Über den Umgang der anthroposophischen Medizin mit der Coronakrise

Jenseits der Mistel

In der Pandemie versuchen einige Anthroposophen, sich bei Impfgegnern und Corona­leugnern beliebt zu machen. Sie propagieren dabei ihre ganz eigene Form von Alternativmedizin.

Die Kritik an Obskurem und Okkultem steht prinzipiell vor dem Problem, dass sie vor allem ein Publikum anspricht, das die kritische Haltung ohnehin teilt. Auch wenn die Unsinnigkeit der Ideologeme offensichtlich erscheint, dringt Aufklärung selten zu denen durch, auf die sie abzielt. Weil Kritik an Esoterik ihren eigentlichen Zweck verfehlt, wenn sie nur das eigene, für Esoterik nicht anfällige Milieu erreicht, trägt sie ihrerseits zu wechselnden ideologischen Konjunkturen bei – etwa dem Bedürfnis, mit dem Finger auf die Schmuddel-Esos zu zeigen, die zu ­irren Coronademonstrationen gehen. Das Vorführen von Impfgegnern, »Superspreadern« und anderen krausen Gestalten mag zwar von wissenschaftlichen Argumenten gedeckt sein, ist aber trotzdem von einem autoritären kollektiven Moralismus getragen.

Die anthroposophischen Mediziner haben zur Zeit viel dringlichere Probleme als die Weltverschwörung. Anthroposophische Krankenhäuser sind keineswegs nur für Eurythmie oder Maltherapie zuständig, sie sind vielmehr technisch gut ausgestattet und in die regionale Notfallversorgung integriert.

Tatsächlich waren die Ideen, die auf den Hygienedemonstrationen verbreitet werden, schon lange im Umlauf. Die infantile Angst vor Impfungen führt beispielsweise dazu, dass sich auch manche Anthropo­sophen zurzeit auf Demonstrationen blicken lassen. Die stets geschäftigen Anhänger des Esoterikers Rudolf Steiner (1861–1925) hatten dieses Jahr eigentlich anderes vor: 2020 steht das hundertjährige Jubiläum der »anthroposophisch erweiterten« Medizin auf dem Plan. Steiner hatte seine »Heilkunst« zusammen mit der großen Liebe seiner letzten Lebensjahre ersonnen, der Ärztin Ita Wegman. »Hundert Jahre Zukunft« lautet das Motto der Feierlichkeiten, aber ein großer Kongress im März musste wegen der Pandemie ausfallen.

Anzeige

Es sind erschreckend viele Anthroposophen, die derzeit in sozialen Medien, Szenezeitschriften oder auf einschlägigen Demonstrationen fragwürdige Thesen zu Covid-19 äußern. Verquastes Verschwörungsdenken prägt die Szene seit dem Ersten Weltkrieg. Deutsche Anthropo­sophen konzentrieren sich derzeit auf Bill Gates und die ihnen sowieso verhassten Impfungen. Im englischsprachigen und internationalen Raum scheinen Verschwörungs­theorien über den Mobilfunkstandard 5G etwas beliebter zu sein. Schwedische Anthroposophen verhalten sich erwartungsgemäß viel ­ruhiger und orientieren sich auch traditionell mehr an den Experten und Beratern der Regierung, wie die Religionswissenschaftlerin und ­Anthroposophieforscherin Karen Swartz berichtet.

Die anthroposophischen Mediziner haben zur Zeit viel dringlichere Pro­bleme als die Weltverschwörung. Anthroposophische Krankenhäuser sind keineswegs nur für Eurythmie oder Maltherapie zuständig, sie sind vielmehr technisch gut ausgestattet und in die regionale Notfallversorgung integriert. Das anthroposophische Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin etwa behandelt derzeit Covid-19-Patienten in einer eigenen Ambulanz. Die Mediziner an der anthroposophischen Universität Witten-Herdecke sind nicht nur staatlich approbiert, sondern waren auch an internationalen Forschungen zu den Auswirkungen von Covid-19 auf die Blutgefäße von Erkrankten beteiligt.

Rudolf Steiner träumte davon, dass die Anthroposophie als Wissenschaft anerkannt würde. Anthroposophie sollte kein Glaube, sondern »wahre Erkenntnis der geistigen Welt« sein. Das hat zwar nicht geklappt, aber Steiners Anhängern gelang es, zahlreiche Institutionen und Unternehmen zu schaffen, die solchen ­Ideen verbunden sind. Neben dem ­bekannten Arznei- und Kosmetik­hersteller Weleda zählen dazu staatlich anerkannte anthroposophische Hochschulen und Kliniken. Steiners Beharren darauf, dass es sich bei der Anthroposophie um eine Wissenschaft handele, führte auch dazu, dass jeder anthroposophische Arzt zunächst Medizin studieren muss.

Harald Matthes, Professor für Integrative und Anthroposophische ­Medizin an der Charité und Leiter der Havelhöhe-Klinik, hat Patienten mit Covid-19 behandelt. Seine Beobachtungen dazu hat er unter anderem in einem Bericht in der Mai-Ausgabe des anthroposophischen Zentralblatts Das Goetheanum zusammengefasst. In seinem Beitrag taucht der für die anthroposophische Medizin zentrale Begriff »Salutogenese« auf. Bei diesem Konzept soll die Gesundung des Menschen im Mittelpunkt stehen, im Gegensatz zur kalten Apparatemedizin, die sich negativ, »patho­genetisch«, auf die Krankheit fixiere.

Diese beiden Begriffe wendet Matthes auf die Therapie von Covid-19-Erkrankungen an. »Pathogenetisch« sei es, allein auf eine Impfung zu hoffen, »salutogenetisch« sei es dagegen, wenn wenig gefährdete Gruppen ­inzwischen dazu beitrügen, Herden­immunität herzustellen. Sowohl ­pathogenetische als auch salutogenetische Faktoren müssten bedacht werden, um die Pandemie zu besiegen. Ausgewogen sein, die Mitte ­finden, Maß halten – solch »integrative« Rhetorik macht anthroposophische Medizin attraktiv.

Steiners »Heilkunst« wird oftmals mit der älteren Homöopathie verwechselt. Von dieser hat sie zum Beispiel das unendliche Verdünnen von Substanzen übernommen, aber es kommt nicht bei allen Mitteln zum Einsatz. Mit der Homöopathie verbindet die Steiner’sche Medizin überdies der rechtliche Status: Anthroposophische Medikamente sind in Deutschland dank erfolgreicher Lobby­arbeit von einer externen Nachweispflicht befreit. Ihre Zulassung hängt nur vom anthroposophischen Binnenkonsens ab. Seit Beginn der Coronakrise diskutieren anthroposophische Ärzte auch über den Einsatz eigener Therapien gegen Covid-19, wie die Gabe von Meteoreisenglobuli oder das Ausüben bestimmter Eurythmieübungen. Nur geistlose Materialisten müssen neue Arzneien entwickeln, die anthroposophische »Heilkunst« hat die Lösung immer schon parat.

Vor allem zwei Elemente der anthroposophischen Medizin haben eine gewisse Bekanntheit erreicht: die Impfabneigung und die »Mistel­therapie« gegen Krebs. Steiner meinte, in der parasitären Pflanze seien Kräfte aus vergangenen Zuständen des Erdplaneten wirksam, die das Wachstum des Tumors bremsen könnten. Viel einflussreicher als die Mistel ist inzwischen die fatale Ansicht, vermeintliche »Kinderkrankheiten« wie Masern stellten »Entwicklungschancen« dar. Daraus resultiert eine Haltung, die Anthroposophen als »freie Impfentscheidung« zusammenfassen würden. Nicht erst in der ­Coronakrise wird diese Idee von vielen aufgegriffen. Dem Selbstverständnis nach sind sie nicht prinzipiell gegen das Impfen, sondern propagieren »Reifungsmöglichkeiten«, die das Durchstehen der Krankheit angeblich birgt.

Ein weiterer Faktor heißt Karma. Das anthroposophische Subjekt hat viele Erdenleben vor und hinter sich. Krankheiten können demnach auch Schicksalsstationen sein. Anthroposophen glauben nicht nur, dass Ver­gehen aus früheren Leben das jetzige determinieren, auch Vorleistungen für die Zukunft sind möglich. Das erläutert etwa die Grande Dame der anthroposophischen Medizin, Michaela Glöckler. In einem Beitrag zu dem Buch »Sexualkunde in der Waldorfpädagogik«, der bislang einzigen nennenswerten Publikation zum Thema, schrieb sie 2006, das HI-­Virus sei ein karmischer Katalysator für Selbstlosigkeit: »Die Hunderttausenden, ja Millionen, die in Afrika von der AIDS-Epidemie hingerafft werden, bereiten sich vor, der Menschheit von morgen, die am Egoismus zu zerbrechen droht, die notwendige Hilfe und Inspiration für lebensfreundlichere Kulturgewohnheiten zu bringen.«

Auf ihrer Website »Anthroposophie lebensnah« erläutert Glöckler unter anderem die spirituellen Hintergründe der Krebskrankheit, die ebenfalls als Opfer für die ganze Menschheit durchlebt werden kann. Zur ­Prävention dient Steiners Ideal des »leibfreien Denkens«. Ironischerweise starb er selbst vermutlich an Prostatakrebs.

Anthroposophische Diagnostik ist eine Art heißgelaufene Psycho­somatik. Gegen das Karma kann nicht geheilt werden, aber es lässt sich ­auflösen, wenn die inneren, seelischen Probleme bewältigt werden, die zur Krankheit führen. So wird am Ende den Kranken obendrein noch ein schlechtes Gewissen gemacht.

Auch bei den Spekulationen über die Ursprünge des neuen Corona­virus bedient man sich dieser Vorstellung. Eine Seuche, die einem Fleischmarkt entspringt, zeigt auf so emblematische Weise das gestörte Verhältnis der Menschen zur Natur, dass viele Anthroposophen hier das Gesetz des Karma vermuten. Steiner kannte noch keine Viren. Ihm zu­folge siedeln sich »Bazillen« als sekundäre Folge eines ängstlichen oder auf andere Weise geplagten Bewusstseins an. Entsprechend behaupteten einige Anthroposophen auch jüngst, an Covid-19 erkranke nur, wer ­davor Angst habe. Andere betonten, der Tod – immerhin der Übergang in die »geistige Welt« – sei nichts Schlechtes. Die materialistisch geblendete Menschheit habe das Sterben verlernt.

So fatal solche Deutungen sind, bei einigen anthroposophischen Ärzten geht es doch ganz normal zu. Die Integration in das Gesundheitssystem bedingt es, dass sich die anthroposophischen Kliniken manchmal kaum mehr von anderen Einrichtungen unterscheiden. Der Medizinhistoriker Philipp Karschuck hat das am Beispiel der Sterbebegleitung in einem anthroposophischen Krankenhaus untersucht. Karschucks 2019 erschienenes Buch »Die Transformation der anthroposophischen Medizin am Beispiel der Palliative Care« legt nahe, dass hier eine partielle Säkularisierung vorliegt. Die ­zuständigen Ärzte dächten kaum an Reinkarnation, spirituelle Aspekte der Palliativmedizin würden Pflegern oder bei Bedarf der zur Anthropo­sophie neigenden Kirche »Christengemeinschaft« überlassen. Ohnehin haben die anthroposophischen Mediziner schon länger Nachwuchsprobleme. Hundert Jahre nach der Grundlegung scheint Steiners Ideologie allmählich in den zwischenzeitlich geschaffenen Institutionen zu versickern. Das ist der Preis der Popularität. Die Versuche einiger Anthroposophen, ihre Ideen in der Verschwörungsszene zu vermarkten, werden diese Entwicklung nicht aufhalten können.