Über »Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft« von Alan Posener

Der Freak des Herrn

Von Ivo Bozic

Nach diesem Buch ist Papst Benedikt ein Fall für den Verfassungsschutz, mindestens.

Man ist geneigt, Halleluja zu rufen angesichts des Erscheinens dieses Buches. Auch als Atheist oder religionskritischer Agnostiker, vermutlich gerade dann. Alan Posener hat die längst überfällige Abrechnung mit dem deutschen Papst Benedikt XVI. vorgelegt. Kritik am Papst? Nun gut, man erinnert sich noch an den Skandal um die antisemitische Piusbruderschaft, der Benedikt den Weg zurück in den Schoss der Kirche ebnete. Da gab es einige Kritik, sogar von Angela Merkel. Doch Posener zeichnet ein Bild Benedikts, in dem dies alles andere als eine Ausnahme ist. Es ist das Bild eines Papstes, der als kluger, angesehener Theologe gilt und dabei doch, wo er geht und steht, die »intellektuelle Dürftigkeit« seiner Argumentation offenbart und der ganz und gar das ist, wofür Deutschland ihn bei seiner Ernennung feierte: ein deutscher Papst. Ein Papst, der einen Kreuzzug führt gegen die Moderne, gegen die Aufklärung, der ganz und gar durchdrungen ist von hasserfülltem Kulturpessimismus, von Mittelalter und Apokalypse.
Ganz zum Schluss, nur im Nachwort, geht Posener noch kurz auf den Menschen Joseph Ratzinger ein, und man ist irgendwie froh, dass dieser Freak nur Papst geworden ist und nicht Führer, Amokläufer oder Selbstmordattentäter. Weder von schwärmerischer Liebe oder auch nur tiefen Freundschaften könne Ratzinger, wohlwollend nach seiner offenbar sehr einsamen und eigenbrötlerischen Kindheit und Pubertät befragt, berichten, der einzige Lausbubenstreich, das einzige Abenteuer, an das er sich erinnern kann, ist, dass er im Alter von sieben oder acht Jahren »Messe gespielt« und selber »kleine Predigten zusammengeschrieben« habe, das sei »immer abenteuerlich« gewesen. »Fast ist man geneigt, diesen Mann zu bedauern. Es wird nicht nur ein Defizit an Leben, sondern auch ein De­fizit an Lebenshunger spürbar, das an frühe Beschädigungen denken lässt«, schreibt Posener, sich Respekt abringend für einen Mann, der ihm »immer kleiner erschien«, je näher er ihm bei seinen Recherchen kam.
Seine Verachtung für das Leben pflegt Ratzinger noch heute, und dass er »nur« Papst sei, wie eben leichtfertig gesagt, muss natürlich sofort relativiert werden. Denn als Papst ist dieser kauzige Sonderling immerhin eine Autorität für über eine Milliarde Katholiken. Und damit eine Gefahr. Posener versucht, den Werdegang des antimodernen Denkens Ratzingers nachzuzeichnen, und verweist dabei auch auf eine dubiose oberbayerische Sekte, die »Katholische Integrierte Gemeinde« (KIG), der Ratzinger seit über 40 Jahren verbunden ist, eine Art totalitäre Kommune, in der die Gemeinschaft überhöht und das Ich zum Feind wird.
Viereinhalb Jahre war Ratzinger Erzbischof von München und Freising. Nicht einen einzigen Besuch im KZ Dachau hielt er während dieser Zeit für notwendig, aber als der 60. Jahrestag der Landung in der Normandie gefeiert wurde, fuhr er nach der offiziellen Zeremonie zum deutschen Soldatenfriedhof La Cambe, wo Hunderte SS-Angehörige bestattet sind, die für das berüchtigte Massaker im nahe gelegenen Oradour-sur-Glane verantwortlich sind. Vor den Gräbern dieser Mörder stehend, sprach Ratzinger: »Es muss uns als Deutsche schmerzlich berühren, dass ihr Idealismus und ihr Gehorsam dem Staat gegenüber von einem ungerechten Regime missbraucht wurden. Aber es entehrt diese jungen Menschen nicht.« Ein Satz, der falscher, ekliger und rechtsradikaler kaum sein könnte.
Wer glaubte, dass Ratzinger als frisch gewählter Papst, als noch alle Welt über seine Zeit als Hitlerjunge und Flakhelfer sprach, besonders verantwortungsvoll oder zumindest demütig mit der deutschen und auch seiner persön­lichen Geschichte umgehen würde, sah sich bald getäuscht. Seine Reise zur KZ-Gedenkstätte Auschwitz geriet zum Skandal. Allerdings zu einem kaum bemerkten. Liest man nun noch einmal die von Posener sorgfältig kommentierte Auschwitz-Rede des Papstes, wird man zur Überzeugung kommen, dass die Weltöffentlichkeit wohl taub gewesen sein oder sich taub gestellt haben muss. Sonst hätte es einen Aufschrei geben müssen, als der Papst an jenem Ort, der wie kein zweiter die Verbrechen der Shoah symbolisiert, dreist und ungeniert von den Deutschen als Opfern lamentierte, über die »eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen« gekommen sei. Diese Verbrecher hätten »unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht«.
Der Hass der Nazis auf die Juden ist aus Sicht des Papstes Folge eines antireligiösen, relativistischen, modernen Weltbildes, das die Nazis gehabt hätten, und sollte auch das Christentum treffen. Auch die deutschen Christen und sogar die Kirchen werden so zu primären Opfern des Antisemitismus erklärt. Dass der Antisemitismus der Nazis sich nur auf der Grundlage des Jahrhunderte alten christlichen Antisemitismus entfalten konnte, blendet Benedikt konsequent aus. Posener aber zählt noch einmal ein paar drastische antijüdische Traditionen des Christentums auf, vom rituellen Karfreitags­pogrom bis zu den Passionsspielen in Oberammergau, wo Ratzinger 1980 als Erzbischof Juden, die das Spiel als das kritisierten, was es ist, nämlich antijüdisch, drohte, man könne »Antisemitismus auch herbeireden«, weshalb er »insbesondere unsere jüdischen Freunde« bitten wolle, »mit dem Vorwurf des Antisemitismus aufzuhören«.
Posener geht, das ist unvermeidlich und selbstverständlich auch gewollt, über eine Kritik des Papstes hinaus, knöpft sich auch die katholische Kirche insgesamt vor, vergleicht an anderer Stelle die Conquista in Süd- und Lateinamerika mit dem Jihad der Islamisten. Und gerade die Parallelen des katholischen zum islamischen Fundamentalismus dieser Tage sind offenkundig und werden nicht nur dann sichtbar, wenn der Vatikan sich wie geschehen mit beleidigten Moslems solidarisiert und gemein macht, die meinen, es gehöre verboten, Karikaturen ihres Propheten zu veröffentlichen. Posener beschäftigt sich ausführlich mit dem höchst zweifelhaften Demokratieverständnis Benedikts und seiner Absage an die Vernunft und die Freiheit, zu der der liberal hawk Alan Posener natürlich ein paar eigene, streitbare Ansichten vertritt.
Klappt man das Buch zu, fragt man sich, wo eigentlich der Verfassungsschutz ist und wo die Bundeswehr, was jetzt zu tun sei, angesichts dieser Bedrohung, gegen all die Faschos und katholischen Taliban, gegen dieses Tora-Bora, das der Vatikan zu sein scheint. Doch dann erinnert man sich, dass der Papst zum Glück eben doch nur Papst ist, und dazu ein armes Würstchen namens Joseph, der als Kind keine Freun­de hatte und bis heute – vermutlich – nicht ein einziges Mal Sex und dessen größtes Abenteuer ein Psalm war. Gott beschütze uns vor solchen schrägen Vögeln!

Alan Posener: Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des ­Vatikans auf die moderne Gesellschaft. Ullstein-Verlag, Berlin 2009. 269 Seiten, 18 Euro