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Ein Buch über polnische Kommunalpolitiker während des Holocausts sorgt in Polen für Entrüstung

Verräter überall

Disko von

Ein Buch des Historikers Grzegorz Rossoliński-Liebe hat in Polen eine hitzige Debatte über polnische Mittäter im Holocaust entfacht. Dass der Autor dabei wenig Unterstützung gegen nationalistische Angriffe erhält, liegt auch an der Zunahme des Antisemitismus unter Linken und Liberalen seit dem 7. Oktober 2023.

Das 2024 erschienene Buch  »Polnische Bürgermeister und der Holocaust – Besatzung, Verwaltung und Kollaboration« von Grzegorz Rossoliński-Liebe hat eine heftige Debatte über akademische Freiheit und das Thema der polnischen Kollaboration ausgelöst. Eine im November geplante Vorstellung des Buchs in Berlin unter Schirmherrschaft des Deutsch-Polnischen Hauses wurde zunächst abgesagt – wie sich herausstellte auf Druck der polnischen Botschaft. Mehr als 130 polnische Historiker, Wissenschaftler und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens protestierten im Dezember in einem offenen Brief gegen die Vorstellung des Buchs in deutschen und österreichischen Kultureinrichtungen und warfen dem Autor eine »historisch falsche und wissenschaftlich unredliche« Darstellung vor. Daraufhin antworteten Wissenschaftler aus aller Welt mit einem Protestbrief »zur Verteidigung der akademischen Freiheit«, den mittlerweile 400 Personen unterzeichnet haben. Erst im März wurde die Vorstellung des Buchs in Berlin nachgeholt, während sich in der deutschen Presse, vor allem der »FAZ« und der »Jüdischen Allgemeinen«, eine Kontroverse über den Fall entspann. Doch wie wird die Diskussion über Kollaboration, Antise­mitismus und akademische Freiheit in Polen geführt?

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»Polnische Bürgermeister und der Holocaust« heißt das Werk, das in Polen eine Welle nationaler Hysterie ausgelöst hat. Es ist nicht die erste dieser Art, denn das Thema der Kollaboration im Holocaust fungiert in der polnischen öffentlichen Debatte wie eine ewig brennende Scheune von Jedwabne – jenem Ort im von Deutschland besetzten Polen, in dem 1941 einige Polen an die 1.000 Juden lebendig verbrannten: Die Menge steht drum herum und wärmt sich an den Flammen, und wann immer jemand versucht, diese zu löschen, reagiert sie aggressiv und gießt stattdessen Benzin in das Feuer.

Der Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe, der an der Freien Universität Berlin lehrt und Autor einer Biographie des ukrainischen Nationalisten und Nazi-Kollaborateurs Stepan Bandera ist, untersucht in seiner bereits 2024 veröffentlichten Habilitationsschrift die Rolle der polnischen Verwaltung im Generalgouvernement (GG), jenem Teil des besetzten Polens, der nicht ins Deutsche Reich eingegliedert wurde. Insbesondere erforschte der Autor, was er als die »umfassende Beteiligung« polnischer Personen in Verwaltungsstrukturen »am Holocaust und anderen von den deutschen Besatzern begangenen Verbrechen« beschreibt.

Kaum war Grzegorz Rossoliński-Liebes Buch erschienen, warf der ehemalige polnische Minister­präsident Mateusz Morawiecki (PiS) dem Autor vor, die Verantwortung für den Holocaust auf Polen abzuwälzen.

Es handelt sich um eine große Personengruppe: mehr als 15.000 Bürgermeister und Dorfvorsteher sowie die ihnen unterstellte Verwaltung. Das mehr als 1.000seitige Buch kommt zu dem Resümee: »Polnische Bürgermeister und Mitarbeiter der Stadtverwaltungen im GG waren umfassend in den Holocaust und andere Verbrechen der deutschen Besatzer involviert (…) Aufgrund ihrer Zahl und Rolle in der Verwaltung waren sie eine der wichtigsten Gruppen administrativer Akteure, ohne die das GG nicht hätte funktionieren können. Sie gestalteten deshalb die Geschichte der Besatzung, der Kollabora­tion und des Holocaust aktiv mit, indem sie ihre Städte verwalteten, Verordnungen ihrer Vorgesetzten umsetzten und Entscheidungen innerhalb ihres institutionellen Handlungsrahmens trafen.«

Auch in der Fachwelt hat das Werk Diskussionen ausgelöst. Die wichtigste Kritik lautet, es trage nicht ausreichend der Tatsache Rechnung, dass die Mitglieder der polnischen Verwaltung im Generalgouvernement selbst der Besatzungsherrschaft unterworfen waren und jegliche Weigerung, Befehle auszuführen, Gewalt bis hin zum Tod zur Folge hätte haben können.

Allerdings geht Rossoliński-Liebe durchaus auf dieses Problem ein; selbst in der zitierten Passage spricht er von Beteiligung an den »Verbrechen der deutschen Besatzer«. Die polnische Verwaltung wird also nicht auf eine Stufe mit den deutschen Besatzern gestellt. Stefanie Schüler-Springorum, Professorin und Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, charakterisiert das Werk denn auch als »wichtiges Buch über menschliches Handeln unter Bedingungen von Gewalt«, und stellt damit in den Vordergrund, dass das Buch von Aktivitäten unter gewaltsamem Zwang handelt.

»Jagd auf Polen«

Von fachlichen Erwägungen ist die Debatte in Polen jedoch weit entfernt. Kaum war das Buch erschienen, warf der ehemalige polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki von der nationalkonservativen Partei PiS dem Autor vor, die Verantwortung für den Holocaust auf Polen abzuwälzen. Unzählige nationalistische und rechtsextreme Journalisten stimmten in die Anklage ein. Karol Nawrocki, damals Direktor des staatlichen Instituts für Nationales Gedenken (IPN) wiederholte den Vorwurf und sprach von einer »Jagd auf Polen«. Er wurde mittlerweile, als Kandidat von PiS, zum Präsident von Polen gewählt.

Das Buch ist längst in einen viel größeren Konflikt hineingezogen worden. Es geht um die Verteidigung eines Glaubenssatzes, der sinngemäß lautet: ­Polen war das einzige von Deutschland besetzte Land, das nicht kollaborierte. Wenn dieser Glaubenssatz nun herausgefordert wird, könne das nur eines bedeuten: Die Deutschen versuchen, die Verantwortung für den Holocaust auf uns abzuwälzen. Und die undankbaren Juden helfen ihnen dabei.

Jeder Versuch, dies in Frage zu stellen, löst Panik und Aggression aus. Vor dem 7. Oktober 2023 konnte man noch sagen, dass es in Polen eine Debatte über dieses Thema gab: Liberale, Künstler und Linke versuchten, sich mit der polnischen Mitverantwortung für den Holocaust auseinanderzusetzen, gleichsam: die noch brennende Scheune in Jedwabne zu löschen. Der Rest des Landes – von der konservativen Mitte bis zur extremen Rechten – reagierte mit Abwehr und dem empörten Vorwurf, die anderen verrieten die Nation.

»Holocaust in Gaza«

Heutzutage gibt es jedoch keine Debatte mehr, denn es gibt keine zwei Seiten mehr. Diejenigen, die einst versuchten, über die polnische Mitschuld zu sprechen, sind verstummt oder haben die Seiten gewechselt. Das geht stellenweise so weit, dass sogar das Gedenken an den Holocaust selbst aufgegeben wird, denn angesichts des »Holocausts in Gaza«, wie es oft heißt, sei es unangemessen, an die sechs Millionen vor 80 Jahren ermordeten Juden zu erinnern. Genau so hat sich das Jaracz-Theater in Łódź verhalten, das sich »aus Rücksicht auf die Palästinenser« nach 15 Jahren aus der Mitorganisation der Gedenktage für die Opfer des Holocaust in der Stadt zurückzog.

Das andere Lager in Polen ist nicht verstummt. Angespornt vom zunehmenden Antisemitismus lässt er sich in seinem Kampf gegen die Verräter der Nation, die es wagen, über die von Polen an Juden begangenen Verbrechen zu sprechen, immer mehr gehen. Schließlich lautet die Parole der polnischen Nationalisten und extremen Rechten: »Tod den Feinden des Vaterlands«.

Vor dem 7. Oktober 2023 – also vor dem größten Anstieg des Antisemitismus seit mindestens 1968, als in einer antizionistischen Kampagne die meisten der letzten paar Tausend verbliebenen Juden aus Polen vertrieben wurden – hätte Rossoliński-Liebes Buch in Polen vielleicht eine gewisse Diskussion ausgelöst. Heutzutage jedoch dient es als Anlass, Abneigung gegen Juden auszudrücken und die Polen gegen diese und ihre angeblichen Handlanger, die Deutschen, zu vereinen. Die Rede ist hierbei nicht nur von der polnischen Rechten, sondern auch von Teilen der Mitte, die derzeit versucht zu regieren, während sie von einem rechtsgerichteten Präsidenten sabotiert wird. Auch regierungsabhängige Institutionen wie das Institut für Nationales Gedenken, die öffentlichen Medien und das Deutsch-Polnische Haus in Berlin haben sich schließlich von der Panik über das Buch irremachen lassen.

Mit antisemitischem Lehnwort gegen einen jüdischen Wissenschaftler

Damit bleibt nur eine winzige Minderheit – hauptsächlich Juden –, die die Veröffentlichung begrüßte und versuchte, darüber zu sprechen. Einer ihrer in Polen öffentlich bekannten Vertreter ist Jan Tomasz Gross, der in Kanada lebt. Er dient jedoch eher als Schreckgespenst, als dass er wirklich an den Debatten teilnehmen könnte. Ein weiterer Vertreter – und wahrscheinlich der einzige prominente, der in den Medien oder der Öffentlichkeit auftritt – ist Michał Bilewicz, der Leiter des Zentrums für Vorurteilsforschung an der Universität Warschau. Seine Ernennung zum Professor war 2024 vom damaligen polnischen Präsidenten Andrzej Duda, der ebenfalls PiS nahestand, nicht unterzeichnet worden und ist es bis heute nicht.

Ihn trifft die Strafe für sein angebliches »Polenverschlingen«. Dieses Wort wurde ihm kürzlich in der meistgesehenen Online-Sendung Polens, »Godzina Zero«, immer wieder entgegengeworfen. Es handelt sich um ein antisemitisches Lehnwort, dem das polnische Schimpfwort żydżerca (»Judenfresser«) zugrunde liegt, das für die schlimmsten Antisemiten verwendet wird.

Bilewicz zu verteidigen, ist für die polnische Linke undenkbar. Er ist schließlich ihr Feind, ein Verräter der Linken. Ein Zionist, der den angeblichen Völkermord in Gaza unterstützt. Die Tatsache, dass er die linke, regierungskritische, friedensorientierte Strömung in Israel unterstützt, bedeutet absolut nichts. Für die Rechte ist er ein »Polenfresser« und ein Feind des Vaterlands.

In einem fast zweistündigen Interview demonstrierte der Moderator Robert Mazurek, der bis vor kurzem als Unterstützer Israels bekannt war und öffentlich ein Trikot von Beitar Jerusalem trug – des rechten Fußballvereins von Jerusalem –, dass er mit seinem früheren Philozionismus nichts mehr am Hut hat. Er griff Bilewicz an, indem er ihn beschuldigte, ein Feind Polens, ein Rassist, ein Hasser und ein Lügner.

Fast niemand trat für Bilewicz ein. Die polnische Linke kann zwar gelegentlich noch des Holocausts gedenken oder sogar rechtsgerichtete polnische Partisanen – die sogenannten verfluchten Soldaten – verurteilen, die während des Kriegs und danach Juden ermordeten. Aber Bilewicz zu verteidigen, ist für sie undenkbar. Er ist schließlich ihr Feind, ein Verräter der Linken. Ein Zionist, der den angeblichen Völkermord in Gaza unterstützt. Die Tatsache, dass er die linke, regierungskritische, friedensorientierte Strömung in Israel unterstützt, bedeutet absolut nichts. Für die Rechte ist er ein »Polenfresser« und ein Feind des Vaterlands. Und für die Linke ist er ein Handlanger Benjamin Netanyahus in Polen.

Bleibt nur der Appell an die deutschsprachigen Leser, das Buch zu lesen, das online frei zugänglich ist. Die polnischsprachigen Leser können das nicht. Es findet keinen Verlag, der bereit ist, eine polnische Übersetzung herauszugeben, nicht einmal als ­E-Book.

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Buchcover

»Polnische Bürgermeister und der Holocaust. Besatzung, Verwaltung und Kollaboration« von Grzegorz Rossoliński-Liebe ist als E-Book kostenlos erhältlich unter: https://www.degruyterbrill.com/de/document/doi/10.1515/9783110750065/html