Bekanntgabe der Kanzlerkandidatur von Olaf Scholz

Cholz statt Chulz

Olaf Scholz ist der Kanzlerkandidat der SPD.
Die preisgekrönte Reportage Von

»Eine gute, eine gelungene, eine überraschende Wahl!« Die Luft ist zum Schneiden an diesem drückend heißen Montagnachmittag im Willy-Brandt-Haus; der Geruch von vollreifer Leberwurst, mählich verrottenden Akten, Gerhard Schröders Aftershave und still ermordeten Hoffnungen zieht durch die Empfangshalle. Saskia Esken steht auf einem kleinen Podest, neben einer mit einem alten Tischtuch verhüllten Gestalt. Sie murmelt eine uralte Zauberformel aus dem Traditionsbestand der Sozialdemokratie (»Ene mene Groko, erhalte uns den Status quo!«), dann enthüllt sie mit einem Ruck den neuen Kanzlerkandidaten der SPD. Laute der Überraschung bei den versammelten Presseleuten: Es ist Olaf Scholz! Zum 19. Mal ist der schnittige Hamburger zum Hoffnungsträger der tiefenerschöpften SPD bestimmt worden.

Ein Kinderchor singt das Lied »Hoch auf dem gelben Wagen«, ein geschminkter Clown formt aus Ballons das Wort »Menschenwürde« – dann tritt Scholz ans Mikrophon. Routiniert verliest er die schönsten Stellen aus dem Koalitionsvertrag von 2018, dann lässt er sich von Esken und Norbert Walter-Borjans ins Jacket helfen – er will sich heute noch mit verschiedenen Finanzdienstleistern treffen. Im anschließenden Get-together verteidigt Esken die Entscheidung für Scholz: »Viele alte Sozialdemokraten kommen mit Neuerungen nicht mehr so gut zurecht. Der Name Scholz ist vielen aber immer noch geläufig. Wir wollen keine Experimente auf dem Wahlzettel!« Auch Walter-Borjans gibt sich kämpferisch: »Olaf Scholz steht für Konstanz – die Zustimmungswerte für die SPD fallen seit Jahren nur mehr auf niedrigem Niveau. Diesen Erfolg wollen wir nicht mit riskanten Neubesetzungen gefährden.«

Wie niemand sonst steht Olaf Scholz für sozialdemokratische Kerntugenden: Phantasielosigkeit, Selbstaufgabe und den unbedingten Willen, sich für eine Karriere in der Wirtschaft in Stellung zu bringen. »Wir müssen dem Olaf ja auch ein bisschen dankbar sein«, sagt ein Parteifreund (CDU), der nicht namentlich genannt werden möchte. »Er könnte schon längst überall anders sehr viel besser verdienen.

Sogar Kevin Kühnert, künftiger Ex-Juso-Vorsitzender und scharfer Kritiker der »Groko«, freut sich für Scholz. »Wenn die Umfragewerte der SPD noch weiter sinken, kann von ­einer Großen Koalition auch keine Rede mehr sein.«
 

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Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.