Reproduktive Gerechtigkeit ­berücksichtigt marginalisierte Gruppen stärker als Pro-Choice

Gerechtigkeit, nicht nur Rechte

Disko Von Susanne Schultz

Der Feminismus sollte die Perspektiven marginalisierter Gruppen stärker berücksichtigen.

Das Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit wird seit kurzem wieder be­liebter im hiesigen Feminismus. Allerdings wird der Begriff zuweilen lediglich als Synonym für reproduktive Rechte oder Pro Choice verwendet, was aber dessen radikales Potential unterschlägt. Das Verlangen nach reproduktiver Gerechtigkeit fordert dazu auf, Abtreibung nicht nur als individuelle Entscheidung zu verstehen, sondern ­allen Zugang zu Abtreibung und Gesundheitsversorgung zu verschaffen.

Darüber hinaus schlägt das Konzept eine Perspektivverschiebung feministischer Bewegungen vor – zu den Fragen, wer unter welchen Umständen Kinder kriegen soll oder nicht soll und wer wie mit Kindern leben kann. Denn das Konzept geht über die Frage hinaus, wie für alle möglich werden könnte, sich gegen Kinder zu entscheiden, indem es das Recht betont, sich für Kinder entscheiden zu können. Außerdem geht es darum, wie eine Gesellschaft aussehen müsste, in der Kinder unter guten Bedingungen aufwachsen können.

Dies geht weit darüber hinaus, dass sich alle feministischen und proges­siven Gruppen auf die Forderung der Streichung des Abtreibungsparagraphen aus dem Strafgesetzbuch einigen, wie Gisela Notz dies gefordert hat. Selbst diese Streichung garantiert nämlich noch keinen Zugang zu Abtreibung etwa für Frauen, die keinen Aufenthaltsstatus haben, deren Lebens­bedingungen ihnen den Zugang zu Informationen erschweren oder die mittellos sind.

Reproduktive Gerechtigkeit reformuliert feministische Forderungen aus der Perspektive derjenigen, deren Gebären oder deren Geburt gesellschaftlich unerwünscht sind.

Reproduktive Gerechtigkeit ist zunächst einmal eine Eindeutschung aus dem US-amerikanischen Kontext, wo das Konzept reproductive justice Mitte 1994 auf einem Treffen Schwarzer ­Feministinnen entworfen wurde. Dieses Konzept kombiniert reproduktive Rechte und die politische Zielvorstellung sozialer Gerechtigkeit. Es entstand aus der Kritik an einem individualisierenden, liberalen Pro-Choice-Verständnis, das letztendlich vor allem auf die Möglichkeit weißer Mittelschichtsfrauen abzutreiben ausgerichtet war. Denn es blendete strukturelle Ungleichheit und rassistische Gewaltverhältnisse in der US-Gesellschaft aus. Die feministische Bewegung interessierte sich kaum für die Frage, wer überhaupt Zugang zu (reproduktiver) Gesundheitsversorgung hatte.

Kämpfe um das Recht auf Abtreibung gehen auch anders. So hat die jüngst erfolgreiche Kampagne in Argentinien tatsächlich vieles besser gemacht – nicht zuletzt hat sie eine feministische Massenmobilisierung erreicht, die stark antineoliberal ausgerichtet ist und strukturelle soziale Ungleichheiten thematisiert. Die argentinische Bewegung hat von Anfang an die Frage der Finanzierung von Schwangerschaftsabbrüchen ins Zentrum gestellt, beispielsweise mit ihrem Slogan: »Für ­legale, sichere und kostenlose Abtreibungen!« Sie hat erreicht, dass das Ende des vergangenen Jahres verabschiedete Gesetz sehr inklusiv ist. Nicht nur spricht der Gesetzestext von »schwangeren Frauen und Personen«, schließt also explizit nicht nur cisgeschlechtliche Frauen ein; auch ungewollt Schwangere ohne Aufenthaltsstatus sollen Zugang zum kostenlosen Schwangerschaftsabbruch bekommen.

Hier haben die deutschen Proteste gegen die Paragraphen 218 und 219 noch Nachholbedarf. Denkbar und nötig wäre es zum Beispiel, die Forderung nach »Legalisierung jetzt!« starkzu­machen. Diese so benannte Kampagne in Berlin fordert einen sofortigen Aufenthaltsstatus für Illegalisierte – und damit auch deren Gesundheitsversorgung. Dies würde auch helfen, den bislang nur kleinen Zirkel derjenigen zu erweitern, die seit Jahrzehnten die Missachtung elementarster Grundrechte der Papierlosen in Deutschland skandalisieren. Solidarität funktioniert auch umgekehrt: Statt nur strategisch darüber nachzudenken, wie die eigene feministische Pro-Choice-Bewegung erweitert werden kann, sollte die eigene Stärke auch marginalisierten Gruppen zugute kommen.

Auch die sozialen Gruppen und Personen, denen die dominanten Weiblichkeitskonstruktionen nicht gebieten, Mutter zu werden, tauchen in der Pro-Choice-Rhetorik kaum auf. Die Perspektive der reproduktiven ­Gerechtigkeit richtet sich dagegen auch auf die, ­denen nahegelegt wird, sich lieber nicht fortzupflanzen, lieber keine oder nicht noch mehr Kinder zu bekommen. Sie geht in dieselbe Richtung wie der behin­dertenpolitische feministische Protest gegen Pränataldiagnostik und die eugenischen Dimensionen der Abtreibungspraktiken, wie ihn Taleo Stüwe beschrieben hat. In den vergangenen Jahren ist diesbezüglich im Rahmen der Kampagnen für Abtreibungsrechte schon einiges passiert. Die Frage, ob das Recht, sich gegen ein Kind zu entscheiden, die Möglichkeit einschließen soll, sich gegen ein Kind mit einer bestimmten Eigenschaft zu entscheiden, wird aber in weiten Teilen der Pro-Choice-Bewegung nicht einmal diskutiert.

Still ist es in den vergangenen Jahren auch um internationale Programme und Maßnahmen der Familienplanung geworden, die darauf abzielen, die Zahl der Geburten im globalen Süden zu senken. Es gibt hierzulande kaum kritische feministische Debatten darüber, dass Frauen derzeit vorrangig langfristige Verhütungsmittel wie Hormonimplantate oder Hormoninjektionen angeboten und dass sie über deren gesundheitsschädlichen Potentiale zu wenig aufgeklärt werden. Eine feministische Reflexion darüber wäre aber dringend nötig, berufen sich solche Maßnahmen doch auf die im Gefolge der UN-Weltbevölkerungskonferenz von Kairo 1994 ­institutionalisierte Forderung nach reproduk­tiven Rechten, die allerdings im Rahmen be­völkerungspolitischer Ziele stark normativ aufgeladen wurden, also Selbstbestimmung damit verbinden, dass sich Frauen an die Norm einer Zweikind-Familie anpassen.

Reproduktive Gerechtigkeit reformuliert ­feministische Forderungen aus der Perspektive derjenigen, deren Ge­bären oder deren Geburt gesellschaftlich unerwünscht sind. Daran schließt sich die Frage an, welche Elternschaften oder Familien strukturell ausgegrenzt oder benachteiligt werden. Aus der Perspektive marginalisierter Elternschaft gibt es viele bisher weitgehend unverbundene Kämpfe, was die Frage nach neuen Allianzen aufwirft. Das Netzwerk reproduktive Gerechtigkeit in Berlin, das die Möglichkeit solcher Allianzen gerade in kleinem Rahmen auslotet, tauscht sich so etwa mit Erwerbsloseninitiativen, Organisationen von Geflüchteten, Netzwerken behinderter Frauen und queeren Projekten aus.

Hierbei spielen Themen wie das einkommensabhängige Elterngeld eine Rolle, das gerade diejenigen benachteiligt, die sowieso schon prekäre Lebensbedingungen haben – sei es, weil sie Hartz IV beziehen, oder sei es wegen ihres Aufenthaltsstatus. Wer wird in Deutschland problemlos als Mutter oder Vater anerkannt und wer muss sich langwierigen bürokratischen Prozessen unterwerfen? Wenn es um Anträge auf Familienzusammenführung geht, bleibt die deutsche Migrationspolitik bei rigiden und höchst traditionellen Vorstellungen von Familie. Diese Beispiele zeigen, dass der Kampf für ­reproduktive Gerechtigkeit viele verbindet und nur dann funktionieren kann, wenn er mit Leben gefüllt wird, wenn feministische Allianzen horizontal funktionieren und diejenigen zu Subjekten und Sprecherinnen machen, deren Lebenssituationen in feministischen Kämpfen in Sachen Reproduktion oft kaum berücksichtigt wurden.

Das Recht auf Abtreibung zu erkämpfen, bleibt auch aus der Perspektive der reproduktiven Gerechtigkeit zentral. Allerdings sollte es neben der For­derung nach Entkriminalisierung viel mehr darum gehen, Abtreibungsmöglichkeiten wirklich für alle kostenlos zugänglich zu machen. Außerdem geht es zwar um Autonomie und Handlungsspielräume für alle, aber nicht um einen universellen Kampf aller Frauen gegen eine Rollenzuschreibung als häuslich sorgende Mütter. Dass ­Elternschaft und Mutterschaft für viele auch heißt, sich gegen Widrigkeiten und strukturelle Gewaltverhältnisse zu behaupten, gehört genauso zentral auf die feministische Agenda gesetzt.