Fußballfans lehnen »Geisterspiele« in der Bundesliga ab

Gegen Fans, Vernunft und Verantwortung

So unverzichtbar, wie seine Verantwortlichen denken, ist der Profifußball nicht. Viele Fans lehnen eine Fortsetzung der unterbrochenen Bundesligasaison mit »Geisterspielen« ab.

In der Frage, wann genau der Ball wieder rollen soll, herrschte zunächst noch Uneinigkeit. Man könne sich eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Profifußball Mitte oder Ende Mai vorstellen, hieß es aus Kreisen der Landessportminister. Auf Bild.de lehnten sich die zwei Kanzlerkandidaten der Union in spe, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sowie sein bayerischer Kollege Markus Söder (CSU), Anfang vergangener Woche noch weiter aus dem Fenster. Bereits am 9. Mai werde die Bundesliga voraussichtlich erneut beginnen können, hieß es dort. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) möchte »Millionen Fußballfans ab dem 9. Mai dann wieder ein Stück Normalität« schenken.

Anzeige

Ob Anfang, Mitte oder Ende Mai: Millionen Fußballfans scheinen von all diesen Vorschlägen nicht besonders viel zu halten. In der Coronakrise zeigt sich, dass die schönste Nebensache der Welt für viele Menschen eben nur das ist: eine Nebensache.

Am 11. März fand letztmals ein Spiel in den deutschen Fußballbundesligen statt. Borussia Mönchengladbach und der 1. FC Köln traten im rheinischen Derby zum ersten »Geisterspiel« wegen einer Pandemie in der Geschichte der ersten Bundesliga an, einem Spiel ohne Stadionpublikum also. Seither ruht zwar der Ball, nicht aber die Diskussion, wann und in welchem Rahmen es weitergehen soll.
Auf der einen Seite stehen dabei die Funktionäre und Verantwortlichen der Vereine und Profiligen.

Funktionäre stellen den Bundesligafußball perfiderweise als eine Möglichkeit dar, den Menschen Hoffnung und Ablenkung von ihren durch die Pandemie verursachten Sorgen zu schenken.

Ihnen scheint zuvörderst daran gelegen zu sein, die Spielpause möglichst schnell zu beenden. Der Fußball müsse sich eben an die besonderen Bedingungen anpassen. Auf der anderen Seite opponieren viele Fans und Beobachter gegen dieses Vorhaben. Die Sonderstellung des Fußballs als Sport mit Massenpublikum dürfe in der derzeitigen gesellschaftlichen Krise keine Rolle spielen.
Eine Sonderrolle nimmt der Fußball zweifelsohne ein. Die Debatte über eine Fortsetzung der unterbrochenen Saison wäre in anderen Sportarten kaum denkbar. Die Handballbundesliga etwa hat die laufende Spielzeit bereits abgebrochen, ebenso die Deutsche Eishockeyliga. Weitere Sportarten werden folgen. Doch das immense Interesse der Deutschen am Fußball forciert offenbar eine »Lex Bundesliga«, wie die geplanten Ausnahmeregelungen für den Fußball genannt werden. Während Sport- und Vereinsanlagen im gesamten Land wochenlang nicht betreten werden durften, sind viele Fußballbundesligisten bereits seit spätestens Anfang April wieder im Training. Und dass der Fußball sich bald mit Geisterspielen zurückmelden würde, schien oft gar nicht angezweifelt zu werden. Im Mittelpunkt stand allein die Frage, wann es so weit sein würde.

Funktionäre stellen den Bundesligafußball perfiderweise als eine Möglichkeit dar, den Menschen Hoffnung und Ablenkung von ihren durch die Pandemie verursachten Sorgen zu schenken. Die Saison weiterzuführen, erscheint geradezu als notwendige Konsequenz der gesellschaftlichen Verantwortung, die auf den Schultern der Vereine laste. Oliver Mintzlaff, Vorstandsvorsitzender von RB Leipzig, sprach gegenüber Bild gar davon, den Fans »ein Stück Lebensfreude« zurückzugeben.In erster Linie fürchten die Vereine allerdings um ihre Profite. Ohne Spiele fließen keine oder deutlich weniger Fernseh- und Sponsorengelder. Die Spekulationsblase des Fußballgeschäfts droht zu platzen. Mindestens acht Erst- und Zweitligisten würden bei ausbleibenden Einnahmen noch im Mai vor der Insolvenz stehen, heißt es aus Kreisen der Deutschen Fußballliga (DFL). Offenbar hat man es in der Vergangenheit versäumt, Rücklagen zu bilden. Stattdessen sind teils bereits Millionenbeträge, die den Vereinen noch gar nicht ausgezahlt worden waren, in teure Ablösesummen und Spielergehälter geflossen.

Die unaufhörliche Kommodifizierung des Fußballs kritisieren viele aktive Fans schon lange. In der »größten Krise seiner Geschichte« ­(Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke) scheint sich diese Kritik zu bewahrheiten. Vor wenigen Wochen wurden die Ultras nach ihren Schmähungen gegen den Mäzen der TSG Hoffenheim, Dietmar Hopp, noch zur größtmöglichen Schande des Sports erklärt (Jungle World 11/2020). Nun scheint es, als kämen aus den Kreisen der Ultras diejenigen, die ihre Urteilskraft noch nicht völlig verloren haben. Die »Fanszenen Deutschland« erklärten in einer gemeinsamen Stellungnahme, eine »baldige Fortsetzung der Saison wäre blanker Hohn gegenüber dem Rest der Gesellschaft«. Die Coronakrise mache deutlich, dass sich der Fußball »grundlegend verändern« müsse. Die Fanorganisation »Unsere Kurve« argumentierte ähnlich: Der Profifußball sei krank und es gelte nun, nicht die Symptome, sondern die Ursachen dieser Krankheit zu bekämpfen.

Helen Breit, Anhängerin des SC Freiburg und Mitglied im Vorstand von »Unsere Kurve«, erläuterte der Jungle World die Kritik der Fans: »Wir wollen, dass der Fußball gerechter, transparenter und bodenständiger wird. Wir fordern die gerechtere Verteilung von Fernsehgeldern und eine Verpflichtung der Vereine, verantwortungsvoll mit dem Geld im Fußball umzugehen. Dazu werfen wir auch perspektivische Fragen auf: Wie kann der Fußball innerhalb und zwischen den Ligen langfristig gerechter werden? Wie sieht eine gelungene Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und gesellschaftlicher Verantwortung aus?«

In einer Stellungnahme kündigten die in »Unsere Kurve« organisierten Fans an: »Wenn das Spiel so weitergeht, sind wir raus!« Man sei sich darüber im Klaren, dass eine Veränderung nicht von heute auf morgen möglich sei. Der Profifußball habe allerdings »noch nie so stark um die Akzeptanz seines Geschäftsmodells in der Gesellschaft gerungen wie in der aktuellen Situation«. Breit sagte der Jungle World: »Das ist mehr eine Feststellung als eine Drohung. Wenn Vereine und Verbände das als Drohung auffassen würden, wären wir einen Schritt weiter: Denn dann würden sie anerkennen, dass Fans ein wichtiger Teil des Fußballs und kein Beiwerk sind. Und sie würden sich darum sorgen, dass Fans sich von ihnen abwenden.«

Danach sieht es gegenwärtig noch nicht aus. Die DFL, in der die 36 Clubs der ersten und zweiten Bundesliga zusammengeschlossen sind, klammert sich starr an die Hoffnung, mit der Einführung von Geisterspielen könne der drohende Kollaps abgewendet und das bewährte System der Geldvermehrung fortgeführt werden. Der FC Bayern etwa hat der Verschwendung von Kapazitäten für Coronatests, die bei einer Wiederaufnahme des Spielbetriebs durch regelmäßiges, häufiges Testen von Spielern und Mannschaftsbetreuern droht, offenbar schon vorgegriffen. Der Vorstandvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge sagte der italienischen Zeitung Corriere della Sera, die Spieler würden bereits zweimal wöchentlich getestet.

Dagegen forderten acht Vereine der dritten Liga, die nicht von der DFL, sondern vom Deutschen Fußballbund (DFB) vertreten werden, bereits den Abbruch der laufenden Saison, darunter der Tabellenzweite Waldhof Mannheim. Eine Fortführung der Saison setze die gesellschaftliche Verwurzelung des Fußballs aufs Spiel, so das gemeinsame Schreiben der Clubs. Auch seien die medizinisch notwendigen Schutzmaßnahmen für die betroffenen Vereine schwerlich einzuhalten. Da sich die Vereine der dritten Liga im Gegensatz zur ersten und zweiten Spielklasse zudem vor allem aus Zuschauereinnahmen finanzieren, drohe bei Geisterspielen der finanzielle Ruin. Von einer baldigen Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Profifußball profitieren letztlich also wohl nur die, die ohnehin seit Jahren das größte Stück vom Kuchen abbekommen.