Rätseln um Racak

Nur Geduld

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Langsam zerbröselt jenes mühsam zusammengeflickte Stückwerk aus Lügen, Desinformation und PR-Gags, das der ehemalige OSZE-Chef im Kosovo, William Walker, seit Januar des vergangenen Jahres zusammengebastelt hatte.

Schon wenige Tage, nachdem in Racak die Leichen von 45 Menschen gefunden worden waren, setzte Walker seine PR-Maschinerie in Gang: Racak war ein Massaker an unschuldigen Zivilisten, verübt von mordenden serbischen Sicherheitskräften, die in dem kleinen Dorf im Kosovo nahe der Provinzhauptstadt Pristina ein Exempel statuieren wollten. Die Schüsse, so Walker, seien auch noch aufgesetzt gewesen. Eine klassische Massenhinrichtung eben. Zwei Monate und einen Autopsiebericht später war Racak der Nato unmittelbarer Anlass, um gegen Jugoslawien einen Krieg zu beginnen.

Doch schon damals tauchten Zweifel an der offiziellen Version der Erschießungen auf: Die Leichen wurden mehrmals umgedreht, wie die finnische Pathologin Helena Ranta bestätigte, belorussische Gerichtsmediziner mochten Walkers Version nicht teilen, zwei OSZE-Teams, die zum Zeitpunkt der Tat vor Ort waren, bemerkten ebensowenig von den Schüssen wie ein französischer Journalist, der am Tag des angeblichen Massakers abends gelangweilt das Dorf verließ.

Als vor zwei Wochen die Berliner Zeitung die Autopsieberichte von Ranta teilweise veröffentlichte, wurde noch einmal deutlich: Die Legende von dem Massaker von Racak lässt sich nicht mehr aufrechterhalten. Von aufgesetzten Schüssen, das sagt auch Helena Ranta ganz offen, sei nie die Rede gewesen, von Schüssen aus 100 Metern Entfernung, wie es die belorussischen Gerichtsmediziner festgestellt haben wollten, aber auch nicht.

Insgesamt existierten nur sechs Kopien von Rantas Autopsiebericht: Einer davon ging direkt an das Auswärtige Amt, einer an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, ein weiterer an das Gericht in Pristina und einer an das gerichtsmedizinische Institut in Pristina, zwei befinden sich bis heute im Besitz von Helena Ranta.

Das wirft Fragen nach der Strategie des Auswärtigen Amtes in Berlin auf. Auch Außenminister Joseph Fischer hatte den Krieg mehrmals mit Racak gerechtfertigt, nun scheint er sich an den US-Amerikanern und an William Walker abputzen zu wollen. Politisches Interesse an der Veröffentlichung des Berichtes nämlich hat ein Jahr nach Kriegsbeginn von allen Kopie-Besitzern allein das Auswärtige Amt. So kann es seine alte Behauptung stützen, von den US-Amerikanern getäuscht und so in den Krieg gezogen worden zu sein. Womit auch die Frage geklärt sein dürfte, wie die Presse an den Bericht oder der an sie gekommen ist.

Doch gelöst wird das Rätsel von Racak wohl erst, wenn Helena Ranta im Auftrag des Kriegsverbrechertribunals ihre ballistische und kriminaltechnische Untersuchung abgeschlosen haben wird. Im Mai soll es soweit sein. Um solche Untersuchungen anzustellen, war Ranta schon im November des Vorjahres im Kosovo (Jungle World, 48/99), und aus dem gleichen Grund war sie noch einmal Mitte März am Ort des Geschehens. Die Berliner Zeitung muss sich also nicht mehr fragen, was Ranta »dort noch sucht«.

Was bleibt, ist ein Stück mit William Walker in der Hauptrolle, der es verstanden hat, seine beim CIA erlernten Fähigkeiten der Desinformation im Fall Racak anzuwenden und Untersuchungen zu erschweren. Die Deutschen, denen ursprünglich ebenfalls eine wichtige Rolle zukam, haben sich ins Publikum zurückgezogen und beschweren sich über den Protagonisten. Nun ist es an Helena Ranta, das Rätselraten zu beenden. Aber bis dahin sollten wir uns noch gedulden.