# dschungel
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Till Raethers Roman »Disko« über den Munich Sound der siebziger Jahre dürfte auch Pop-Skeptikern gefallen
Beeke und nicht Becky
Im Setting der Boheme-Hauptstadt der 1970er mit ihrem derben Voralpenflair geht es in Till Raethers Roman »Disko« tatsächlich um die maulfaule, verdruckst-provinzielle Atmosphäre Ostholsteins. Giorgio Moroder kommt aber auch irgendwie drin vor.
München, Discos, Mittsiebziger – das scheinen die vielversprechenden Ingredienzen in Till Raethers Roman »Disko« zu sein. Doch nicht die Exzesse in der seinerzeitigen Boheme-Hauptstadt mit ihrem derben Voralpenflair bestimmen den Plot, sondern deren Gegenteil – die maulfaule, verdruckst-provinzielle Atmosphäre Ostholsteins zur selben Zeit.
Für Beeke, die in München nur Bahnhof versteht und von ihren Begleitern auf der Reise in die Nacht, in der sie ihren Bruder vermutet, in Becky umbenannt wird, gerät der Rausch aus Klängen, Farben und Gerüchen alsbald zur Quälerei.
Sie prägt die Protagonisten von »Disko«, die 14jährige Erzählerin Beeke und ihren älteren Bruder Gerald. Der ist vom elterlichen Gehöft wortlos verschwunden, um in München Musikproduzent für eine neue Art von Tanzmusik zu werden: Disco. Beeke reist hinterher, um ihn zu suchen. Dass sie in ihren Aufzeichnungen konsequent falsch eingedeutscht »Disko« schreibt, hat Methode, ebenso, dass ihr Name wohl der friesischste ist, den Raether finden konnte.
Er passt perfekt nicht nach München, was unterstreicht, wie fremd und unangenehm eine Vergangenheit sein kann, um die Nachgeborene einen beneiden. Die Ausreißergeschichte führt hinein in die bizarre Welt der frühen Discos. Für Beeke, die in München nur Bahnhof versteht und von ihren Begleitern auf der Reise in die Nacht, in der sie ihren Bruder vermutet, in Becky umbenannt wird, gerät der Rausch aus Klängen, Farben und Gerüchen jedoch alsbald zur Quälerei …
Heimat der Schweiger und Verschweiger
Beekes 72 Stunden im exaltierten München bilden so nur eine, wenn auch mächtige Kulisse, vor der die kommunikative Verstümmelung, die die beiden Geschwister in ihrer Heimat der Schweiger und Verschweiger erlitten haben, hervortritt. Die emotionalen Barrieren und die Mühen, sie zu überwinden, sind es, die den Kern von »Disko«bilden.
Weil Raether das mit norddeutscher Trockenheit erzählt, ist das Buch witziger, als man vielleicht vermutet; köstlich etwa, wie ein Musikproduzent so beschrieben wird, dass man an den Skilehrer in einem Jodel-Softporno denkt, womit nur Giorgio Moroder gemeint sein kann.
Klare Leseempfehlung für Menschen, die sich in Bayern schwertun, und solche, die gerne an Pop-Mythen zweifeln.
Till Raether: Disko. Btb-Verlag, München 2025, 236 Seiten, 24 Euro

