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https://jungle.world/artikel/2025/27/russischer-geheimdienst-antisemitische-schmierereien-paris-destabilisierungsaktion-der-synagogenwand
Der russische Geheimdienst steckt hinter antisemitischen Schmierereien in Paris
Destabilisierungsaktion an der Synagogenwand
Fünf Serben sind wegen antisemitischer Schmierereien in Paris angeklagt. Den Auftrag dazu sollen sie per Messaging-Dienst von einem russischen Geheimdienst bekommen haben.
Paris. Selbst über die Details des Tathergangs, von der Reiseroute bis zum Kauf der Farbe, besteht kein Zweifel mehr: Lückenlos wurde das Vorgehen der Täter ermittelt, die in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai ein Mahnmal für die Shoah in Paris, drei Synagogen sowie ein jüdisches Restaurant mit greller grüner Farbe beschmiert haben.
Bei den Tätern handelt es sich um fünf serbische Staatsbürger. Diese waren per Auto nach Frankreich eingereist und hatten am 28. Mai über den verschlüsselten Kanal eines Messaging-Diensts ihre Einsatzziele erfahren. Die Absender sollen Angehörige eines russischen Nachrichtendiensts gewesen sein, die französischen Ermittler nennen ihre Pseudonyme: »Cavke« und »Trouba«. Am übernächsten Tag kauften die Täter bei der Baumarktkette Leroy Merlin für 350 Euro ein: eimerweise grüne Farbe, Sprühpistolen, destilliertes Wasser zum Anrühren der Farbe, Handschuhe und Overalls. Die Rechnung fotografierten sie, um sie ihren Auftraggebern zu präsentieren. Die französische Wochenzeitung Le Canard enchaîné, die oft von Polizei- oder Nachrichtendiensten mit Informationen gefüttert wird, merkte dazu süffisant an, Leroy Merlin sei das größte französische Unternehmen, das derzeit noch in Russland wirtschaftlich aktiv sei.
Den antisemitischen Schmierereien in Paris Ende Mai waren fünf weitere Taten vorausgegangen, die die Behörden einem russischen Geheimdienst zuschreiben.
Die Täter erhielten für die nächtliche Aktion je 1.000 Euro. Zwei von ihnen reisten unmittelbar danach über den Flughafen Roissy bei Paris nach Belgrad aus. Die drei anderen – Petar D., Bogdan D. und Dalibor M. – mieteten einen Wagen und fuhren erst einmal in Ruhe an die Côte d’Azur. Der Mietwagen war jedoch mit einem Ortungssender ausgestattet. Am 2. Juni wurden sie im südfranzösischen Juan-les-Pins festgenommen. Die Auswertung ihrer Telefone gab Polizei, Justiz und Nachrichtendiensten sofort Aufschluss über die Hintergründe. Frankreich stellte eine Interpol-Ersuchen an Serbien, die beiden flüchtigen Mittäter festzunehmen und auszuliefern.
Den fünf drohen empfindliche Strafen. Dem wäre noch vor einem Jahr nicht so gewesen: Damals hätte nur wegen gemeinschaftlich begangener Sachbeschädigung Anklage erhoben werden können, darauf stünden höchstens ein paar Monate Haft. Aufgrund des Gesetzes »gegen ausländische Einmischung«, das am 25. Juli 2024 pünktlich zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Paris verabschiedet worden war, drohen ihnen jedoch nunmehr bis zu 20 Jahre Gefängnis, denn die Delikte werden von der Anklage als »Destabilisierungsoperation« gewertet.
Der jüngsten Tat in Paris Ende Mai waren fünf weitere vorausgegangen, die von den Behörden einem russischen Geheimdienst zugeschrieben werden. Es begann Ende Oktober 2023, als nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober antisemitische Angriffe auch in Frankreich befürchtet wurden, mit dem Besprühen einer Reihe von Orten in Paris und Vorstädten wie Saint-Ouen mit weiß-blauen Davidsternen; in diesem Zusammenhang wurden zwei moldauische Staatsbürger festgenommen, die von einem putinistisch eingestellten Geschäftsmann in Moldau angeleitet worden waren. Ihre Bezahlung für die Aktion war noch niedriger als die der der jüngst festgenommenen Serben.
Putinistisch eingestellte Bulgaren
Im Mai 2024 wurden rote Hände an das Pariser Mahnmal der Shoah in Paris gesprüht, dieses Mal waren putinistisch eingestellte Bulgaren dringend tatverdächtig. Und Anfang Juni 2024, kurz vor den in Frankreich ausgetragenen Olympischen Spielen, wurden Pappsärge mit der Aufschrift »Französische Soldaten aus der Ukraine« in der Nähe des Eiffelturms platziert. Wenige Tage darauf wurden drei Moldauer festgenommen, die Sarg-Graffiti mit demselben Spruch an Hauswände gesprüht haben sollen.
Vielleicht diente den russischen Diensten eine Reihe von Vorkommnissen in der Bundesrepublik zum Vorbild, die am Heiligabend 1959 begann und danach über mehrere Monate andauerte. Zunächst wurde die damals frisch eingeweihte Kölner Synagoge mit Hakenkreuzen sowie der Parole »Deutsche fordern: Juden raus!« beschmiert.
Die Täter, zwei Mitglieder der rechtsextremen Deutschen Reichspartei (DRP), die 1964 mit drei weiteren rechtsextremen Parteien zur NPD fusionierte, wurden kurz darauf festgenommen. Es folgte eine Welle von antisemitischen und nazistischen Schmierereien, Pöbeleien und Angriffen in der gesamten Bundesrepublik. Ein »Weißbuch« der Bundesregierung über »die antisemitischen und nazistischen Vorfälle in der Zeit v. 25.12.1959 bis zum 28.1.1960« verzeichnete fast 700 Nachfolgetaten.
DDR, Stasi und eine antisemitische Kampagne
Rechtsextreme, aber auch regierungsnahe Kreise beschuldigten alsbald die Sowjetunion, die damalige DDR und ihre Staatssicherheit (Stasi), eine Kampagne zu betreiben, um die Bundesrepublik zu diskreditieren. So versuchten selbst Regierungsmitglieder wie der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU), die auch im Ausland zu vernehmende Kritik am Fortleben von Nazi-Strukturen und -Ideologie in Westdeutschland abzuwehren.
Tatsächlich waren DDR-Behörden damals darum bemüht, Aufmerksamkeit auf die zahlreichen früheren Nazis in hohen Stellungen in der Bundesrepublik zu lenken. 1955 begann die DDR damit, entsprechende Informationen zu veröffentlichen, ab den Sechzigern gab sie die sogenannten »Braunbücher« heraus. Dem lag selbstredend ein Propagandainteresse zugrunde, dennoch war vieles an dem, was die DDR zum Thema publizierte, in der Sache korrekt und wurde auch in antifaschistischen und linken Kreisen der Bundesrepublik rezipiert.
Eine Beteiligung der DDR oder Sowjetunion an der Welle des antisemitischen Vandalismus ist bis heute nicht bewiesen. Doch die antisemitischen Vorfälle und die Debatte darüber befeuerten zweifelsohne innenpolitische Konflikte in der BRD. Ähnliches zu erreichen, dürfte das Motiv der russischen Geheimdienste heute sein.
