Ein Gespräch mit Marcelina Bautista von der Gewerkschaft der Hausangestellten (Sinactraho)

»Hausangestellte gehören zu den Verlierern der Pandemie«

In der Coronakrise sitzen viele Hausangestellte in Mexiko in den Häusern ihrer Arbeitgeber fest. Andere wurden nach Hause geschickt und erhalten keinen Lohn mehr. Eine Kampagne soll auf ihre prekäre Situation aufmerksam machen.

Marcelina Bautista wurde 1966 im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca geboren. Mit 14 Jahren begann sie, als Hausangestellte zu arbeiten. 2000 gründete sie das Zentrum zur Unterstützung und Weiterbildung von Hausangestellten CACEH (Centro de Apoyo y Capacitación para Empleadas del Hogar) in Mexiko-Stadt. 2016 wurde in Mexiko die 2015 gegründete Gewerkschaft der Hausangestellten Sinactraho (Sindicato Nacional de Trabajadores y Trabajadoras del Hogar) anerkannt – auch ein Erfolg von Bautista.

 

In Mexiko leben rund 2,3 Millionen Frauen und Männer als Hausangestellte. Welche Auswirkungen hat die Coronakrise auf ihre Arbeitsbedingungen?

Sie wirkt sich verheerend aus, denn sehr viele Hausangestellte wurden nach Hause geschickt, ohne weiter bezahlt zu werden. Sie sitzen ohne Einkommen zu Hause auf dem Trockenen. Andere erhalten, so die Arbeitgeber, wegen der Coronakrise weniger Lohn, müssen aber im Haus ihrer Arbeitgeber leben, dürfen nicht vor die Tür und müssen deutlich mehr arbeiten, weil die ganze Familie zu Hause ist. Die Hausangestellten gehören zu den Verlierern der Pandemie.

Warum können die Arbeitgeber machen, was sie wollen? Haben Hausangestellte in Mexiko keine Rechte?

»Die Arbeitgeber lassen die Hausangestellten oftmals nicht aus dem Haus, selbst wenn sie nur zum Arzt wollen, weil es ihnen nicht gutgeht.«

Doch, aber die entsprechenden Gesetze sind erst seit Mai 2019 in Kraft. Viele Arbeitgeber wissen davon nichts oder setzen sich bewusst darüber hinweg und ignorieren die Rechte ihrer Angestellten. Bisher gibt es keine öffentlichkeitswirksame Politik, die die Rechte der Hausangestellten schützt. Deshalb sind die Arbeitgeber es gewohnt, sich über die Rechte der Hausangestellten hinwegsetzen zu können.

Hat das keine Folgen?

Bisher nicht, denn zum einen dauert es, bis ein Gesetz in der Praxis implementiert ist, bis Strafen gegen Verstöße fixiert sind und die Arbeitgeber begreifen, dass ihre Hausangestellten Rechte haben.

Wie haben sich die Arbeitgeber denn in der Regel zu Beginn der Pandemie verhalten?

Anfangs habe viele Menschen in Mexiko gedacht, dass die Pandemie nicht mehr als ein oder zwei Wochen dauern würde. Das hat dazu geführt, dass viele Arbeitgeber ihre Angestellten nach Hause schickten. Als sich herausstellte, dass die Pandemie länger anhalten wird, reagierten viele nicht auf die Anrufe ihrer Angestellten – sie ließen sie im Stich.

Aber es gibt auch viele Fälle, in denen die Hausangestellten vor die Entscheidung gestellt wurden, zu bleiben oder zu gehen, richtig?

Ja, zu bleiben heißt de facto, mit der Familie zu leben, um die sie sich kümmern. Sie müssen 24 Stunden am Tag – oft ohne das Recht, das Haus zu verlassen, um sich nicht zu infizieren – zur Verfügung stehen oder gehen. In der Realität heißt das mehr Arbeit bei gleichem oder teilweise auch weniger Lohn und de facto ein kaserniertes Leben. Das ist inhuman. Diejenigen, die sich darauf nicht einließen, weil sie zum Beispiel Kinder zu Hause haben, wurden und werden oft nicht weiter bezahlt und haben meist auch keine Abfindung erhalten, obwohl sie darauf ein Recht haben.

Sie versuchen mit der Kampagne »Kümmere dich um die, die sich um dich kümmern« auf die prekäre ­Situation von Hausangestellten aufmerksam zu machen. Dabei unterstützt Sie Alfonso Cuarón, der preisgekrönte Regisseur von »Roma« (2018), einem Film über das Leben einer Hausangestellten in einer mexikanischen Mittelschichtfamilie. Hat die Kampagne einen Effekt?

Alfonso Cuarón hat an Mexikos Mittel- und Oberschicht appelliert, die Löhne der Hausangestellten in der Coronakrise weiterzuzahlen. Das hilft uns, aber natürlich erreichen wir nur einen Teil der Arbeitgeber. Einige haben selber finanzielle Probleme und geben diese nach unten weiter. Das ist das Grundproblem. Hinzu kommt, dass die Arbeit der häufig den indigenen Völkern angehörenden Hausangestellten oft nicht wertgeschätzt wird. Diskriminierung, auch Gewalt, sind Probleme, mit denen wir immer wieder zu tun haben. Ein Mann wie Alfonso Cuarón bringt uns Öffentlichkeit und unterstützt auch eine zweite Spendenkampagne für in Not befindliche Hausangestellte. Drei Monate ohne Einnahmen bedeuten Not.

Was verdient eine Hausangestellte im Durchschnitt in Mexiko?

Oftmals den Mindestlohn von umgerechnet 123 US-Dollar im Monat. Das ist zu wenig, denn die Arbeit einer Hausangestellten, die oftmals qualifiziert ist, muss anders eingestuft werden. Dafür engagieren wir uns über die Gewerkschaft, aber auch die Weiterbildungskurse, die wir am CACEH (Zentrum zur Unterstützung und Weiterbildung von Hausangestellten) organisieren. Derzeit koordiniere ich die Arbeit am CACEH. Das Angebot reicht vom Kochkurs bis zur Buchführung, aber natürlich vermitteln wir den Frauen und Männern auch, welche Rechte sie haben.

2015 haben Sie die Gewerkschaft der Hausangestellten (Sinactraho) mitgegründet, 2016 wurde sie offiziell anerkannt. Ist die Gewerkschaft ­gewachsen, hat sie an Einfluss gewonnen?

Ich habe in den ersten drei Jahren den Vorsitz der Gewerkschaft übernommen. Die Gewerkschaft engagiert sich, versucht an Stärke zu gewinnen, aber die Gewerkschaften in Mexiko haben ein negatives Image. Daher fällt es uns schwer, Mitglieder zu gewinnen. Von den Frauen und Männern, die zu uns kommen, hören wir immer wieder, dass die Arbeitgeber es nicht wollen, dass sie sich organisieren, aber viele tun sich auch schwer, ihre Beiträge zu zahlen.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) hat 2011 die Konvention 189 zum Schutz der Rechte der Hausangestellten (Convention on Domestic Workers) erlassen. Ist diese von Mexiko ratifiziert worden?

Wir arbeiten eng mit der ILO zusammen, haben für die Annahme der Konvention in Mexiko gekämpft, die von der Regierung unter Andrés Manuel López Obrador schließlich im Juni 2019 unterzeichnet wurde. Das ist ein Etappenerfolg, nun geht es darum, die Konvention in nationales Recht zu überführen. Das ist im Zeichen der Pandemie alles andere als einfach.

Wie agiert die ILO in der Pandemie?

Es gibt Appelle, Erklärungen und auch Analysen der ILO über die derzeitige Situation der Hausangestellten, aber die ILO hat keine Sanktionsmittel. Sie ist auf die Kooperation der Regierungen angewiesen. Die derzeitige mexikanische Regierung arbeitet mit der ILO zusammen – es gibt Fortschritte. Aber alles geht sehr langsam vonstatten.

Sie arbeiten auch auf lateinamerikanischer Ebene für die Rechte der Hausangestellten. Ist die Situation in Mexiko vergleichbar mit der in anderen Ländern wie Peru, Kolumbien oder Chile?

Grundsätzlich ja, niedrige Löhne und Entlassungen sind die beiden Grundprobleme, unter denen rund elf Millionen Hausangestellte in Lateinamerika derzeit zu leiden haben. Nur wenige Regierungen wie die peruanische haben die Hausangestellten explizit in die Liste derjenigen aufgenommen, die Nothilfe von Seiten der Regierung erhalten. Das ist wichtig, denn Hausangestellte haben meist keine soziale Absicherung, arbeiten oft ohne Arbeitsverträge, und auch der Zugang zum Gesundheitssystem ist nicht immer gegeben.

Haben Hausangestellte in Mexiko eine Gesundheitsversorgung?

Das Gros nicht, einzelne ja. Unseren Informationen zufolge sind 22 000 von 2,3 Millionen Hausangestellten in Mexiko krankenversichert. Doch derzeit ist die Situation doppelt schwer, denn die Arbeitgeber lassen die Hausangestellten oftmals nicht aus dem Haus, selbst wenn sie nur zum Arzt wollen, weil es ihnen nicht gutgeht. Sie argumentieren, die oder der Hausangestellte könnte zum Infektionsrisiko für ihre Familien werden, und verbieten es oder erklären, dass sie oder er dann nicht mehr zurückzukommen bräuchte. Das ist selbst dann der Fall, wenn die Frauen oder Männer einen offiziellen Arbeitsvertrag haben – der Druck ist immens und die Entrechtung beispiellos. Es gibt Fälle, in denen Hausangestellte wie Sklaven gehalten werden – das ist im Mexiko des 21. Jahrhunderts Teil unserer beschämenden Realität.

Was müsste sich an den Verhältnissen aus der Perspektive einer ehemaligen Hausangestellten am dringendsten ändern?

Arbeitgeber und Regierung müssen endlich lernen, sich korrekt gegenüber den Hausangestellten zu verhalten. Sie müssen ihre Arbeit wertschätzen, statt sie wie Arbeitssklaven zu halten. Parallel dazu müssen wir es schaffen, uns selbst zu organisieren und weiter zu qualifizieren. Dazu gehört auch eine eigene schlagkräftige Gewerkschaft, die unsere Interessen vertritt. Das ist eine immense Herausforderung.

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