Der letzte linke Kleingärtner, Teil 64 – ein Lothar geht, ein Lothar kommt

Lothar erklärt die Welt

Ein Experte geht, ein anderer kommt. Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 64
Kolumne Von

Dass ich das noch erleben durfte: Der Lothar Matthäus ist ein anderer geworden. Jahrelang erklärte uns Matthäus (auch bekannt als »Loddar« und »unser Lothar«) aus der Perspektive der Fußballwelt die kleine Welt außerhalb des Fußballs und bereitete uns viel Freude mit seinen Spielereien auf dem Platz und abseits davon. Seine Auftritte als Englisch- und als Israel-Experte (»Ich bin eine Art Israel-Fachmann«) lieferten gern herbeizitierte Anekdoten. Man verzieh ihm den letzten Schmarren, weil man sich, getragen von großer Güte, an sein wohlgefälliges Fußballspiel erinnerte. Auf dem grünen Rasen beherrschte er eigentlich alles außer den Torschuss vom Elfmeterpunkt. Und seine Interviews nach emotional aufwühlenden Spielen sind unvergessen. Den fehlenden Wortschatz und seine einfache Weltsicht kompensierte Matthäus mit gekonnt vor der Kamera durchlittenen Gefühlsausbrüchen aller Art.

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Das alles ist vorbei. Ist »Loddar« gestorben? Nein, Lothar Matthäus lebt. Aber in seiner medialen Lebensrolle als »unser Lothar« ist er gestorben. Mit »Corona-Lothar« wurde ein neuer Spieler eingewechselt. Gemeint ist Lothar Wieler vom RKI. Diesen Verein kannten vor sechs Wochen nur Insider. Mittlerweile weiß alle Welt, dass RKI die Abkürzung für Robert-Koch-Institut ist. Ähnlich wie sein Vorgänger erklärt uns dieser Lothar die Welt – zumindest die Coronawelt. Und er schildert die großen Dinge mit einfachen Worten: Wir sollen höflich sein und die Niesetikette beachten, indem wir die Nase in die Armbeuge halten. Wir sollen uns häufiger die Hände waschen.

Das sind steile Thesen, die man erst einmal verarbeiten muss. Ich mit meinem einfachen Kleingärtnergemüt folgte wochenlang dem neuen Lothar, bis mir verschämt auffiel, dass mir bereits meine Mutter diese hygienischen Umgangsformen eingehämmert hatte. Aber gemach, gemach: Sie heißt schließlich nicht Lothar und ist nicht männlich. Sonst wäre sie ja nicht meine leibliche Mutter. Könnte es sein, dass der neue Lothar, ähnlich wie der alte, gar nicht so viel Ahnung hat und trotzdem die großen Entwürfe ausbreitet, wenn die Kameras und Mikrophone schon mal an sind? Dieser verwegene Gedanke lässt mich nicht mehr los. Ich bin im Lothar-Fieber, fühle mich zum neuen Deutschland-Lothar hinge­zogen und spüre eine innere Wesensverwandtschaft mit ihm, die mich nicht loslässt.

Als Kleingärtner geht es mir oft wie Corona-Lothar. Im Grunde genommen weiß ich nicht immer, warum die Ernte miserabel oder überbordend ausfällt und warum manche meiner gärtnerischen Vorhersagen und Vermutungen ein Griff ins Klo sind und andere nicht. Dabei gelingt es mir recht locker, das eigene Nichtwissen über die Zusammenhänge zu überspielen und mich dem Anschein nach qualitativ hochwertig zu äußern. Auf den Klang und den Schein kommt es an, das wissen der Kleingärtner und der Lothar. Deshalb erklärt uns Lothar nicht, warum es keinen bundesweiten, ständig tagenden Runden Tisch von Virologen gibt oder gar einen internationalen Virologenstammtisch mit chinesischen Kollegen. Stattdessen podcasten manche Virologen vor sich hin und haben ihre Lieblingsjournalisten, von denen sie selbstverständlich höchst objektiv befragt werden. So war es schon beim Fußball-Lothar. Bei mir ist es genauso. Ich erkläre lieber die Welt alleine und teile mir die mediale Aufmerksamkeit nicht mit anderen Kleingärtnern. Ruhm und Ehre gehören mir allein.

Genug lotharisiert. Ein Gang durch den nach und nach eingesäten und langsam Form annehmenden Garten entschädigt für vieles. Der sonnige Frühling lässt die Samen aufgehen und langsam wachsen. Aber er hat auch seine Tücken. Wieder einmal fehlt der Regen. Wenn es weiter dumm läuft, wird dies der dritte trockene Sommer in Folge. Das kann in den ersten Wochen nach der Aussaat teil­weise kompensiert werden, weil der Boden noch eine Restfeuchte in tieferen Schichten hat und das Saatgut dank eigenem Nachbau selbstverständlich hervorragend ist und nicht bei der ersten Stadionrunde aus der Puste kommt. Außerdem kann man punktuell ­gießen. Aber ich mag nicht jeden Tag mit der Gießkanne durch den Mittelpunkt der Welt laufen. Das schadet meinem Image. Es ist, wie es ist: Die Zeiten werden härter. Früher war alles besser. Genug Regen und kein Corona. Damals, als der andere Lothar uns die Welt erklärte.

In Rheinland-Pfalz ist ein großes kleingärtnerisches Unglück passiert. Die Mainzer Allgemeine Zeitung berichtete von einem dreisten Hühnerdiebstahl in Nieder-Olm. Acht Hühner wurden aus einem Stall geklaut. Wenn man bedenkt, dass ein eierlegendes Durchschnittshuhn rund zehn Euro in der Anschaffung kostet und die gestohlenen Hühner nicht mehr ganz taufrisch waren, beträgt der Schaden höchstens 50 Euro. Dafür einen Einbruch riskieren? Unfassbar. Na ja, für einen Kleingärtner sind 50 Euro viel Geld. Aber ich hatte es geahnt: Die rheinland-pfälzische Landesregierung aus SPD, FDP und Grünen setzt die falschen Prioritäten. Statt mit den ätzend konservativen Islamverbänden einen neuen Kuschelvertrag zu schließen, sollte sie besser auf die Hühner aufpassen.