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Kein Bock auf Moskau – die Kommunistin Ketty Guttmann setzte sich für Prostituierte ein, statt der Partei nach dem Mund zu reden

Widerständig und widersprüchlich

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Mit ihrer Zeitschrift »Der Pranger« versuchte Ketty Guttmann im Hamburg des frühen 20. Jahrhunderts, die Prostituierten zu organisieren. Später galt sie als radikale Kritikerin der sowjetischen Zustände. Nun ist eine Biographie der fast vergessenen Feministin und Kommunistin erschienen.

»Geistig sehr hochstehend, eine ausgezeichnete Rednerin von ungeheurer Schwungkraft und Begeisterungsfähigkeit.« So beschrieb der Journalist Karl Dopf die Kommunistin Ketty Guttmann, nachdem sie im Januar 1921 in den Vorstand der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands gewählt worden war. Im Februar zog Guttmann, Schriftstellerin, Publizistin, Revolutionärin, neben Ernst Thälmann und anderen in die Hamburger Bürgerschaft, das Stadtparlament, ein.

Nur drei Jahre später wurde sie wegen »ultralinken Verhaltens« aus der KPD ausgeschlossen. Kurz zuvor, 1924, hatte sie gegen Widerstände die Broschüre »Los von Moskau« veröffentlicht, in der sie die Vergötzung Lenins und die Korrumpierung der Revolution durch die Partei kritisierte und für die Zerschlagung der Komintern plädierte. In großen Teilen der Arbeiterbewegung fiel Guttmann in Ungnade, die stalinistische wie die bürgerliche Geschichtsschreibung überantwortete sie dem Vergessen – ein Zustand, dem der Band »Ketty Guttmann, oder: Eine Todfeindin der Autoritäten« nun ein Ende setzt.

Ketty Gutmann wollte nie so recht ins Raster passen: »Der Arbeiterbewegung war sie zu feministisch, der bürgerlichen Frauenbewegung zu radikal«, schreiben die Herausgeber Dehmlow und Iffert. 

Gutmann wollte nie so recht ins Raster passen. »Der Arbeiterbewegung war sie zu feministisch, der bürgerlichen Frauenbewegung zu radikal«, schreiben die Herausgeber Raimund Dehmlow und Thomas Iffert über die Revolutionärin, von der kein einziges Foto mehr existiert. Über ihr Leben vor und nach den Jahren der revolutionären Erhebungen 1918–1924 ist nur wenig rekonstruierbar, schreiben die Herausgeber, über ihre Kindheitsjahre weiß man wenig. 

Die 1883 in Hungen geborene Tochter eines Buchdruckers trat 1904 in die SPD ein und ging kurze Zeit später, wahrscheinlich auf Anraten Rosa Luxemburgs, nach Polen. Später wird Guttmann schreiben, dass ihre Haltung zum Bolschewismus schon da »mit einer gewissen Vorsicht belastet« gewesen sei, da man ihr gesagt habe: »Wir Bolschewiken werden die Arbeiterbewegung benutzen, um die politische Macht zu ­erobern.«

Eine radikal antiautoritäre Haltung zieht sich – nicht widerspruchslos, wie der Band zeigt – durch Guttmanns ganze Biographie: »Mir brauchte man im ganzen Leben nur einen Befehl zu geben und man hatte mich zur Todfeindin«, wird Guttmann eingangs zitiert. Der Beginn ihrer poli­tischen Karriere war durch intensive Auseinandersetzungen mit der Frauenfrage geprägt.

Internationalistin, Mitglied von USPD und KPD

Über die Zeit in Polen schrieb sie später den Briefroman »Liebe und Ehe«, der die Widersprüche und Spannungsverhältnisse im Leben von Frauen darstellt und für einen kameradschaftlichen Austausch zwischen ihnen plädiert. Die kommunistische Presse nahm ihren Roman mit großer Begeisterung auf: Die Feuilletonchefin der Roten Fahne nannte das Buch den ersten Frauenroman, »der das Sexualproblem in den Klassenkampf hineinstellt und als einen Teil der sozialen Frage, nicht als Individualproblem erkennt«. 1935 wurde das Werk in die Liste der im nationalsozialistischen Deutschland verbotenen Bücher aufgenommen.

Den Ersten Weltkrieg verbrachte Guttmann in Hamburg. Sie verstand sich als Internationalistin, schloss sich der USPD an, später der KPD, in der sie bald eine führende Rolle einnahm. Das und ihr Einsatz für Prostituierte machten sie über Hamburg hinaus bekannt: 1920 war Guttmann an der Gründung einer Interessenvertretung der Prostituierten beteiligt, die eine ganze Reihe an Forderungen aufstellte, darunter die nach einer besseren Behandlung in Krankenhäusern und der Aufhebung des Verbots zum Besuch von Theatern und des Betretens bestimmter Straßen.

Im Februar desselben Jahres erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift Der Pranger. Der darin für die Prostituierten etablierte Name »Kontrollmädchen« nimmt Bezug auf die Kontrolle und Schikanen seitens Polizei, Freiern und Bordellwirten, denen die Prostituierten ­unterlagen. Aufsehen erregte der Text »Der Pfannkuchen«, in dem ein Freier aus der bessergestellten Hamburger Bürgerschaft beschrieben wird, der sich von Prostituierten gerne einen heißen Pfannkuchen auf den Hintern klatschen lässt – Guttmann sah darin ein Indiz für die Perversionen und Verfallserscheinungen, die im Bürgertum brodelten und in den Formen der Sexualität zum Vorschein kommen würden.

Für die Ausbeutung der Prostituierten sensibilisieren

Der Pranger hat indes ein höheres Ziel, als allein auf bürgerliche Heuchelei und den Verfall der Sitten hinzuweisen: Guttmann wollte die Öffentlichkeit für die Ausbeutung der Prostituierten sensibilisieren, beschrieb institutionelle Repressionen, analysierte die gesellschaftlichen Bedingungen der Prostitution und zeigte auf, dass es so gut wie unmöglich war, aus dem Gewerbe auszusteigen. Ihre Kritik an der Prostitution war untrennbar mit derjenigen an der Rolle der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft verbunden: »Die sklavenmäßige Behandlung von Frauen im Bordell ist eine Beleidigung der Frau überhaupt. Und gegen eine solche schamlose Ausbeutung des weiblichen Körpers zu protestieren, muss zu einer Angelegenheit ­aller Frauen überhaupt werden.«

Bald avancierte Der Pranger zu ­einer »Kampfschrift für Sexualkultur«. Guttmanns Bemühen, den Prostituierten zur Selbstorganisation und einem solidarischem Umgang miteinander zu verhelfen, erregte indes viel Widerstand, nicht nur seitens der Polizei, der bürgerlichen Presse und aus großen Teilen der Gesellschaft, sondern auch bei den Kontrollmädchen selbst: Viele der Prostituierten beklagten, die Zeitschrift schädige ihr Geschäft, und zeigten sich unwillig, sich in das Projekt einspannen zu lassen. »Wir wollten den Prostituierten beistehen«, antwortete Der Pranger in einem programmatischen Text. »Wir hatten besser als sie selbst erkannt, wo des Übels Wurzel liegt. Ob sie uns verstehen oder nicht, wir verfochten und verfechten dennoch ihre Sache.«

Wenig später wandte Guttmann sich ganz der KPD und der revolutionären Politik zu. Sie veröffentlichte weiterhin Schriften über die Rolle der Frau und propagierte den Bruch mit den sozialdemokratischen Traditionen der Arbeiterbewegung. 1921 beteiligte sie sich an der sogenannten Märzaktion der KPD, einer bewaffneten Arbeiterrevolte, und wurde deshalb kurzzeitig inhaftiert.

Über Wien nach Moskau

Um zu verhindern, dass die Immunität der Hamburger KPD-Abgeordneten aufgehoben wurde, hielt sie eine fünfstündige Rede in der Bürgerschaft; schließlich schleuste die Partei sie über Wien nach Moskau. Nach ihrem Ausschluss aus der KPD und der ­öffentlichen Kritik an Parteiapparat und Bolschewismus war sie mit­unter körperlicher Gewalt seitens männlicher Parteimitglieder ausgesetzt. Sie schloss sich rätekommunistisch-anarchistischen Gruppen an und trat kurzzeitig wieder in die SPD ein. 1967 starb Guttmann in Wermelskirchen.

Die erste Hälfte des Bands zeichnet die Entscheidungen, Konflikte und politischen Projekte einer unbeugsamen und eigensinnigen Kommunistin nach. Guttmanns Originaltexte zu lesen, die die zweite Hälfte des 180 Seiten starken Bands ausmachen, lässt die Widersprüche darin noch greifbarer zutage treten: So scharfsinnig und polemisch sie darin Fragen nach der Organisation der Ar­beiterklasse diskutierte, die Erhebung der Lenin’schen Weisheiten zum Dogma analysierte oder ihre kompromisslose Perspektiven auf die Rolle Moskaus für die deutsche Arbeiterbewegung entwickelte, so ressentimentgeladen muten manche ihrer Texte zu Geschlechterfragen aus heutiger Sicht an.

Lenin sah in Guttmanns Fokus auf Fragen der Sexualität und Ehe eine Ablenkung von der eigentlichen Aufgabe des deutschen Proletariats.

Ihre Haltung zur Sexualität ist von moralisierenden und rigiden Vorstellungen durchzogen. So lehnt sie beispielsweise Homosexualität und Onanie als Perversionen ab. Die Frau, konstatiert sie im Text »Frau und Frieden«, sei von Natur aus friedfertig; das sei ein Erbe ihrer ursprünglichen Rolle als Sammlerin und ­Hüterin.

Darin steht sie in Opposition zu ihrer Zeitgenossin und zeitweiligen Mitstreiterin Clara Zetkin, die die Naturalisierung weiblicher Eigenschaften ablehnte. Zetkin, die Guttmann zu Beginn ihrer Laufbahn förderte, ihre Texte aber später als seicht kritisierte, verteidigte diese – wie ebenso aus den Originalquellen hervorgeht – gegen Lenin, der in Guttmanns Fokus auf Fragen der Sexualität und Ehe eine Ablenkung von der eigentlichen Aufgabe des deutschen Proletariats sah.

Sowohl der biographische als auch der Quellenteil des Bands legen auf faszinierende Art Aspekte des Denkens einer widerständigen und widersprüchlichen Revolutionärin und Autorin frei – einer Frau, die Autoritäten im Denken und in politischen Organisationsformen weitestgehend ablehnte und den Bolschewismus früh als Diktatur nach bürgerlicher und antiker Art beschrieb, gleich­zeitig aber für Straflager für Bolschewisten eintrat und die »Ausrottung von Individuen als Träger der konterrevolutionären Klasse« durch das Proletariat befürwortete.

Fußnoten und Anmerkungen ­ermöglichen auch Leserinnen und Lesern ohne umfangreiche historische Vorbildung ein Verständnis der Texte. »Ketty Guttmann oder: Todfeind der Autoritäten« bietet alles in allem eine faszinierende und über­raschende Lektüre – und eignet sich hervorragend, um zu begreifen, in welcher Tradition auch spätere Debatten stehen.


Buchcover

Raimund Dehmlow, Thomas Iffert (Hrsg.): Ketty Guttmann oder: Eine Todfeindin der Autoritäten. Dietz-Verlag, ­Berlin 2025, 184 Seiten, 14 Euro