Wieso Tina Fey einige Folgen ihrer Serie »30 Rock« aus den Programmen nehmen ließ

Scheinheiliger Gesinnungswandel

Tina Fey hat bewirkt, dass mehrere Episoden der von ihr konzipierten Comedy-Serie »30 Rock« nicht mehr ausgestrahlt werden, weil in ihnen Blackface zu sehen ist. Streaming-Dienste nehmen aus demselben Grund Folgen von Comedy-Serien aus ihrem Programm, ohne aber auf deren konkreten Inhalt zu achten. Auch intelligente Kommentare zum Rassismus in den USA werden zensiert.

»Ich sage euch, wer’s am schwersten hat«, sagt Jack Donaghy. »Weiße Männer! Wir treffen die unbeliebten schweren Entscheidungen. Wir landeten auf dem Mond und in der Normandie und doch werden wir ver­abscheut!« Donaghy ist überzeugter Republikaner, ein großer Verehrer Ronald Reagans sowie Funktionär des US-Fernsehsenders NBC. Und er sieht exakt so aus wie Alec Baldwin, denn der verkörpert die fiktive ­Figur Donaghy in »30 Rock«, Tina Feys ­Sitcom über eine mittelmäßige Comedy-Show, deren Erfinderin Liz Lemon (gespielt von Fey selbst) sich mit den Ansprüchen ihres neuen Chefs und den Fehltritten ihrer unfähigen Crew herumschlagen muss.

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Donaghys kleine Rede zieht eine spitze Pointe nach sich. »Sir, ich ­widerspreche Ihnen nur ungern«, erwidert Kenneth, der als Page eine Art von Praktikum beim Sender absolviert und somit am unteren Ende der internen Hierarchie rangiert, »aber ich bin auch ein weißer Mann.« »Nein, bist du nicht«, unterbricht ihn Donaghy sofort. »Sozioökonomisch betrachtet bist du eine Latina aus der Innenstadt.« Der Witz parodiert die Sicht eines einflussreichen Konservativen der Bush-Ära auf den jeweiligen ethnischen Hintergrund der US-Bevölkerung: Die Klassifizierung richtet sich nach ökonomischen Standpunkten; class ist nicht von race und gender zu trennen, selbst dann nicht, wenn die Realität dem nicht entspricht. Weiße Männer sind erfolgreich, Punkt.

Das Publikum wird der Möglichkeit beraubt, selbst kritisch zu denken und sich ein Bild zu machen. Der selbstgerechte Aktivismus von Medienkonzernen und einflussreichen Kulturschaffenden entmündigt letzten Endes das Individuum.

Um diese Szene sehen zu können, muss man künftig auf DVDs zurückgreifen. Auf Initiative von Tina Fey wurde die Folge zusammen mit drei weiteren im Juni von allen Streaming-Diensten entfernt und wird fortan nicht mehr ausgestrahlt. Der Grund: Eine der Figuren ist in Blackface zu sehen. Dieser Umstand verlangt – in mehrfacher Hinsicht – nach Kontext: Historisch ist die Praxis, schwarze Figuren von geschminkten weißen Schauspielern darstellen zu lassen, in den USA am stärksten mit den sogenannten Minstrel Shows verbunden. Bei diesen handelte es sich um Anfang des 19. Jahrhunderts entstandene rassistische Comedy-Shows, in denen zumeist weiße Komiker in dunklem Make-up Schwarze darstellten und das Stereotyp von deren Dummheit ausschlachteten. Auch als die Popularität der Minstrel Shows nach dem Ende des Bürgerkriegs zurückging, blieb Blackfacing eine weitverbreitete Praxis im Theater und später in Film und Fernsehen, wenn sie auch nicht unbedingt der Verhöhnung Schwarzer diente. Dennoch manifestierte sich auch dann, wenn Rassenhass dabei völlig fehlte, der Rassismus der Zeit: Schwarze waren ein so wenig akzeptierter Teil der Gesellschaft, dass sie nicht Schauspieler werden konnten und deshalb von Weißen dargestellt wurden.

Die Geschichte von Blackfacing ist also eindeutig rassistisch – doch sollte es deswegen zu einem absoluten Tabu werden? »Absolut« ist hier das Schlüsselwort. Nicht nur von »30 Rock« wurden Episoden aus dem Streaming-Angebot entfernt, weil darin Blackface zu sehen ist: Die Serien »Scrubs«, »It’s Always Sunny in Philadelphia«, »Community«, »Little Britain« und »W/Bob & David« sind – unter anderem – ebenfalls betroffen. Die Blackfacing-Witze dieser Serien unterscheiden sich jedoch immens: Manche bieten kritischen Metahumor, andere sind an sich harmlose Witzchen, die den historischen Hintergrund unter den Tisch kehren, die letzte Gruppe weist tatsächliche Parallelen zum historischen Blackfacing auf. Die ausnahmslose Tabuisierung des Blackfacing in jeder möglichen Form nivelliert jeglichen Unterschied zwischen ihnen.

Eine der häufigsten Forderungen in der Diskussion über den Umgang mit problematischen Inhalten in Serien oder Filmen ist, einen Disclaimer einzufügen, der auf ihren historischen Kontext aufmerksam macht. »30 Rock« tut im Prinzip genau das. Dem Blackface geht ein Streit zwischen den beiden Hauptdarstellern der fiktiven Comedy-Show, die Liz Lemon leitet, voraus. Sie sind ­uneins darüber, wer es in den USA schwerer habe: weiße Frauen wie ­Jenna oder schwarze Männer wie Tracy. Beide sind weltfremde Stars, in deren Welt sich alles nur um sie selbst dreht, also halten sie es für eine gute Idee, die Frage durch ein »sozi­ales Experiment« zu klären: Tracy verkleidet sich als weiße Frau und Jenna als schwarzer Mann. Dass das keine gute Idee ist, macht das Drehbuch von Anfang an klar, genauso wie die rassistische Konnotation von Jennas Make-up. »Dir ist bewusst, dass das unglaublich beleidigend ist?« sagt der afroamerikanische Drehbuchautor Toofer entsetzt, als er Jenna sieht, und erklärt ihr, »dass Blackface Stereotype neu belebt, gegen die Afroamerikaner jahrhundertelang ankämpfen mussten«.

An dieser Stelle setzt Jack Donaghy zu seiner Ansprache an, dass weiße Männer die wahren Opfer in der US-amerikanischen Gesellschaft seien. Liz Lemons Rolle in der Szene ist ebenfalls bemerkenswert. Sie ist Donaghys Gegenpart, eine linksliberale Demokratin, die ständig an ihren ­eigenen Ansprüchen scheitert. Sie ist vor allem damit beschäftigt, zu verhindern, dass Jennas Fehlverhalten publik und zu einem Skandal wird. »Es ist schlimm, wir haben’s kapiert«, unterbricht sie Toofers Proteste genervt, »jetzt hole doch endlich jemand Wischtücher!« Die Scheinheiligkeit des linksliberalen Amerika wird genauso der Lächerlichkeit preisgegeben wie der Zynismus der Konservativen. Inzwischen scheint Tina Fey ­jedoch selbst der Meinung zu sein, das Problem lasse sich lösen, indem man es einfach wegwischt wie die Farbe in Jennas Gesicht.
In anderen mittlerweile nicht mehr ausgestrahlten Folgen von »30 Rock« ist Jon Hamm in der Rolle von Liz’ Nachbar Drew bei einer Parodie einer rassistischen Comedy-Show aus den fünfziger Jahren in Blackface zu sehen oder ihm wird eine schwarze Hand transplantiert: Blackhand statt Blackface. Vergleicht man all diese Szenen mit denen aus »Little Britain«, zeigt sich die volle Absurdität der inhalt­lichen Gleichsetzung: Matt Lucas nämlich spielt dort einen klischeehaften schwarzen Pastor in Blackface, der Witz basiert also direkt auf einem rassistischen Stereotyp. Im moralistischen neoliberalen Sozialbewusstsein der Medienbranche ist das offenbar genau so zu bewerten wie die Satire von »30 Rock«. Kontext? Egal! Die bloße Darstellung von Blackfacing wird zur rassistischen Aussage erklärt, zum Beweis dafür, aus der Geschichte nichts gelernt zu haben.

Dieser Moralismus verdrängt zwangsläufig Ambivalenz. Politisch korrekt ist der Humor von »30 Rock« nicht, aber er ist intelligent und zeichnet ein sehr viel reflektierteres Bild der US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie, als es eine Sendung könnte, die darauf bedacht ist, bloß nie jemandem auf die Füße zu treten. Letzten Endes wird der Serie zum Verhängnis, dass sie dem Zuschauer keine auf schlichtes »gut gegen böse« reduzierte Botschaft vorkaut. An einem Drama, in dem rassistische Gewalt dargestellt wird, nimmt natürlich niemand Anstoß. Das könnte daran liegen, dass die Rollenverteilung in diesen Filmen klar ist: Die Bösen diskriminieren, die Guten kämpfen dagegen an. Eine Show wie »30 Rock« zeigt allerdings Figuren, die sich für weltoffen und ­modern halten, in Wahrheit aber ignorant sind. Hier wird das Problem nicht simplifiziert, sondern komplexer dargestellt. Über einen Witz zu lachen, in dessen Aufbau Blackface eine Rolle spielt, ist moralisch nicht bequem; doch ein kulturelles Produkt nach dem Komfort zu beurteilen, den es beim Konsum bietet, geht immer fehl und ist bei einer Satire ohnehin völlig unangebracht.

Bemerkenswert ist, dass im Fall von »30 Rock« kein Shitstorm vorangegangen war. Tina Fey kam dem zuvor: Im Zuge der »Black Lives Matter«-Proteste nach der Tötung George Floyds ergriff sie die Initiative und leistete somit zum bestmöglichen Zeitpunkt medienwirksam Abbitte. Noch 2015 hatte Fey nach Vorwürfen gegen ihre Serie »Unbreakable Kimmy Schmidt« gesagt, es gebe »eine Kultur, Entschuldigungen einzufordern, der ich mich verweigere«. 2020 klang sie dann anders: »Ich verstehe jetzt, dass ›Intention‹ kein Freifahrtschein für Weiße ist, solche Bilder zu benutzen.« Bill Lawrence, der Erfinder von »Scrubs«, folgte ihrem Beispiel und ließ drei Folgen der ­Serie aus dem Angebot des Netflix-Konkurrenten Hulu entfernen.
Doch sind es nicht nur die Serienmacher selbst, die Teile ihrer Produktionen aus dem Netz nehmen. So entfernte Netflix eigenmächtig eine Folge der Sitcom »Community«, in der der asiatisch-amerikanische Schauspieler Ken Jeong in schwarzem Make-up zu sehen ist. In der Episode spielt die in der Serie zentrale Clique das Fantasy-Rollenspiel »Dungeons and Dragons« und Jeongs Charakter Chang erscheint als Dunkelelfe verkleidet, betreibt also Cosplay (eine Praxis, bei der sich Fantasy-Fans als fiktive Figuren verkleiden). Der Gag spielt darauf an, dass das Verkörpern einer Figur in diesem Spiel Parallelen zur problematischen Darstellung anderer Ethnien aufweist. Die afroamerikanische Figur Shirley deutet auch prompt auf Chang und kommentiert spitz: »Also ignorieren wir dieses kleine Hassverbrechen einfach?«

Auch »Community« scheut sich nicht, die Scheinheiligkeit seiner Hauptfiguren aufzuzeigen. Die Partie »Dungeons and Dragons« wird vom Protagonisten Jeff initiiert, weil er seinen Kommilitonen Neil aufheitern möchte, der aufgrund seines Spitznamens »Fat Neil« an Depressionen leidet. Als Neil erfährt, dass es Jeff war, der diesen Namen erfunden hat, versucht der sich zu rechtfertigen: »Du standest neben dem anderen Neil!« Entsetzt fragt ihn Neil, ­warum er nicht dem anderen Neil ­einen Namen gegeben habe, und zählt andere äußere Merkmale auf, die ihn von seinem Namensvetter unterscheiden, darunter auch dessen schwarze Hautfarbe. »Durch diese Linse«, erwidert Jeff selbstgerecht, »betrachte ich die Welt aber nicht.«

Doch selbst im Fall tatsächlich problematischer Blackface-Witze bleibt es fraglich, wie sinnvoll es ist, sie einfach zu tilgen. Wie soll eine Diskussion über kontroverse Darstellungen stattfinden, wie soll man sie überhaupt kritisieren, wenn sie der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich sind? Und zu was führt es, wenn Kulturunternehmen die kontroversen, ambivalenten oder problematischen Inhalte in ihren eigenen Produktionen aus dem Verkehr ziehen? Das Publikum wird der Möglichkeit beraubt, selbst kritisch zu denken und sich ein Bild zu machen. Der selbstgerechte Aktivismus von Medienkonzernen und einflussreichen Kulturschaffenden entmündigt letzten Endes das Individuum.

Die Entscheidung von Netflix, die genannte Episode von »Community« zu entfernen, hat viel mit der Angst zu tun, im derzeitigen politischen Klima schlecht dazustehen, und wenig mit tatsächlicher Reflexion. Während der Cosplay-Gag die Löschung der Folge aus dem Angebot nach sich zog, bleibt eine Episode von »How I Met Your Mother«, deren unsensibler Umgang mit der Darstellung nichtweißer Personen einem geradezu ins Gesicht springt, weiterhin verfügbar. In einer Folge der letzten Staffel der Sitcom nämlich sind alle Hauptdarsteller mit Ausnahme Jason Segels in Yellowface zu sehen, weil sie in einer Geschichte, die Segels Charakter Marshall erzählt, den Typus des weisen alten Asiaten aus Kung-Fu-Filmen mimen. Doch Diskriminierung von Menschen asiatischer Herkunft ist nun einmal nicht das Thema der Stunde, also sieht Netflix offenbar keinen Handlungsbedarf. Die Verantwortlichen täuschen einen Gesinnungswandel vor, der lediglich dafür sorgen soll, ja keine negative publicity entstehen zu lassen – und weiterhin in wenigen Monaten mehr Geld verdienen zu können als eine ­Latina aus der Innenstadt in ihrem ganzen Leben.