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Die Mini-Serie »Only Margo« romantisiert digitale Sexarbeit als Empowerment
Beruf: Space Alien
Sexarbeit als Weg zum sozialen Aufstieg: Die neue Miniserie »Only Margo« tischt eines der verbrauchtesten aller Klischees auf.
»Only Margo« ist die neue Miniserie von Produzent und Autor David E. Kelley basierend auf dem gleichnamigen Erfolgsroman der Schriftstellerin Rufi Thorpe, der 2024 erschien. Die Literaturstudentin Margo (Elle Fanning) neigt dazu, ungewöhnliche Entscheidungen zu treffen. Trotz gegenteiliger Ratschläge ihrer Freundinnen fängt sie eine Affäre mit ihrem verheirateten Dozenten Mark (Michael Angarano) an. Ungewollt wird sie von ihm schwanger, doch bricht sie statt der Schwangerschaft ihr Studium ab – entgegen den eindringlichen Warnungen ihrer Mutter Shyanne (Michelle Pfeiffer), die selbst sehr jung war, als sie Margo bekam. In extrem knapper Arbeitskleidung musste sie sich als Kellnerin durchschlagen. Ihre Tochter sollte es mal besser haben …
Margo will das Baby in ihrer WG großziehen. Der Vater fällt als Unterstützung schon mal aus. Als Mark mitbekommt, dass Margo das Kind behalten will, reagiert er einfach nicht mehr auf ihre Anrufe und meidet den Kontakt.
Die Serie verklärt digitale Sexarbeit als Empowerment und ignoriert die Probleme, die Frauen wie Margo in solche Situationen treiben. Es ist das abgelutschte Märchen von der jungen Frau, die als Stripperin groß rauskommt.
Mit der Geburt des Kindes beginnt für Margo ein neuer Alltag: kaum Schlaf, Schmerzen vom Stillen und extreme Stimmungsschwankungen. Das Leben mit Baby in der Studentinnenwohnung ist wenig überraschend kompliziert. Das nächtliche Geschrei kollidiert mit den Klausurphasen ihrer Mitbewohnerinnen, zwei von ihnen ziehen Hals über Kopf aus und Margo bleibt auf höheren Mietkosten sitzen.
Dann taucht Margos verschollener Vater auf. Der ehemalige Profi-Wrestler Jinx (Nick Offerman) hat gerade seinen Entzug beendet und braucht eine Unterkunft. Das bringt Margo auf die großartige Idee, ihn in die WG einziehen zu lassen. Doch das führt nur zu weiteren Problemen und ändert auch wenig an der finanziellen Misere. Der jungen Mutter droht die Zwangsräumung.
Um die Wohnung nicht zu verlieren, beschließt Margo, wieder arbeiten zu gehen. Also muss ein Babysitter her. Mutter Shyanne ist wenig begeistert, als die Wahl auf sie fällt. Ihren alten Studentenjob als Kellnerin macht Margo nur so lange, bis Shyanne ihr das schreiende Baby auf der Arbeit vorbeibringt. Margo wird daraufhin gefeuert. Die folgende Arbeitssuche verläuft deprimierend: Sämtliche Bewerbungen scheitern; wenn Margo mit dem Kinderwagen den Raum betritt, ist klar, dass sie die Stelle nicht bekommen wird. In ihrer Not legt sich Margo einen Account bei der Pornoplattform Onlyfans an und beginnt, sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen.
Elle Fanning überzeugt als naive, aber liebenswerte junge Frau, die nach und nach eine stählerne Resilienz entwickelt. Nicole Kidman taucht in der Rolle einer toughen Mediatorin auf und zeigt nach ihren zuletzt vornehmlich düster-melancholisch geprägten Rollen eine erfrischend pragmatische Seite. Herausragend ist die Performance von Nick Offerman und Michelle Pfeiffer als ungleiches Elternpaar in einem höchst dysfunktionalen, letztlich aber warmherzigen Familiengefüge.
Offerman beeindruckt als depressiver ehemaliger Profi-Wrestler, der nach schweren Sportverletzungen seinen Beruf aufgeben musste und schmerzmittelabhängig wurde. Der Schauspieler hatte seine Fans zumeist in komödiantischen Rollen begeistert, bewies aber bereits in der Serie »The Last of Us«, dass er auch ernstere Charaktere verkörpern kann. Der Figur des alternden Wrestler verleiht er eine außerordentliche Tiefe und vor allem eine große Traurigkeit. Jinx’ Leben ist geprägt von gescheiterten Entzügen, doch die Geburt seines Enkels scheint ihm fürs Erste neuen Auftrieb zu geben.
So überzeugend die Figuren auch angelegt sind, so wenig überzeugend werden die Konflikte verhandelt.
Michelle Pfeiffer gibt die mit sich selbst beschäftigte Shyanne, die den sozialen Aufstieg durch die frisch geschlossene Ehe mit einem wohlhabenden Mann schafft. Mehrere Hundert Dollar gehen nun im Monat für Schönheitsprodukte drauf, schließlich soll man ihr das Altern nicht ansehen. Sie schwankt zwischen Frustration und Fürsorge für die Tochter. Die biographischen Parallelen zwischen beiden Frauen sind unübersehbar. »Dein Leben, das du nie wirklich kennenlernen konntest, ist jetzt vorbei«, warnte Shyanne, als Margo ihre Schwangerschaft beichtete.
So überzeugend die Figuren auch angelegt sind, so wenig überzeugend werden die Konflikte verhandelt. Prekäre Jobs, fehlende Absicherung im Sozial- und Gesundheitssystem, instabile Wohnungssituation, all das kommt vor, aber es sind letztlich nur die Herausforderungen des Lebens, die es anzunehmen gilt. Im unerschütterlichen Glauben an sich selbst und mittels harter Arbeit kann Margo aufsteigen, der Zwangsräumung entgehen und als alleinerziehende Mutter aus prekären Verhältnissen das große Geld machen.
Inspiriert von den Wrestling-Kostümen ihres Vaters strippt die junge Frau nun als Space Alien verkleidet bei Onlyfans. Ausgerechnet eine Plattform, die nach dem Prinzip der Gig Economy funktioniert, als Weg in die finanzielle Unabhängigkeit zu postulieren, ist einigermaßen grotesk. Die Serie verklärt digitale Sexarbeit als Empowerment und ignoriert die realen strukturellen Probleme, die Frauen wie Margo in solche Situationen treiben. Es ist das abgelutschte Märchen von der jungen Frau, die als Stripperin groß rauskommt.
Wie in allen Systemen, die allseitige Konkurrenz der Anbieter:innen organisieren, profitieren auch auf Onlyfans nur wenige; der Großteil der Nutzer:innen verdient wenig mehr als ein Taschengeld. Berichte über sexuelle Ausbeutung und darüber, wie Frauen auf dem Weg über die Plattform in der Prostitution landen, belegen die Risiken der scheinbar so cleanen Variante der Sexarbeit. Auch stehen die Frauen in einem erbitterten Konkurrenzkampf um Follower, den sie oftmals durch das Teilen immer expliziterer, krasserer Inhalte zu gewinnen versuchen.
»Only Margo« macht aus der Ausnahme die Regel und romantisiert den Job in der digitalen Sexindustrie. Margo erscheint als erfolgreiche Kleinunternehmerin, die über ihren Körper und ihr Leben selbst bestimmt. Dabei geraten die strukturellen Zwänge, die sie zu dieser Entscheidung gezwungen haben, immer mehr in den Hintergrund.
»Only Margo« verpasst hier leider eine Chance. So überzeugend die Darstellung der Figuren zunächst funktioniert, so unbefriedigend bleibt die Auflösung, die letztlich die gesellschaftskritische Ausgangsidee bagatellisiert. Am Ende verrennt sich die Serie in einer grell-poppigen Version des Amerikanischen Traums.
Die Serie kann auf Apple TV gestreamt werden.
