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https://jungle.world/artikel/2000/40/expo-ist-grossartig-alles-andere-ist-quark
Trümmer einer Ausstellung III
Expo ist großartig, alles andere ist Quark!
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Wenn Sie mal wieder keine Lust auf Deutschland haben, weil aus der Nachbarkneipe das Horst-Wessel-Lied erschallt oder in der U-Bahn ein alter Mann doch noch die Kesselschlacht von Stalingrad gewinnt, dann fliehen Sie doch einfach. Auch der 3. Oktober und die Diskussion, wer denn nun der schlimmste Antideutsche war - Richard von Weizsäcker oder Oskar Lafontaine - reichen aus, um sich abzusetzen.
Nicht mal ins Ausland muss man derzeit ausweichen, um den deutschen Mief und Pief für ein paar Tage zu vergessen. Das Expo-Gelände in Hannover bietet sich mit seinen Länderpavillons aus aller Welt als ideales Refugium an. Nun denken Sie vermutlich sofort an Gen-Tech-Kritik, verräterische NGOs, Bevölkerungspolitik und die Manipulation der Herrschenden, kurz: an linke Bilder einer Ausstellung.
Ganz falsch ist das alles nicht. Aber auch nicht so wichtig. Und sicher nicht so interessant wie zum Beispiel der großartige Pavillon der Briten. Niemand sollte sterben, ohne die Antwort des Vereinigten Königreichs auf die Umweltkatastrophe gesehen zu haben. Wälder und Wiesen sterben, Flüsse und Meere werden vergiftet, Asbest is all around - nicht auf der Insel: Great Britain is clean. Und sollte in Liverpool oder Manchester doch noch jemand unzufrieden sein, kein Problem, dann singen wir eben darüber. Die Erfinder des Pop zeigen sich auf der Expo von ihrer besten Seite.
Okay, das versuchen alle. Kolumbien schenkt seinen besten Kaffee aus, die Schweden zeigen, wie wichtig die richtige Entspannung ist, Lettland kommt mit einem Mega-Reetdach daher, Rumänien betont, wie toll Brachflächen für die städtische Struktur sind. Ein super Gesundheitssystem und die feinsten Zigarren kann Kuba vorweisen, Sri Lanka hat einen geilen Plastik-Buddha, der Iran setzt voll auf weiches Wasser, Pakistan präsentiert einen Hippie-Bus.
Überall wird geprotzt und geprahlt, was das Zeug hält: »Every intellectual has two homelands: his own, and Syria« ist über einem großzügig eingerichteten syrischen Wohnzimmer zu lesen. Ob das wohl der Grund war, warum der Nazi-Kriegsverbrecher Alois Brunner seit Jahrzehnten in Syrien lebt? Der deutsche Pavillon, eine Baustelle mit Warteschlangen und schlechter Animation, wird als Werkstatt präsentiert, in der Dr. Motte, Steffi Graf und Albert Einstein die Hausmeister machen. Intelligenter ist ein anderes Land: »Isr@el - from Holy Land to Whole-E-Land« heißt das Motto, gezeigt wird allerlei Multimediales zu Tourismus und Technologie. Via Internetübertragung lässt sich aber auch ein Blick in die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem werfen.
So weit ist der Pavillon des Heiligen Stuhls noch lange nicht. Dröge Bilder von irgendwelchen Misereor-Nasen aus aller Welt hängen neben Sinnsprüchen von Johannes Paul II. zu den Themen Familie, Solidarität und Gerechtigkeit. Nicht mal Faltblätter gibt es hier für lau, und die zahlreichen Jugendlichen, die auf ihren City-Hoppern um die Ecke kommen, müssen das Gerät draußen stehen lassen. Bei Papsts wird nicht gerollert. Und im Keller des Christus-Pavillons nicht geredet. Wer glaubt, der schweigt. Christen auf Kisten. Nur im Innenhof trällern die obligatorischen CVJM-Jugendlichen Besinnliches zur Wandergitarre und trinken Fencheltee, als ob es gelte, noch das letzte Klischee erfüllen zu müssen.
Überhaupt die Christen: Heiliger Stuhl, Christus-Pavillon und der Pavillon der Hoffnung, in dem alles versöhnt wird, was sich nicht wehrt - das ist schon ein bisschen ungerecht gegenüber den Tadschiken, Kambodschanern und Guineern, die jeweils nur einen kleinen Fleck in einer großen Halle haben. Macht aber nichts. Im Zoo schaut man sich ja auch die schrulligsten Tierchen am liebsten an. Und nicht die ernsten, langweiligen wie Gnu oder Dachs.
Das Gnu der Expo ist das Europa-Haus. Hier präsentiert sich die EU mit einer Zeitreise zur europäischen Einigung so behäbig wie eine Verwaltungsverordnung. Und der Dachs wäre wohl der Planet M von Bertelsmann. Zum Glück verhindern lange Warteschlangen den Zutritt, sodass der nächste Pavillion von Irren für Irre rasch besichtigt werden kann, oder besser könnte: Der Isländische Pavillon steht komplett unter Wasser, wer keine Gummistiefel dabeihat, schüttelt den Kopf und schlappt weiter.
Die Expo ist toll: viele Verrückte, noch mehr Ausländer, wenig Nazis. Expo Yes. Denn Deutschland sieht anders aus.
