Ein Gespräch mit Azara Nfon Dibie Sanogo, Beraterin für Agrar- und Ernährungspolitik, über die Coronakrise in Westafrika

»Die meisten ignorieren die Maßnahmen«

Bereits vor der Pandemie waren in Westafrika rund 17 Millionen Menschen von Ernährungsunsicherheit betroffen. Jetzt verlieren sehr viele Menschen wegen der Maßnahmen ihr Einkommen und den Zugang zu den Märkten.
Interview Von

Wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut. Ich arbeite von zu Hause, wie wohl die meisten bei Oxfam in Westafrika. Das Team ist über die Region verteilt, mein Dienstort ist Burkina Faso.

Und das Land befindet sich im lockdown?

Ja, natürlich. Seit etwa eineinhalb Monaten. Die Regierung hatte über die Städte, die von Covid-19 betroffen sind, eine Quarantäne verhängt, die offiziell bis zum 4. Mai in Kraft war. Wir sollen weiterhin zu Hause arbeiten, aber es ist nicht obligatorisch. Man kann es sich also aussuchen, ob man im Büro oder zu Hause arbeitet. Die Grenzen sind noch immer geschlossen.

Wie ist die Situation derer, die nicht in Büros arbeiten? Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung des Landes tut das ja nicht.

Die Situation ist schon hart. Hierzulande arbeiten die meisten Menschen im sogenannten informellen Sektor. Es gibt neben der Aufforderung, zu Hause zu bleiben, noch andere Maßnahmen, etwa eine nächtliche Ausgangssperre. Die Märkte waren mehr als einen Monat geschlossen, etwa 80 Prozent von ihnen sind offene Märkte. Die Öffnung hat erst vorletzte Woche wieder begonnen. Diese Restriktionen sind extrem hart für Menschen, die auf ein tägliches Einkommen angewiesen sind, um Essen zu kaufen. Das betrifft den Verkauf und Transport von Waren sowie alles, was in diesen Märkte und um sie herum stattfindet. Das sind Jobs, auf die Menschen zum täglichen Überleben angewiesen sind. Wer hingegen ein festes Einkommen hat, hat es besser. Aber das trifft auf den Großteil der Bevölkerung nicht zu.

Vor vier Wochen meldete Ihre Organisation, dass zwischen Juni und August 2020 in Westafrika 50 Millionen Menschen von Hunger bedroht sein könnten. Macht sich das bereits bemerkbar?

Auf jeden Fall. Das war eine Warnung, die wir an die internationale Staatengemeinschaft aussprechen wollten. In Westafrika beobachten wir Ernährungsunsicherheit in der ländlichen und urbanen Bevölkerung. Unsere Beobachtungen haben gezeigt, dass bereits vor der Pandemie etwa 17 Millionen Menschen von Ernährungsunsicherheit betroffen waren. Jetzt verlieren wegen der Maßnahmen sehr viele Menschen ihr Einkommen und den Zugang zu den Märkten.

Unter welchen Bedingungen dürfen in Benin die Märkte wieder öffnen?

Die ersten Wiederöffnungen vor zwei Wochen waren Pilotversuche. Man wollte sehen, ob die Pandemie sich dort weiter verbreitet oder nicht. Falls das geschehen sollte, will man sie wieder schließen.

Wie hat die Pandemie Burkina Faso bislang betroffen?

Es gab mehr als 700 bestätigte Fälle von Covid-19 und 50 Todesfälle. In allen 22 westafrikanischen Staaten waren es vorige Woche etwa 12 900 bestätigte Infektionen. Am meisten bestätigte Fälle gibt es in Ghana mit 4 700, knapp gefolgt von Nigeria mit 4 600. Es sind also gar nicht so viele. Aber das Problem ist, dass unsere Gesellschaften ökonomisch sehr auf dieser informellen Basis organisiert sind. Und wenn man dort die Bewegungsfreiheit einschränkt, leiden Menschen innerhalb kürzester Zeit an Hunger. Ein soziales Netz existiert nicht.

Wie reagieren die Menschen auf diese Maßnahmen? Sie sind von diesen ja offensichtlich in einem viel höheren Ausmaß betroffen als von der Pandemie selbst.

Wir bekommen das jeden Tag zu hören. Die Leute sagen, sie würden sich lieber der Gefahr der Krankheit aussetzen. Was ihr Leben bedrohe, sei nicht Covid-19, sondern die Versorgungslage.

Zugleich heißt es aber, wenn Covid-19 in den Slums von Afrika ausbräche, stünden katastrophale Verhältnisse bevor.

Auch das stimmt. In der Sahelzone gibt es etwa eine Millionen displaced people wegen interner Konflikte, Terrorismus und bewaffneter Gruppen. Viele von ihnen waren vorher Bauern, sie können nichts mehr anbauen und sind jetzt von Essensversorgung durch Regierungen und NGOs abhängig. Diese Binnenflüchtlinge sind am stärksten von der Pandemie bedroht, aber auch am härtesten von den Restriktionen zu deren Eindämmung betroffen. Auch sind viele Viehhalter vor der Regenzeit auf Weideland jenseits der Landesgrenzen angewiesen. Wenn die Grenzen geschlossen sind, können sie ihre Tiere nicht ernähren, und sie riskieren, ihre Einkommensquelle zu verlieren.

Hier in Europa beginnt man auch gerade damit, die Einschränkungen wieder zu lockern, aber im Alltag sollen viele zunächst bestehen bleiben. Man soll Distanz halten, in Geschäften und dem öffentlichen Nahverkehr Masken tragen. Es wird über Tracing-Apps diskutiert. Welche Maßnahmen würden in Westafrika funktionieren?

Natürlich gab es hier auch Bedingungen, die die Regierung gestellt hat, damit die Märkte wieder öffnen können und dies nicht zum Problem wird. Das bedeutet: Masken tragen, Abstand halten und Hände waschen. Es gibt sogar of­fiziell eine Maskenpflicht in der Öffentlichkeit. Aber in der Realität sieht man in der Öffentlichkeit nur sehr wenige eine Maske tragen oder Abstand halten. Die meisten ignorieren die Maßnahmen. Wir sind schon etwas beunruhigt, was in der nahen Zukunft passieren wird.

Was sagen die Menschen dazu?

Ich weiß nicht, wie es in anderen afrikanischen Ländern aussieht, aber in Bur­kina Faso sagen die Menschen zwei Sachen: Erstens sei die Krankheit nicht so schlimm, wie die Regierung behauptet, und zweitens gebe es wirklich viele, viele Probleme hier, die ihr Leben stärker bedrohen. Zum Beispiel sind die Menschen wirklich besorgt wegen der bewaffneten Konflikte, es gibt immer noch Angriffe bewaffneter Gruppen. Man solle das Geld, das jetzt in die Pandemiebekämpfung gesteckt wird, lieber verwenden, um diese terroristischen Gruppen in der Sahelzone zu bekämpfen. Und man solle sie am liebsten einfach so weiter leben lassen wie zuvor.

Ist die Situation in Burkina Faso ­typisch für die Region?

Ich denke, sie ist durchaus ein bisschen repräsentativ. Als die Krankheit Anfang März zum ersten Mal in den meisten Ländern der Sahelzone auftauchte, fürchteten sich viele Menschen sehr und akzeptierten daher auch die Maßnahmen der Regierung. Die Menschen blieben zu Hause und waren bereit, Masken zu tragen. Aber mit der Zeit änderte sich die Stimmung. Es hieß, die Gefahr sei nicht real. In Ghana begann man, die Maßnahmen zu lockern, innerhalb einer Woche stieg die Infektionsrate an. Also ging man wieder zum lockdown über.

Gibt es Stimmen in Afrika, die Europa und die USA, die ja inzwischen die eigentlichen Hotspots der Pandemie sind, für diese Situation ver­antwortlich machen?

Als die Pandemie in Westafrika eintraf, reagierten die Regierungen sehr schnell, auch wenn sie natürlich nicht darauf vorbereitet waren. Im Wesentlichen implementierten sie ein copy and paste der restriktiven Maßnahmen, die in Europa verhängt wurden, also lockdowns, Quarantäne, Ausgangssperren. Aber die gesellschaftlichen Umstände sind natürlich nicht vergleichbar. Hierzulande in der Öffentlichkeit Distanz zu halten, ist oft praktisch unmöglich. ­Inzwischen haben sich zivilgesellschaftliche Organisationen zu Wort gemeldet, die sagen, man könne nicht jede Maßnahme aus Europa übernehmen, ohne sie an die spezifischen Bedingungen bei uns anzupassen. Das ist auch richtig, nur gibt es dafür bislang keine funktionierende Praxis.

Man sieht also keine besondere Verantwortung der Europäer für diese Situation, weil sie selbst nicht früher oder konsequenter gegen die Verbreitung der Pandemie vorgegangen sind?

Die meisten der ersten Fälle in Westafrika waren Importe aus Europa, sie kamen aus Frankreich, Italien und Spanien. Wären die Infizierten dort in Quarantäne gewesen, hätten sie vielleicht die Krankheit auch nicht nach Afrika gebracht.

Ist die Pandemie eine Chance für ein Umdenken in der Gesundheitspolitik afrikanischer Länder? Es gibt ja einen Aufruf von Intellektuellen aus dem frankophonen Afrika, darunter Felwine Sarr und Achille Mbembe, der in diese Richtung geht.

Den Aufruf kenne ich nicht, aber das Thema ist extrem relevant. Die Pandemie zeigt, dass es hier faktisch kaum ein funktionierendes Gesundheitssystem gibt. Die Regierungen sollten tatsächlich mehr in diesen Bereich investieren. Die Probleme sind strukturell. In vielen Teilen Westafrikas kommt auf etwa 10 000 Menschen nur ein Arzt.
 

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