren, Ernüchterungen und Revisionen veränderte die große Erzählung der sexuellen Revolution, nicht nur im Hinblick auf die Ziele und Methoden, sondern auch auf die Geschichte dieser Revolution, die in die Mainstream-Kulturen eingesickert war. Aber im Allgemeinen (nur eine militantere Fraktion der PorNo-Kampagne hatte sich gleichsam zurück an die superpatriarchale Institutionen Polizei und Staat gewandt, um Zensur und Strafe wieder einzusetzen) mussten die Zäsuren und Revisionen mit dem in Beziehung gesetzt werden, was in der sexuellen Revolution an unbestreitbarem sozialem Fortschritt erreicht worden war. Man musste, mit anderen Worten, Korrekturen vornehmen, Fehlentwicklungen eliminieren, neue sexuelle Ausbeutung und neue sexuelle Gewalt unterbinden, ohne zugleich einer rechten Retromanie zu verfallen und neuen moralischen Autoritarismus zu etablieren. Das heißt: Nicht die Wiedereinsetzung der alten patriarchalen und postpatriarchalen Institutionen und Diskurse konnte die Lösung sein, vielmehr ging es um eine Selbstkorrektur der Zivilgesellschaft, eine Selbstorganisation der moralischen Empörung. Daraus folgten zwangsläufig Hegemoniekämpfe, Diskursverschiebungen und -brüche sowie sonderbare Kulturen des Eifers wie die political correctness, die »Trigger-Warnungen«, die Safe Spaces etwa auf dem Campus, die ständigen Neujustierungen der sogenannten gendergerechten Schreibweisen, am Ende eben jene cancel culture, in der Boykottaufrufe, Blockaden und Medienkampagnen sozusagen ein fluides neues Subjekt der moralischen Autorität bilden. Die sexuelle Revolution war gleichsam subjektlos geworden. Und fast alle fühlten, dass etwas stärker wurde als die Lust, in deren Zeichen die Revolte begonnen hatte: die Angst.

 

Allen
Ein letztes Glas im Stehen: Woody Allen mit Diane Keaton in »Manhattan« (1979); Foto: mauritius images / Collection Christophel

 

Worum es geht: Strukturelle Benachteiligung, kulturelle Herabsetzung, Praxis der sexistischen Macht und sexuelle Gewalt als Felder der Auseinandersetzung – allerdings in einer Gesellschaft, die nicht mehr eine ist. In einem Teil dieser Gesellschaften werden erbitterte und eifernde Gefechte um gendergerechte Schreibweisen geführt, in einem anderen trifft das bestenfalls auf Ignoranz, im schlechteren Fall wird es in die antiliberale Propaganda eingebaut: Das große Projekt einer kulturgeschichtlichen Erneuerung ist zerbrochen in die sexuellen Verschwörungen der »Elite«, in denen sich Banker, Künstler und Royals wie selbstverständlich die sexuellen Dienste von Minderjährigen teilen, in den moralischen Eifer der »Gutmenschen« und »Genderwahnsinnigen« und in die sexuelle Konterrevolution von rechts. Tatsächlich sind die Verhältnisse zwischen diesen Zerfallserscheinungen der sexuellen Revolution nicht so eindeutig, wie es scheinen mag. Der Fall Weinstein und der Fall Epstein sind sonnenklar, hier handelt es sich einfach um Verbrechen. Auch Bill Cosbys Vergehen sind justiziabel. Schon schwieriger ist der Fall Woody Allen. Denn hier sind die juristischen Parameter kaum stichhaltig. Im Hintergrund lauert eine Familienfehde epischen Ausmaßes. Noch einmal anders liegt der Fall Roman Polanski. Tatsächlich wurde der Regisseur ein paar Jahre zuvor noch als Protagonist der sexuellen Befreiung gefeiert. Und dann sind da noch die Gegenbeispiele à la Kachelmann und Assange.

Das schrecklichste Erwachen war die Offenbarung der pädophilen Gefahr. Ganz offensichtlich war in den ersten Phasen der sexuellen Revolution eine sexuelle Ermächtigung von Kindern und Jugendlichen blind gegenüber den Gefahren.

Aufgrund dieses Widerspruchs entstehen höchst zweifelhafte Bewegungen, an die Stelle einer allgemeinen Diskussion über Gesetze auf der einen Seite, moralische Standards auf der anderen Seite (früher hätte man wohl von »Tugenden« der Menschen in einer Gesellschaft gesprochen) ist ein Kampf um die Diskurshegemonie, um (mediale) Aufmerksamkeit und um die nichtstaatliche Organisation von sexueller und diskursiver Macht getreten. Das bedeutet keineswegs, sich sogleich von zivilgesellschaftlichem Engagement zu distanzieren, das eben die Mittel für sich requiriert, die die gegenwärtige Situation bereitstellt. Es bedeutet die Frage: Wie können wir beginnen, wirkliche Veränderungen zu bedenken, wenn die Schauspiele, so oder so, beendet sind und wir uns wieder dem Alltag und der Struktur zuwenden?

Als Fortsetzung der vierten Revision der sexuellen Revolution oder, je nach Perspektive, als Vorläufer einer fünften, kann man wohl die cancel culture ansehen, den gezielten Boykott aller Äußerungen, Narrative und Bilder, die der Bann der neu formulierten (sexuellen) Unmoral trifft. Zunächst und spektakulär genug erwischt es die Produktionen jener, die zu den Monstern gehören. Sie sollen sozusagen nicht nur als Personen, sondern auch als »Werk« zum Verschwinden gebracht werden. Sie haben, wie es scheint, das Recht auf ästhetischen Ausdruck verwirkt, man kann Konzerte ausfallen lassen, Auszeichnungen verhindern, Buchpublikationen unterbinden, sogar Filme so umschneiden, dass ein Schauspieler daraus verschwindet.

Die cancel culture ist nicht zuletzt ein Phänomen des späten Kapitalismus, denn sie geht von der Macht der Konsumenten, vor allem aber der Macht der Kontribuenten aus. Das System ist dermaßen von »content« abhängig, dass primäre Produzenten – Autoren, Regisseure, Schauspieler – ihre Macht in politisch-moralische Gesten umsetzen. So geht es etwa mit der BDS-Bewegung, deren kulturelle Abteilung es, abgesehen von antisemitischen Untertönen ihres Umfelds, für eine gute Idee hält, der israelischen Regierung ihr Missfallen auszudrücken, indem sie sich genau jenen verweigern, die zur Stärkung von Liberalität und Opposition ein wenig internationale (Pop-)Kultur durchaus gebrauchen könnten. Ganz ähnlich nun verfahren jene Autorinnen und Autoren in den USA und in Deutschland, die mit Boykottdrohungen ihren Verlag dazu bewegen wollen, einen autobiographischen Text von Woody Allen nicht zu drucken. Statt eine kritische Auseinandersetzung zu beginnen, verhindern sie sie. Sie entmündigen mich als potentiellen kritischen Leser, und sie setzen sich als moralische Instanz ins Bild. Die Gefährlichkeit des Prinzips der cancel culture wurde von den Kommentatorinnen und Kommentatoren hinreichend gewürdigt: Wo fängt das an? Und wo hört es auf? Oder kann es überhaupt irgendwo aufhören, wenn solch ein Prinzip erst einmal von den Monstern selbst auf alles übertragen wird, was dem Bannkreis des Monströsen zugeordnet wurde?

Die Freiheit kann so vielversprechend sein, dass man darüber die Gerechtigkeit und die Solidarität vergisst.

Es scheint, dass die Revisionen der sexuellen Revolution mit der cancel culture einen Punkt erreicht haben, da sich Gerechtigkeit und Solidarität als moralische Leitmotive gegen die Freiheit selber richten. Denn nun wird nicht mehr allein das Monster zur Rechenschaft gezogen, sondern bereits der Schatten, den es auf die Kultur warf. Und mit Schatten ist das so eine Sache. Sie lassen sich schwer fassen, aber leicht ist es, mit ihnen Angst, Misstrauen und Zwietracht zu erzeugen. Dennoch: Cancel culture ist eine extrem mehrdeutige Angelegenheit. Als eine Schriftstellerin einen Lesetermin in einer Buchhandlung absagte, die sich weigerte, Thilo Sarrazin aus der Auslage zu nehmen, gab es einen Aufschrei gegen »Zensur« und wegen Verstoßes gegen die Liberalität. Aber würde ich, nur zum Beispiel, ein Buch in einem Verlag publizieren wollen, der Thilo Sarrazin oder ähnliche Autoren im Programm hat? Nein, denn es gehört wiederum zu meiner Freiheit, mir eine Gemeinschaft zu verbitten, in welchem kulturellen Code (also zum Beispiel durch die Markierung eines Verlagsnamens, durch die Kontamnierung einer Bühne) diese auch formuliert wird. Ein Autor, dem ich durch das cancelling begegne, wird von mir ausgeschlossen, gewiss, aber werde ich, umgekehrt, wenn ich mich nicht wehre, von diesem nicht vereinnahmt? Das prinzipielle Recht auf das cancelling muss Autorinnen und Autoren also, wie allen anderen ästhetischen Produzenten in einem organisatorischen Zusammenhang, bei aller Kritik im Einzelfall, als Diskursnotwehr bleiben. Es offensiv und vorschnell einzusetzen, erscheint indessen in der Tat als Beitrag zum Erstickungstod einer Kultur, die ohnehin Schwierigkeiten beim freien Durchatmen hat. Kurz gesagt, aus der Double-Bind-Situation, den Monstern mit Methoden zu begegnen, die selbst der Monstrosität nicht entbehren, kann nur eine radikalere Frage entstehen: Wie werden in dieser (dreigespaltenen) Gesellschaft moralische Werte und Praxen vermittelt und wie verhängnisvoll sind die Erfolge der sexuellen Revolution an die Machtdiskurse gebunden? Letzte der großen Ernüchterungen: Eine sexuelle Revolution ohne eine politisch-ökonomische Revolution taugt wenig und nutzt vorwiegend den Falschen.

Was geschehen ist – als hätte es ein besonders perfides antidemokratischen Gehirn erdacht –, besteht in einer fundamentalen Trennung der drei revolutionären Hoffnungen: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität. Die postrevolutionären Verfechter der Freiheit und die postrevolutionären Verfechter der Gerechtigkeit sind zu Gegnern geworden (und manchmal bekämpfen sie sich in ein und derselben Person), Solidarität hat in einer Kultur der Empörungen ohnehin keinen Platz.

Der »kulturelle Boykott« ist die passive Form eines Zwangs zum Selbstausdruck; eine aktive Form ist das Outing – auch eine Sache, die einst im Zuge der sexuellen Revolution eine besondere (umstrittene) Bedeutung hatte und dann auf jeden noch so kleinen Widerspruch zwischen privater und öffentlicher Person angewandt wurde. Die Verbindung von beidem ist die »call-out culture«, eine öffentliche Bloßstellung von Menschen, die mit ihren Äußerungen oder Handlungen gegen die moralischen und semantischen Übereinkünfte (oder ihre bloße Behauptung) verstoßen. Reagiert der oder die Bloßgestellte nicht im Sinne einer Selbstkritik oder Selbstzensur, treten die Mechanismen der cancel culture, ein regelrechter Boykottdruck auf Plattformen, Medien oder Organisationen in Kraft.

Cancel culture, call-out culture und Outing bilden den Keim einer verhängnisvollen calvinistischen Moraldiktatur in den Netzen und Diskursen, für die die Monster und das Monströse unschlagbare Argumente sind. So entsteht eine fluide, eine neocalvinistische Form von Zensur und Denunziation. Im Unterschied zur Kritik eines Textes, einer Handlung, eines ästhetischen Produkts und im Unterschied zur juristischen Bestrafung oder zivilgesellschaftlichen oder beruflichen Sanktion eines Verhaltens machen call-out culture und cancel culture keinen Unterschied zwischen einer privaten Person und einer öffentlichen Aussage.

Man wird mit dem Widerspruch leben müssen: Die moralischen Revisionen der sexuellen Revolution sind notwendig, um stets erneut Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität ins Gleichgewicht zu bringen. Sie sind zugleich gefährlich, weil sie uns stets an die Ränder von Aufklärung, Demokratie und Rechtsstaat führen. Sexuelle »Monster« müssen geoutet und bestraft werden, und dies kann offensichtlich nicht immer mit den Mitteln des Rechtsstaates geschehen. Kultur und Gesellschaft nach den Spuren des Monströsen zu durchforsten, sie zu eliminieren und zu »canceln«, was nicht nachweislich »sauber« ist, mag sich indes zum Vernichtungswerkzeug gegen die demokratische Kultur auswachsen, die darauf aufbaut, Widersprüche, Probleme, Verfehlungen und Irrtümer (wie nur zum Beispiel die Irrtümer in der Geschichte der sexuellen Revolution) zu akzeptieren und zu bearbeiten. Ist die sexuelle Revolution gescheitert, steckengeblieben, aufgelöst? Hat sie sich kommerzialisiert, calvinisiert, stalinisiert? Wäre es an der Zeit für eine zweite sexuelle Revolution? Denn noch immer geht es um eine radikale Änderung der Ordnung der Geschlechter und um einen radikalen Wandel der Sprache des Begehrens. Und es geht um Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität.