Die Behörden gehen gegen die rechtsextreme Hooligan-Gruppe »Jungsturm« vor

Jungsturm sieht alt aus

Bei Razzien in Thüringen und Sachsen-Anhalt nahm die Polizei drei Männer fest. Grund waren die Aktivitäten der rechtsextremen Hooligan-Gruppe »Jungsturm«. Die Verdächtigen sollen an mehreren Gewalttaten ­beteiligt gewesen sein. Die Gruppe hat auch Verbindungen in andere Bundesländer wie Sachsen und Berlin.

Nachts griff die Polizei zu. Vom 27. auf den 28. April durchsuchten mehr als 100  Beamte in Halle, Erfurt, Sondershausen, Kirchheim sowie in der Region Saalfeld-Rudolstadt im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen die rechtsextreme Hooligan-Gruppe »Jungsturm« Häuser und Wohnungen in den Bundesländern Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die Behörden ermitteln gegen die Gruppe aus der Fanszene des insolventen Regionalligisten Rot-Weiß Erfurt wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Anzeige

Drei Männer wurden während der Razzia festgenommen. Sie sollen an mehreren Gewalttaten beteiligt gewesen sein. Der unabhängigen antifaschistischen Recherchegruppe Exif zufolge soll es sich dabei um Theo W., Marco K. und Steve W. handeln. »Seit bereits sechs Jahren agiert die Gruppe ›Jungsturm‹ als gewaltsuchender Schlägertrupp – nicht nur im konspirativ agierenden und sich unpolitisch ­gebenden Hooligan-Milieu«, heißt es bei der Gruppe.

Von Behörden lange weitgehend unbehelligt, etablierte sich die Gruppe in den vergangenen sechs Jahren in Thüringen und darüber hinaus. Dabei konnte sie Kontakte zu Kampfsportvereinen nutzen.

Die Neonazis hätten ihre Kenntnisse aus dem Kampfsport und Erfahrungen aus sogenannten Ackerkämpfen gezielt gegen Schwarze, Migranten und politisch andersdenkende Menschen eingesetzt, so Exif. Von Behörden lange weitgehend unbehelligt, etablierte sich die Gruppe in den vergangenen sechs Jahren in Thüringen und darüber hinaus. Dabei konnte sie den Exif-Recherchen zufolge Kontakte zu örtlichen Kampfsportvereinen nutzen und erhielt auch Hilfe von den beiden Kampfsportzentren, die als »La Familia Fightclub« in Halle beziehungsweise in Erfurt residieren.

Die Kontakte der rechtsextremen Hooligans reichen über Erfurt, Halle und Leipzig hinaus nach Dresden, Zwickau und Chemnitz. Wie gut das neo­nazistische Hooligan-Milieu in Ostdeutschland vernetzt ist, wurde spätestens beim Überfall auf den alternativen Leipziger Stadtteil Connewitz im Januar 2016 deutlich (Jungle World 3/2016). Die Tatverdächtigen stammten aus Berlin, Leipzig, Dresden, dem ­Erzgebirge, Gera und Erfurt. Unter den Angeklagten befanden sich auch drei Mitglieder des Jungsturms.

Die Befürchtung, das Auftreten rechtsextremer »Bürgerwehren« könnte Neonazis auf der Straße wieder präsenter machen, hat sich in Thüringen bisher jedoch nicht bestätigt (Jungle World 50/2019). Nach Angaben des thüringischen Innenministeriums hätten diese Zusammenschlüsse ihre Aktivitäten in das Internet verlagert. So sei es zwar im »Rahmen des Europa- und Kommunalwahlkampfes der NPD in Thüringen zu zwei ›Bürgerstreifen‹ durch die Innenstadt von Sondershausen« gekommen, jedoch seien darüber hinaus kaum Aktivitäten beobachtet worden. Die »Patriotischen Bürger für Arnstadt« hätten sogar ihre Präsenz in den sozialen Medien gelöscht.

Trotzdem fungieren die teilweise geschlossenen Gruppen in sozialen ­Medien als Bindeglieder zwischen sich als bürgerlich-konservativ einschätzenden Milieus und organisierten Neonazis; manche von ihnen haben Tausende Mitglieder. Wegen einer »mögliche Einflussnahme« von Neonazis auf die Ausrichtung und die internen Diskussionen solcher Gruppen will die Landesregierung »die Entwicklung weiterhin aufmerksam zu verfolgen«.

Die Tendenz, dass die Aktivität der extremen Rechten in Thüringen nachlässt, bestätigen auch die Zahlen der Beratungsstellen. So registrierte die »Mobile Beratung in Thüringen« (Mobit) im Jahr 2019 insgesamt 65 Rechts­rockevents in dem Bundesland – ein leichter Rückgang im Vergleich zum Vorjahr. Die Opferberatungsstelle Ezra verzeichnete im vergangenen Jahr ­einen klaren Rückgang auf 108 Fälle rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. 2018 hatte die Organisation noch 166 Fälle gemeldet.

Die meisten Angriffe registrierte Ezra in der Landeshauptstadt Erfurt, in Jena und im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt. Mit 16 Musikveranstaltungen hätte es die meisten Rechtsrock-Aktivitäten im Landkreis Hildburghausen gegeben. Während Neonazis Rückzugsräume im ländlichen Bereich als organisatorische Basis nutzten, komme es vor allem in den größeren Städten, in denen es zumindest in Ansätzen eine alternative Sub- und Jugendkultur gibt, vermehrt zu Angriffen von Neonazis, so Ezra.

Mobit stellte außerdem fest, dass »eine Abkehr von der allzu öffentlichen Bewerbung von Konzerten und Liederabenden« stattfinde. Deshalb könne die Dunkelziffer an nicht registrierten Rechtsrockkonzerten im vergangenen Jahr gestiegen sein. Das Monitoring solcher Veranstaltungen sei unter anderem erschwert worden, weil sich ihre Bewerbung immer mehr weg von Facebook in andere Kommunikationsdienste wie Telegram verlagere.