Rechtsesoteriker der Anastasia-Bewegung wollen Privatschulen gründen

Ganzheitlich indoktrinieren

Schulgründungen stehen unter Anhängern der rechtsesoterischen Anastasia-Bewegung hoch im Kurs. Ihr Schulkonzept gibt sich freiheitlich, ist jedoch autoritär und militaristisch.

»Grüß dich, schön, dass du hergefunden hast!« – Mit strahlendem Lächeln und freundlicher Stimme begrüßt Ricardo Leppe sein Publikum. Er ist das Gesicht des Vereins »Wissen schafft Freiheit« und verbreitet seine Videos hauptsächlich über die Plattformen Youtube und Telegram. Die Inhalte: Lernen müsse Spaß machen, alle sollen in ihrem eigenen Tempo nur das lernen, was sie ­interessiere und sie später im Leben noch bräuchten. Damit greift er verbreitete Ressentiments gegen das staatliche Schulsystem auf; mit Einwänden gegen Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie an den Schulen spricht er viele Eltern an.

Unter dem Label des Vereins gibt Leppe nicht nur Lerntipps. Er wirbt vielmehr offensiv für die Gründung von freien Schulen, berät diese und vernetzt Interessierte in seiner Telegram-Kanal, den mehr als 17 00 Menschen abonniert haben. Vor allem unterstützt er die Gründung freier Schulen nach dem Konzept der Schetinin-Schule, einer auf den 2019 gestorbenen Musiklehrer Michail Petrowitsch Sche­tinin zurückgehenden Schulform. Die erste im russischen Tekos gegründete Schetinin-Schule gilt im deutschsprachigem Raum vor allem in der rechts­esoterischen Anastasia-Bewegung als Vorbild, nicht zuletzt weil sie in der zehnbändigen »Anastasia«-Romanreihe ausführlich beschrieben wird. Die Reihe des Autors Wladimir Megre ist auf Deutsch zwischen 2003 und 2011 veröffentlicht worden. Basierend auf den esoterisch-spirituellen, verschwörungsmythischen und antisemitischen Inhalten der Reihe entwickelte sich in Russland, Osteuropa sowie im deutschsprachigen Raum die Anastasia-Bewegung.

Auf seinem Youtube-Kanal spricht Leppe beispielsweise mit der Lehramtstudierenden Iris Autenrieth über ihre Praktika an einer russischen Schetinin-Schule. Beide äußern sich begeistert: Theoretische und praktische Unterrichtseinheiten lösten sich ab, alles würde von den Kindern und Jugendlichen selbst gestaltet. Die esoterische Zeitschrift Sein lobte 2013 und noch einmal 2019 diese Schulform: »Ganzheitliche« Erziehung werde im Wechsel von künstlerischen und naturwissenschaftlichen Fächern umgesetzt. Schülerinnen und Schüler erlangten in kürzerer Zeit als üblich einen Schulabschluss, viele jugendliche Absolventen und Absolventinnen studierten bereits. Wenn sie die Schule verließen, seien sie angstfreie, durchtrainierte »Allround-Genies« und »Krieger«.

Die Schweizer Fachstelle für Sektenfragen warnt, dass in der internatsähnlichen russischen Einrichtung Kinder und Jugendliche mit einer Mischung aus Nationalismus, Spiritualität und Naturverbundenheit indoktriniert würden. Statt, wie behauptet, Selbstorganisation würden vielmehr Disziplin, Gehorsam und Unterwürfigkeit gelehrt, das Konzept zeichne sich durch »ausgeprägten wedrussischen Nationalismus« – der einen »vedischen«, also ursprünglich arischen Ursprung der ­Nation behauptet – und »Militarismusaffinität« aus. Auch der Sein-Artikel von 2013 stellt fest: »Wie ausgelassene Kinder wirken sie kaum.« Das Resümee der Zeitschrift fällt dennoch positiv aus.

Das Schetinin-Konzept dient im deutschsprachigem Raum als Vorbild für die sogenannten Lais-Schulen. ­Deren Konzept stellt das »natürliche Lernen« in den Mittelpunkt, das, wie in den Anastasia-Büchern beschrieben, davon ausgeht, dass alle Kinder bereits Wissen in sich trügen, welches sie nur entdecken beziehungsweise »erinnern« müssten. Laut der österreichischen Lais-Website solle alles, was erlernt wird, »egal, ob verstanden oder nicht«, direkt weitergegeben werden; alles, was gesagt wird, stimme, Fehler gebe es nicht.

Zum »natürlichen Lernen« gehöre auch ein »natürliches Leben«. Darunter versteht Megre die Gründung sogenannter Familienlandsitze, auf denen sich eine Familie durch Landwirtschaft selbst versorgen soll. Der Zusammenschluss mehrerer dieser Landsitze soll eine au­tarke Siedlung bilden. An diese Idee knüpfen 17 Projekte in Deutschland an, die sich derzeit im Aufbau befinden. In den offenen Chats, die der Gründung solcher Projekte dienen, vernetzen sich einige Tausend Menschen und suchen Anschluss und Kontakte für den Aufbau weiterer Projekte.

Die Anastasia-Projekte versuchen, eine friedliche Fassade aufrechtzuerhalten, allerdings wurden beispielsweise den Bewohnerinnen und Bewohnern des Projekts im brandenburgischen Grabow bereits Verbindungen zu völkischen Gruppierungen wie dem rechtsextrem-religiösen Bund für (Deutsche) Gotterkenntnis (nach Erich und Mathilde Ludendorff auch Ludendorffer genannt) und der seit 2009 verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend nachgewiesen. Zudem fand 2015 ein Zeltlager des rechtsextremen Jugendverbands Sturmvogel auf ihrem Gelände statt. Die Akteure des Anastasia-Projekts in Wienrode (Sachsen-­Anhalt) gelten ebenfalls als gut vernetzt in der rechtsextremen Szene, wie das Informationsportal Blick nach rechts berichtete. Zum Julfest, das in der christlichen Weihnachtszeit begangen wird, kamen Mitglieder des völkischen Vereins »Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesens­gemäßer Lebensgestaltung« sowie der AfD und der rechtsextremen Identi­tären Bewegung zu Besuch. Kritikerinnen und Kritiker des Projekts vor Ort ­berichten von Einschüchterungsversuchen wie zerstochenen Reifen und persönlich adressierten Droh-E-Mails.

In Grabow, einem der ältesten der deutschen Siedlungsprojekte, wurde beim vergangenen Herbstfest unter anderem ein Austausch zum Thema »Freilernen« organisiert. Eine eigene Schule nach Schetinins Vorbild ist in Planung, noch werden die Kinder zu Hause unterrichtet. Nach eigenen Angaben wollen die Anastasia-Anhänger die Covid-19-Pandemie nutzen und ihre Vorstellung von »freier Bildung« etablieren.

Der »Freilerner« Leppe aus Niederösterreich gibt sich als Aufklärer: »Glaubt’s nicht, was die euch da draußen sagen, ich hab’ noch kein einziges Thema gefunden, wo sie uns nicht belügen.« Im vergangenen Jahr legte er wie viele andere Verschwörungsrauner eine steile Karriere hin. Sogar im einschlägigen Internetsender »Klagemauer-TV« darf er von seiner Arbeit berichten. Mit seinen eigenen Angaben zufolge 600 Vorträgen, die er im vorigen Jahr gehalten habe, bewegt er sich in einem keineswegs kleinen Milieu aus Freunden »freier« Schulen, Verschwörungsgläubigen, Anastasia-Anhängern und der Reichsbürgerszene.

Die Inhalte seiner Vorträge reichen von Problemen im staatlichen Schulsystem bis zu Spekulationen über die Existenz einer Hohlerde. In seiner Online-»Wediathek« informiert er über die pseudomedizinische »Germanische Heilkunde«, die von der Annahme ausgeht, dass hinter allen Krankheiten ein seelischer Konflikt stecke. Da wundert es kaum, dass er bei dem Online-Kongress »Energize you – Kinder der Zukunft«, der am 14. ai beginnen soll, neben dem Sänger Xavier Naidoo, Esoterikern und Heilsgläubigen auf­treten wird. Auch Iris Autenrieth soll hier wieder von ihren Erlebnissen an der Schetinin-Schule erzählen.