Der beiläufige Gestus der Band Pabst

Krachige Jungs

Klingt wie aus den Neunzigern, ist aber von heute: Die Band Pabst spielt auch auf ihrem zweiten Album einen rauschenden Garage-Rock.

Gut ist die immer noch andauernde Corona­krise wohl für keine Band, es lässt sich aber zwischen Pech und großem Pech unterscheiden. Die Berliner Band Pabst hat es besonders hart getroffen. Gerade als die Promotion für ihr zweites Album »Deuce Ex Machina« anlaufen sollte, wurden Läden geschlossen und Veranstaltungen komplett abgesagt. Dabei sollte es 2020 für die drei jungen Männer richtig losgehen. Die gebuchten Auftritte auf internationalen Festivals fallen nun erst mal flach.

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Aber Künstler sind in der Krise ja bekanntlich einfallsreich, weichen auf mehr oder weniger kreative Darstellungsformen aus. So auch Pabst, die im Juni ein Musikvideo zu ihrem Song »My Apocalypse« veröffentlichten und dieses zusammen mit Fans live im Stream schauen wollten, um wenigstens ein kleines bisschen Stimmung zu bekommen. Diesem Vorhaben kam eine weltweite Rassismusdebatte von solcher Intensität in die Quere, dass jeder Gedanke an Popmusik auf einmal nahezu ungebührlich erschien. Gestreamt wurde dann doch, nicht trotz, sondern ­wegen der alltäglichen Schrecknisse: »Das Problem, das uns dieser Tage so schmerzlich bewusst wird, ist alles andere als akut«, schrieb die Band in einem langen Statement auf Facebook und erklärte, eine Termin­verschiebung komme ihnen opportunistisch vor.

Auf ihrem neuen Album drehen Pabst den Fuzz abermals ein bisschen weiter als notwendig auf. Mit dem Big Muff, jenem legendären Gitarrenverzerrer aus den siebziger Jahren, scheint die Band ein auf Dauer angelegtes Verhältnis eingegangen zu sein.

Schwere Zeiten für diese Sorte unbeschwerten Garage-Rock, der auf dem neuen Album ein Stückchen weniger unbeschwert klingt als auf dem Vorgänger »Chlorine« von 2018, auch wenn Pabst dort schon subtil politisch und beschwingt gegen Polizei und Bürgertum ansangen. Und überhaupt lässt sich bei den Herren, deren Sound der eine oder andere nicht ganz zu Unrecht als »jungsig« bezeichnen würde, eine Tendenz zu mehr Ernsthaftigkeit ausmachen. Angefangen haben zwei der drei Pabst-Mitglieder einst als Band mit dem nicht ganz geschmackssicheren, aber sonor tönenden Namen Fickscheisse (später, nicht minder einfallsreich, nannten sie sich in Beta um) und wollten, so sagte es ihr Sänger Erik Heise einmal einem Online-Musikmagazin, »Depeche Mode auf Deutsch« sein. Aufgeweckte Pop­kritiker munkelten schon damals, das Projekt könne womöglich nicht ganz ernst gemeint sein, sei eher eine Karikatur eines damals virulenten Genres namens »Indietronic«. Ob ernst oder nicht, der Name Fickscheisse stand im Jahr 2009 auf ­einem Plakat für das Festival MS Dockville, und allein dafür wird es sich gelohnt haben. Indietronic hingegen ist mittlerweile zum Glück recht jämmerlich verendet.

Wiederbelebt hingegen ist der Garage-Rock. Allen Abgesängen auf Gitarrenmusik zum Trotz haben seit ein paar Jahren haben Bands mit bewusst krachigem Sound wieder Konjunktur, gut zu erkennen am sich ständig erweiternden Repertoire von US-amerikanischen Labels wie Burger Records, die unter anderem am Aufstieg von Bands wie Fidlar oder den Thee Oh Sees beteiligt waren und sind. Pabst zeigen nicht nur mit ihrer pastelligen Bubblegum-Ästhetik und dem selbstgegründeten Label Ketchup Tracks, sondern auch mit dem Bandnamen, dass sie dem US-Gitarrenrock durchaus zugeneigt sind. Pabst Blue Ribbon heißt in den USA ein Bier der billigsten Sorte, das alles andere als eine Gaumenfreude bietet, aber dennoch aufgrund der Assoziation der Marke mit der US-amerikanischen Arbeiterkultur kurzzeitig wieder trendy war. Hierzulande kennt man ein ähnliches Phänomen bei ­einem Bier mit einem Stern auf dem Flaschenverschluss.

Was allzu leicht genießbar ist, erscheint verdächtig. Daher scheren sich auch Pabst nicht um Schnörkel. Mit »Depeche Mode auf Deutsch« wurde es auch diesmal nichts, aber zumindest hat die Band 2018 einen scheppernden Song präsentiert, der so heißt wie ein Depeche-Mode-Titel, nämlich »Shake the Disease«. Den haben sie erst kürzlich neu eingespielt und textlich an die Situation in der Covid-19-Pandemie angepasst. Auf ihrem neuen Album drehen die drei den Fuzz abermals ein bisschen weiter als notwendig auf und riskieren, dass der Sound fast im Rauschen absäuft, deutlich zu hören etwa im Track »Skyline«. Mit dem Big Muff, jenem legendären Gitarrenverzerrer aus den siebziger Jahren, scheint die Band ein auf Dauer angelegtes Verhältnis eingegangen zu sein.

Ob das nun klingt wie diese oder jene mausetote Band aus den Neunzigern, darüber haben sich Musikmagazine bereits zu Tode geschrieben. Es ist jedoch völlig irrelevant, denn was Pabst musikalisch machen, funktioniert – ganz ohne Nostalgie. Und wäre nicht halb Kreuzberg-Friedrichshain mit Plakaten der Band zugepflastert, würde man kaum vermuten, dass es sich hierbei tatsächlich um eine deutsche Band handelt. Viel zu unsteif, viel zu unbeeindruckt klingt sie, und viel zu amerikanisch quetscht Sänger Erik Heise so manches Wort (»Muneh!«) heraus. Das hat schon manchen ganz Großen beeindruckt. Vergangenes Jahr gingen Pabst gar mit Bob Mould auf Tour, dessen Band Hüsker Dü einen bisweilen unterschätzten, immensen Einfluss auf die Rockmusik der neunziger Jahre und auch der Folgejahrzehnte hatte.

Lyrisch eint die Songs ein wohl­tuendes Bekenntnis zum Verlierertum (»Useless Scum«, »Legal Tender«). Damit heben sie sich ganz angenehm von jenen Zeitgenossen ab, bei denen anscheinend zum Rocksound auch das Rockimage, sprich Idiotie, gehören muss. Das bleibt bemerkenswert, schließlich fragt sogar der Pressebegleittext zum neuen Album schon im ersten Satz: »Rockmusik im Jahr 2020 – wie muss das eigentlich klingen, um nicht vollkommen egal zu sein?« Eine gewisse Skepsis gegen das Genre scheint bis in die PR-Abteilungen durchgesickert zu sein. Aber so missversteht man die Band völlig. Ihre Pose ist ein Feature, kein Fehler. Die Songs huldigen der in der Popmusik verloren gehenden Kulturtechnik, gar keine Pose einnehmen zu müssen – also weder zu brennen noch ausgebrannt zu sein, sondern sich schlicht »okay« fühlen (»Ibuprofen«).

Dieses Lob der Mittelmäßigkeit beherrschen Pabst auf eine Art und Weise, die ganz und gar nicht mittelmäßig wirkt. Wohl am besten hören kann man das bei der Quasiballade »My Apocalypse«. Es ist nie leicht, Schaurigkeit angemessen zu instrumentieren, ohne zu einer peinlichen Misfits-Kopie zu mutieren – hier ­gelingt es. Zwar wird der düstere Spuk im Refrain gleich wieder aufgelöst, behält aber durchaus seinen destruktiven Charakter: »Everyday I’m awake, I’m your greatest mistake.«

»My Apocalypse« ist der Schluss- und Höhepunkt eines Albums, dem das erste Halbjahr 2020 ein paar stattliche Steine in den Weg gelegt hat. Der Sound von Pabst ist bewusst ­unzeitgemäß und wird daher darauf angewiesen sein, dass seine Freunde zu ihm finden. Womöglich wird es noch eine Weile dauern, bis die verdienten Auftritte innerhalb und vor allem außerhalb der Hauptstadt wieder möglich sind. »This city is no place for losers like us«, heißt es bei Pabst über Berlin. Ganz recht, und deswegen sollten sie so bald wie möglich wieder aus der Stadt raus dürfen – nicht müssen, freilich.

Pabst: Deuce Ex Machina (Ketchup Tracks)