Die antisemitischen Vorgänge auf der Documenta müssen aufgearbeitet werden

Rettet die Kunst!

Kommentar Von Gerhard Schweppenhäuser

Die Wittenberger Judensau, Israelis als Schweine: Die identitätspolitische Perspektive hat die Maßgaben der Ästhetik ersetzt. Warum das Abbauen von Propagandawerken nicht reicht und eine Debatte über den Kulturrelativismus dringend nötig ist.

Auf der Documenta fifteen werden großformatige, unbeholfen dargestellte Figuren im Stil nationalsozialistischer Propagandazeichnungen ausgestellt, die vor 20 Jahren in Indonesien entstanden sind. Dazu gibt es antiisraelisches Filmmaterial aus dem Japan der siebziger Jahre zu sehen, es wurde für diesen Zweck liebevoll aufbereitet. Die politische Urteilskraft sagt klar und deutlich: Dagegen muss interveniert werden. Die Kasseler Entscheidung, das Bildwerk abzubauen, ist richtig. Wie es mit den Propagandavideos weitergeht, ist noch nicht entschieden. 

So oder so: Es wird es darüber hinaus aber höchste Zeit, darüber zu diskutieren, in welchem Verhältnis politische und ästhetische Urteilskraft zueinander stehen. Ein heikles Thema. Zumal im Rahmen eines Ausstellungskonzepts wie dem der Documenta. Die hat sich ja, im Laufe der Jahrzehnte, mit guten Gründen von einer Westkunstschau in eine Weltkunstschau verwandelt. Die ästhetischen Maßstäbe der westlichen Moderne, die lange Zeit unbestritten dominierten, sind vehement angegriffen worden. Zunächst von der künstlerischen Postmoderne und dann von Seiten des Multikulturalismus und der Postcolonial Studies.

Die Ästhetisierung des Politischen ist eben nicht nur politisch falsch, sondern auch ästhetisch. Was dabei herauskommt, ist in der Regel künstlerisch unzureichend.

Heute beanspruchen identitätspolitische Ansätze die Deutungsbefugnis darüber, was als ästhetisch relevant und maßgeblich Geltung beanspruchen darf. Kulturrelativistische Dogmen und identitätspolitische Inhalte werden als Kriterien anerkannt. Sofern überhaupt noch akzeptiert wird, dass Formqualität ein legitimes Kriterium in ästhetischen Debatten ist, sollen jene Kriterien der Bewertung von Formqualitäten zugrunde gelegt werden. Oder diese gleich ganz ersetzen.

Politische und ästhetische Urteilskraft hängen aber weitaus enger zusammen. Die Ästhetisierung des Politischen ist eben nicht nur politisch falsch, sondern auch ästhetisch. Was dabei herauskommt, ist in der Regel künstlerisch unzureichend.

Die Wittenberger Judensau aus der Reformationszeit ist unter ästhetischen Gesichtspunkten Dreck. Er sollte nicht zuletzt deswegen schleunigst von der Kirchenwand entfernt werden. Wenn die Kirche das anders sieht und die Schmähplastik als historische Zierde versteht, dann ist das immerhin eine klare Aussage über das eigene Selbstverständnis. Die Darstellung eines Israeli als Schwein, mit der ein Kollektiv von Künstlern aus Indonesien hervortritt, ist ästhetisch dürftig und indiskutabel. Und das antiisraelische Propagandamaterial aus Japan, das von dem Kollektiv „Subversive Reels“ präsentiert wird, wäre unter dem Gesichtspunkt zu untersuchen, ob die Präsentation dazu angetan ist, eine kritische Beurteilung zu befördern, oder ob sie zur Identifikation mit der Feier eines falschen, nationalistischen Konzepts von Widerstand einlädt.

Kurzum, ohne eine Debatte über ästhetische Qualitäten und künstlerische Relevanz kann es nicht weitergehen. Es sei denn, man resigniert und bescheidet sich mit Inhalts- und Gesinnungsstreitereien. 

Gerhard Schweppenhäuser ist Professor für Design-, Kommunikations- und Medientheorie an der Fakultät Gestaltung der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Würzburg und lehrt als Privatdozent Philosophie an der Universität Kassel. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift für kritische Theorie.