Ein Gespräch mit der Gewerkschafterin Anja Bensinger-Stolze über die Arbeitsbelastung von Pädagogen in der Pandemie

»Viele stehen kurz vor einem Burn-out«

Interview Von Marie Gogoll

<p><strong>Wie würden Sie die Situation von Lehrerinnen und Lehrern derzeit beschreiben?</strong></p>

Wie würden Sie die Situation von Lehrerinnen und Lehrern derzeit beschreiben?

Der Druck auf sie ist in den Schulen enorm hoch. Seit zwei Jahren gibt es jetzt die Pandemievorgaben – und diese wechseln auch noch unregelmäßig. Es ist nicht möglich, länger als ein, zwei Wochen im Voraus zu planen. Das ist eine unheimlich schwierige Situation für die Kolleginnen und Kollegen. Sie sind sehr stark belastet.

Was war denn – mit Blick auf die vergangenen beiden Jahre – besonders herausfordernd?

Einerseits natürlich der ständige Wechsel bei den Unterrichtsarten: Fernunterricht, Wechselunterricht, Präsenzunterricht. Das hat viel Stress ausgelöst. Im Lockdown haben die Lehrerinnen und Lehrer dann digital unterrichtet, dabei hatten viele gar nicht die technischen Voraussetzungen dafür. Dieses Problem betraf auch viele Schülerinnen und Schüler. In den Schulen gibt es, anders als in vielen größeren Firmen, keine IT-Abteilung, die bei technischen Fragen hilft. Dabei haben manche Schulen bis zu 1 500 Schülerinnen und Schüler und damit einen sehr hohen Bedarf an technischer Unterstützung. Die Kolleginnen und Kollegen waren da weitgehend auf sich allein gestellt. Die GEW hat im vergangenen Jahr eine Studie zur Digitalisierung herausgegeben, in der deutlich wurde, dass vor allem der Fernunterricht Stress ausgelöst hat. Die Lehrkräfte wussten nicht: Hält die Verbindung? Funktioniert der geplante Unterricht heute technisch? Können ihn alle Schülerinnen und Schüler mitverfolgen?

»Im Moment lautet das Motto: Augen zu und durch. Welche Auswirkungen Long Covid haben könnte, spielt dabei keine Rolle.«

Welche politischen Maßnahmen hätten Sie sich beim Thema Digitalisierung gewünscht?

Es gibt den Digitalpakt Schule, mit dem die Kultusministerkonferenz und die Bundesregierung digitale Kompetenzen fördern und die Schulen besser ausstatten möchten. Das Programm hätte schon 2016 starten sollen. Los ging es tatsächlich aber erst 2019, da war die Pandemie nicht mehr fern. Wir sind schon sehr froh, dass es den Digitalpakt gibt, aber die Umsetzung kam viel zu spät und läuft zu langsam. Außerdem sind die Mittel zu niedrig veranschlagt: Sie müssten jetzt schnell erhöht und verstetigt werden. Im ersten Lockdown wurde ja schnell klar, wo die Lücken und der Bedarf sind, etwa bei der unzureichenden Bandbreite des W-Lan, zudem fehlen Geräte und IT-Experten, die die digitale Infrastruktur an den Schulen aufbauen.

Wie bewerten Sie generell die politischen Beschlüsse zum Umgang mit der Pandemie in den Schulen?

Die Schulen sind in die Ausarbeitung der Schutzkonzepte viel zu wenig einbezogen worden. Die Gesundheits- und Hygienemaßnahmen wurden in der Regel nicht mit den Personalräten abgestimmt, obwohl diese zu einer Mitarbeit berechtigt sind. Dabei kennen sich die Lehrerinnen und Lehrer natürlich besser als andere in den Schulen aus und hätten die Hygienepläne sinnvoll mitausarbeiten können. Wir haben immer wieder vorgeschlagen, bundesweit einheitliche Leitlinien zu entwickeln, die regeln, wann und wie eine Schule heruntergefahren wird oder schließen muss. Solche Kriterien hat es aber nie gegeben.

Zurzeit gibt es in den meisten Bundesländern normalen Präsenzunterricht mit Maskenpflicht und regelmäßigen Tests. Daran gibt es immer wieder Kritik, auch weil die Fallzahlen derzeit so hoch sind wie noch nie. Wie bewerten Sie die Lage?

Politik und Verwaltung tun derzeit viel zu wenig gegen die Ansteckungsgefahr in den Schulen. Es wird oft gesagt, dass in Schulen wenig Ansteckungen passieren, aber natürlich kann ein Kind, dass das Coronavirus zum Beispiel aus der Familie mitbringt, es in der Schule weitergeben. Ich habe das Gefühl, dass im Moment das Motto lautet: Augen zu und durch. Welche Auswirkungen Long Covid haben könnte, spielt dabei keine Rolle. An die Gesundheit der Lehrkräfte sowie der Schülerinnen und Schüler wird kaum gedacht. Für die Lehrerinnen und Lehrer erhöht das den Druck, ­unter dem sie ohnehin schon seit zwei Jahren stehen, zusätzlich. Natürlich machen sie sich auch Sorgen um ihre eigene Gesundheit. Dass die Kultusminister am Präsenzunterricht festhalten, gleichzeitig aber nicht alles Mögliche für den nötigen Gesundheits- und Infektionsschutz tun, ist symptomatisch für das Verhalten der politisch Verantwortlichen.

Würden sich die Lehrerinnen und Lehrer also wieder Wechselunterricht wünschen, also die Unterteilung der Klassen, um Gruppen ­abwechselnd in Präsenz zu unterrichten?

Wechselunterricht ist zwar pädagogisch eine gute Lösung, weil die Schülerinnen und Schüler in kleineren Gruppen und mit ausreichendem Abstand zu­einander lernen können, aber solange nicht der Unterrichtsstoff entschlackt wird und es mehr Lehrpersonal an den Schulen gibt, bedeutet dieses Unterrichtsmodell für Lehrerinnen und Lehrer noch mehr Arbeit und Druck. Man müsste den Schulen in der derzeitigen Situation mehr Freiraum geben und die Lehrpläne überarbeiten, um diesen Druck herauszunehmen. Man sollte den Fokus jetzt nicht so sehr auf die Leistung legen, sondern das Gemeinsame betonen: Denn wir wollen als Schulgemeinschaft möglichst gesund – psychisch und physisch – durch diese schwierige Zeit kommen und weiterhin motiviert Freude am Lernen haben.

Was passiert, wenn es jetzt einfach so weitergeht wie bisher?

Momentan stehen viele Lehrerinnen und Lehrer kurz vor einem Burn-out. In Nordrhein-Westfalen gab es ja schon Schulen, die als Zeichen der Kapitulation weiße Fahnen aus dem Gebäude gehängt haben. So geht es vielen Kolleginnen und Kollegen: Sie arbeiten weiter, weil sie das richtig finden. Sie wollen ihre Schülerinnen und Schüler nicht im Stich lassen. Aber eigentlich sind sie im Moment ganz nah an der Grenze dessen, was sie an Belastung noch aushalten können.

Befürchten Sie deswegen Kündi­gungen?

Tatsächlich gibt es aus den Landesverbänden der GEW immer mehr Rückmeldungen, dass Kolleginnen und Kollegen darüber nachdenken, aus dem Beruf auszusteigen. Das ist eine neue Entwicklung. Auch wenn der Lehrerberuf schon vor der Pandemie durch belastende Arbeitsbedingungen sehr fordernd war, hat in der Regel das Wissen darum, mit dem Beruf etwas Sinnvolles zu tun, die schwierigen Seiten des Berufs aufgewogen. In der Pandemie wird der Druck jedoch einfach zu hoch. Unsere Studie zur Digitalisierung hat auch ergeben, dass die Kolleginnen und ­Kollegen seit Beginn der Pandemie noch mehr Überstunden leisten als zuvor. Demnach überschreitet ein Viertel der Lehrerkräfte die Höchstarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche. Wir haben deshalb den Eindruck, dass die Kolleginnen und Kollegen im Moment noch funktionieren, aber dass sie bald einfach kaputt sein werden. Da wir ja ohnehin schon einen dramatischen Fachkräftemangel an Schulen haben, ist das ­fatal.

Anja Bensinger-Stolze

Anja Bensinger-Stolze ist Mitglied des geschäftsführenden Vorstands bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und l­eitet den Organisationsbereich Schule.