Das Ringen um die knappen Covid-19-Impfstoffe stärkt den Nationalismus

Das große Hauen und Stechen

Bei der Herstellung und Zulassung von Impfstoffen regieren Unübersichtlichkeit und Intransparenz. Die Konflikte um die knappen Impfdosen stärken Nationalismus und autoritäre Phantasien von staatlicher Krisenwirtschaft.

Wird der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) jetzt Sozialist? Wünscht sich die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) Planwirtschaft für Europa? Der Eindruck drängte sich auf angesichts der Aussagen dieser und anderer Politiker in den vergangenen Wochen. Während Söder eine »Not-Impfstoffwirtschaft«, also staatliche Eingriffe in die Produk­tionstätigkeit von Pharmaherstellern, forderte, drohte von der Leyen mit ­Exportbeschränkungen und anderen bürokratischen Zwangsmaßnahmen.

In die Tat umgesetzt wurde bisher nur die Kontrolle eines Werks des britisch-schwedischen Impfstoffproduzenten Astra-Zeneca in Belgien durch die zuständigen Behörden. Das war eine Reaktion auf die Ankündigung des Impfstoffherstellers, die der EU versprochenen Liefertermine nicht einhalten zu können, was öffentliche Empörung ausgelöst hatte. Es hieß, die Großbritannien gemachten Zusagen würden fristgerecht erfüllt, wofür auch Chargen aus der EU nach Großbritannien exportiert worden seien.

Die EU-Kommission und andere öffentlich Verärgerung äußernde Stellen ließen allerdings unerwähnt, dass die britische Regierung zum einen besser verhandelt und zum anderen den Impfstoff bereits im Dezember zugelassen hatte. Kritiker der Impfstoffbeschaffungsstrategie der EU bemängelten außerdem, die EU habe weniger kon­krete und verbindliche Zeitpunkte für festgesetzte Liefermengen vereinbart, als es Vertreter der EU behaupteten. Darüber hinaus stehe zu vermuten, dass Großbritannien höhere Preise als die EU akzeptiert habe.

Weitere Aspekte kommen hinzu: Großbritannien verfügt über relativ große Kapazitäten für die Impfstoffproduktion und hat durch die frühzeitige Zulassung des Impfstoffs und das entschlossene Vorantreiben seiner Impf­kampagne einen Vorsprung von etwa sechs Wochen auf die EU. Aus der Perspektive der Pharmaunternehmen wäre es unsinnig, ein in der EU noch nicht ­zugelassenes Medizinprodukt für eben die EU zurückzuhalten, wenn es im benachbarten Großbritan­nien sofort verabreicht werden kann. Astra-Zeneca ­hätte dort gar einen Vertragsbruch riskiert, wenn es so gehandelt hätte. Die Lieferungen aus den kontinentaleuropäischen Werken der Firma an die Briten sind daher nachvollziehbar. Auch humanitäre Argumente sprechen für die Bevorzugung des ehemaligen EU-Mitgliedslandes, grassiert dort doch die Sars-CoV-2-Variante B.1.1.7, die deutlich ansteckender ist und möglicherweise auch tödlicher ist als das ursprüngliche Virus.

Aber um Humanität geht es weder den Unternehmen noch der EU. Den Ländern der EU jedenfalls scheint es darum zu tun zu sein, mit Hilfe nationalistischer Ressentiments vom Versagen der staatlich-kapitalistischen Ordnung abzulenken und die Verantwortung dafür den Firmen zuzuschieben. Es sollte offensichtlich sein, dass Astra-Zeneca diese Konfrontation nicht aus freien Stücken provoziert hat. Vielmehr ist anzunehmen, dass die Firma alles daran setzt, so schnell wie möglich ausreichend Impfstoff zu produzieren, um Vertragsstrafen, schlechte Presse und den Verlust von Marktanteilen zu vermeiden.

Allein, die Kapazitäten reichen nicht aus. Auch andere Firmen wie Pfizer und Moderna aus den USA haben Schwierigkeiten, ihre Lieferzusagen einzuhalten. Das liegt daran, dass die globale Produktion nicht in beliebigem Maße und in beliebiger Geschwindigkeit gesteigert werden kann. Die Herstellung ist kompliziert, sie erfordert Erfahrung und nicht zuletzt Rohstoffe, die in entsprechender Qualität und Menge geliefert werden müssen. So erfordert die biotechnologisch völlig neuen mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna hochreine Nanolipide, die nur wenige Firmen weltweit herstellen können. Zellkulturen, die in großen speziellen Bioreaktoren die Vakzine produzieren, müssen beschafft werden, ebenso relativ banale Zutaten wie Glasampullen und die entsprechenden Verschlüsse.

Durch den Wettbewerb der Hersteller entsteht einerseits eine relativ große Anzahl von Impfstoffen in kurzer Zeit, andererseits kommen sich die Produzenten gegenseitig in die Quere.

Der Mangel an Glasampullen beruht nicht nur auf der gestiegenen Nach­frage, sondern auch darauf, dass ein entscheidender Grundstoff für die Glasherstellung nicht schnell genug verfügbar ist: aufbereiteter Quarzsand. Wie ein mit der Produktion von Impfstoffen betrauter Wissenschaftler, Michael Watson, dem Internet-Magazin The Daily Beast mitteilte, stoße man bei den Bemühungen um die Ausweitung der Produktion immer wieder auf Schwierigkeiten beim Aufbau der Lieferketten. Nach Angaben von George ­Siber wiederum, einem ­Experten für die Impfstoffproduktion, dauert es etwa ein Jahr, bis eine Fabrik für einen mRNA-Impfstoff gebaut und produktionsfertig ist.

Zusätzlich zu diesen Problemen verlangsamt die Konkurrenz der Pharmafirmen untereinander die dringend notwendige Steigerung der Impfstoff­produktion. So ist Moderna nicht bereit, seinem Konkurrenten Pfizer/Biontech zu verraten, wie es die größere Temperaturstabilität seines ansonsten ähn­lichen Produkts erreicht. Hinsichtlich der Impfstoffknappheit in der EU besteht zudem der Verdacht, dass sowohl Deutschland als auch Frankreich bei der Impfstoffbestellung über die EU Interessenpolitik betrieben haben, um ihrer jeweils eigenen Pharmaindustrie Vorteile zu verschaffen. Das könnte zu dem relativ späten Vertragsabschluss mit Astra-Zeneca beigetragen haben.

Die starke staatliche finanzielle Unterstützung der Hersteller von mRNA-Impfstoffen wiederum förderte zwar eine erfolgversprechende Technologie, zugleich wurden aber Schwierigkeiten bei der Produktion in Kauf ­genommen. Denn im Vergleich zu konventionellen Impfstoffen sind die auf mRNA basierenden komplizierter herzustellen, zu transportieren und zu ­lagern. Die weltweite Immunisierung würde allein mit diesen Vakzinen deutlich länger dauern. Eine frühzeitige Konzentration auf nach bewährter Technik produzierte, leichter zu transportierende und zu lagernde Impf­stoffe wäre global betrachtet deutlich effektiver.

Stattdessen scheint es insbesondere der deutschen Regierung darum gegangen zu sein, die Expansion nationaler Unternehmen mit bisher nicht erprobten Herstellungsverfahren zu fördern. Das für Regionen mit schlechter Infrastruktur wesentlich besser geeignete, weil bei Kühlschranktemperatur zu lagernde, und auch deutlich günstigere Vakzin von Astra-Zeneca wird in der weltweiten Bekämpfung der Pandemie vermutlich eine größere Rolle spielen. Durch den Wettbewerb der Hersteller entsteht einerseits eine relativ große Anzahl von Impfstoffen in kurzer Zeit, andererseits kommen sich die Produzenten gegenseitig in die Quere. Pharmafirmen halten Kapazitäten zurück, um Eigenentwicklungen nach ihrer Zulassung selbst produzieren zu können, anstatt sie für die Herstellung eines eventuell erfolgreicheren Konkurrenzprodukts zur Verfügung zu stellen. Angesichts dessen ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Pharma­industrie weltweit ihre ambitionierten Zusagen einhalten kann. Staatliche Eingriffe in Lieferketten und in die Produktion werden daran nichts Grundsätzliches ändern und sogar dazu beitragen, den Kampf um die benötigten Rohstoffe noch zu verschärfen.

Aus heutiger Sicht ist anzunehmen, dass im Laufe dieses Jahres in den wohlhabenden Staaten genug Impfdosen gegen Covid-19 zur Verfügung stehen werden. Andere Impfungen sollten darüber aber nicht vernachlässigt werden. In den USA gingen im vergangenen Jahr die Impfungen gegen an­steckende Kinderkrankheiten wie Masern und Keuchhusten in besorgnis­erregendem Ausmaß zurück. Die weltweite Impfkampagne der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gegen deren Erreger hat einen deutlichen Rückschlag erlitten. Das lag nicht nur an der Überforderung der Gesundheitssysteme, sondern auch an fehlenden Vakzinen und unterbrochenen Lieferketten. Die Konzentration auf Impfungen gegen Sars-CoV-2 und der Kampf um Herstellungskapazitäten könnten diese Probleme verschlimmern.