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Der Erreger Hib ist vor allem für Obdachlose gefährlich

Die Epidemie der Randgruppen

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In Hamburg kursiert seit Monaten der Erreger Hib, drei Menschen sind bereits gestorben. Gefährlich ist er vor allem für Obdachlose und Drogenkonsumenten. Spezielle Impfangebote für diese Gruppe wurden erst diesen Monat eingerichtet.

Gemessen an wirtschaftlichen Daten ist Hamburg eine vergleichsweise wohlhabende Stadt. Für überregionale mediale Aufmerksamkeit sorgte sie zuletzt allerdings mit zahlreichen bakteriellen Infektionen unter obdachlosen und suchtkranken Menschen mit dem Erreger Haemophilus influenzae Typ b (Hib). Mehrere Patienten waren so schwer erkrankt, dass sie im Krankenhaus intensivmedizinisch behandelt werden mussten, drei von ihnen sind bislang an der Infektion gestorben.

Hib ist ein für gesunde Erwachsene weitgehend harmloser Erreger: Infektionen verlaufen in der Regel mild, schwere Erkrankungen oder sogar Todesfälle kommen nur äußerst selten vor. Das liegt auch daran, dass zu den empfohlenen Routineimpfungen im Kindesalter auch eine gegen Hib zählt, denn für Kinder ist eine Infektion viel gefährlicher. So wird bei der weit überwiegenden Mehrheit eine anhaltende Immunität erreicht; im Jahr 2018 lag die Hib-Impfquote bei 91 Prozent.

Das Robert-Koch-Institut sprach Anfang August von 15 bekannten Hib-Infektionen im Zusammenhang mit dem Ausbruch in Hamburg, inzwischen berichtete der Senat von einem weiteren bestätigten Fall.

Anders sieht es aus, wenn das Immunsystem durch chronische Erkrankungen oder Mangelernährung geschwächt ist. Das Risiko einer Hib-Infektion steigt dadurch, ebenso die Gefahr eines schweren Verlaufs. Das Robert-Koch-Institut (RKI), das für die Überwachung des Infektionsgeschehens in Deutschland zuständig ist, sprach Anfang August von 15 bekannten Hib-Infektionen im Zusammenhang mit dem Ausbruch in Hamburg, inzwischen berichtete der Senat von einem weiteren bestätigten Fall.

Bei fast allen Erkrankten handelte es sich dem RKI zufolge um Drogenkonsumenten im Umfeld des Hamburger Hauptbahnhofs; insbesondere das Rauchen von Drogen erhöhe vermutlich das Risiko einer Hib-Infektion. Für diese Zielgruppe werden in Hamburg erst seit diesem Monat in der Nähe des Hauptbahnhofs Hib-Impfungen angeboten.

Mit einem Informationsblatt in einfacher Sprache wies das RKI darauf hin, dass bei schwerem Krankheitsgefühl und Symptomen einer Hirnhautentzündung umgehend ein Krankenhaus aufgesucht werden soll. Die Infektion sei auch bei Risikopatienten gut behandelbar, vorausgesetzt die Therapie beginne rechtzeitig. Nicht erwähnt werden darin Symptome einer Lungenentzündung, obwohl – nach Angaben des RKI selbst – die meisten der Hib-Erkrankten darunter gelitten haben, während bislang nur ein Fall einer Hirnhautentzündung registriert wurde. Das RKI machte keine Angaben über die Verstorbenen. Unklar bleibt auch, warum die Behörde erst im Juni über den Ausbruch informierte und entsprechende Maßnahmen einleitete.

Ob diese ausreichen, um weitere schwere Erkrankungen zu verhindern, bleibt abzuwarten. Mitarbeiter des Hamburger Gesundheitsmobils kritisierten, dass die Behörden unzureichend informierten und Strukturen für die ambulante Diagnostik bei Verdachtsfällen fehlten.

Schlechte Erfahrungen in Krankenhäusern

Das RKI hat in seinem Infoblatt Wohnungslose aufgefordert, sich bei verdächtigen Symptomen an die Notaufnahmen von Krankenhäusern zu wenden. Diese stehen jedoch unter wirtschaftlichem Druck und sparen deshalb am Personal, welches dann schnell überfordert ist von den auf der Straße lebende Patientinnen. Die sind oft psychisch erkrankt, stehen unter Drogeneinfluss und leiden unter zahlreichen weiteren chronischen Krankheiten, häufig erschweren zudem Sprachbarrieren die Diagnostik und die Behandlung.

Viele Drogenabhängige und Obdachlose haben schlechte Erfahrungen in Krankenhäusern gemacht und kommen deshalb erst im letzten Moment in die Notaufnahmen. Drogenkonsum kann die Symptome auch verschleiern, weil die Selbstwahrnehmung beeinträchtigt ist. Auch das führt dazu, dass viele Infizierte zu spät medizinische Hilfe suchen.

Eine große Drogenszene gibt es in Hamburg seit Jahrzehnten, trotzdem ist die medizinische Versorgung sowohl ambulant als auch stationär nicht auf den Umgang mit diesen Patienten vorbereitet.

Eine große Drogenszene gibt es in Hamburg seit Jahrzehnten, trotzdem ist die medizinische Versorgung sowohl ambulant als auch stationär nicht auf den Umgang mit diesen Patienten vorbereitet. Weder gibt es ausreichend qualifiziertes Personal noch entsprechende Räumlichkeiten. Das betrifft insbesondere die nahe am Brennpunkt der Drogenszene, dem Hamburger Hauptbahnhof, gelegenen Kliniken. Sie haben zum Beispiel keine psychiatrische Abteilung, deren Expertise zur Versorgung Drogenabhängiger oft notwendig ist.

Dem Senat und dem seit 2018 amtierenden Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) sollte der Hib-Ausbruch unangenehm sein, zeugt er doch von einem jahrelangen Versagen darin, die die Verelendung Drogenabhängiger und die Obdachlosigkeit zu bekämpfen. Der Senat verwaltet diese Zustände lediglich, außer repressiven Maßnahmen fällt ihm wenig dazu ein.

Andererseits nahm die Erklärung des RKI, es treffe mit Wohnungslosen und Drogenabhängigen vor allem sogenannte vulnerable Randgruppen, auch wieder etwas Druck von Tschentscher. Schließlich signalisierte sie, dass sich die überwiegende Mehrheit der Hamburger keine Sorgen zu machen braucht.