Katholische Reaktionäre suchen das Bündnis mit säkularen Rechtsextremen

Fremde Mächte

Was kümmert mich der Dax Von

In vorwissenschaftlichen Zeiten konnten sich die meisten Menschen Seuchen nicht anders erklären denn als Strafen Gottes. Doch es gab eine vage Vorstellung davon, dass auch so etwas wie Ansteckung eine Rolle spielt, und man war nicht geneigt, es darauf ankommen zu lassen. So enthält das 13. Kapitel des 3. Buch Mose ausführliche Quarantäneanweisungen, erstaunlich zeitgemäß klingt die Anordnung in Jesaja 26:20: »Geh hin, mein Volk, in deine Kammer und schließ die Tür hinter dir zu!«

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Dem Alten Testament kann man also nicht die Schuld geben, wenn nun ein »Aufruf für die Kirche und für die Welt an alle Katholiken und alle Menschen guten Willens« kursiert, der die Aufhebung der Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie fordert. Bislang haben sich die christlichen Geistlichen wie auch die anderer Religionen von wenigen Ausnahmen abgesehen recht vernünftig verhalten. Nun aber warnen hohe katholische Geistliche, unter ihnen der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller, vor dem »Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht«. Die Maßnahmen gegen die Pandemie seien ergriffen worden, um »eine Einmischung von fremden Mächten zu begünstigen«; nicht fehlen darf da der Hinweis auf »zweifelhafte Geschäftsinteressen«. Das Pamphlet endet mit düsterem Pathos: »Möge die allerseligste Jungfrau, Hilfe der Christen, den Kopf der alten Schlange zertreten und die Pläne der Söhne der Finsternis zunichtemachen.« Darauf wäre Anselm Lenz nicht gekommen, in Sachen Theatralik sind Katholiken kaum zu schlagen.

Von den knapp 4 800 katholischen Bischöfen haben nur etwa ein Dutzend den Aufruf unterschrieben, dennoch handelt es sich nicht um das kuriose Elaborat einiger Prälaten, die zu lange am Weihrauchfass geschnüffelt haben. Sich starrsinnig gegen das Verbot zu wenden, mit distanzloser Hostienabgabe Viren zu verbreiten, könnte man als reaktionäres Hinterwäldlertum abtun. Doch hier geht es um weit mehr. Der Aufruf, dessen Initiator, Erzbischof Carlo Maria Viganò, ein prominenter Gegner von Papst Franziskus ist, appelliert – sehr ungewöhnlich für dieses Milieu – explizit auch an Nichtkatholiken (»Menschen guten Willens«), gemeinsam gegen die »Söhne der Finsternis« zu kämpfen. Es ist nicht zwingend, unter diesen die Juden zu verstehen, doch einige Stellen im Neuen Testament (»Ihr habt den Teufel zum Vater«, Johannes 8:44) und christliche Traditionen schreiben ihnen diese Rolle zu. Die Verknüpfung mit den Verschwörungstheorien stärkt den Verdacht, dass der Antisemitismus als ideologisches Bindeglied dienen und ein Bündnis zwischen säkularem und katholischem Rechtsextremismus stiften soll.