# Small Talk

https://jungle.world/artikel/2026/18/thueringen-wir-erleben-eine-eskalation-rechtsextremer-gewalt

Theresa Lauß, Beratungsstelle Ezra, im Gespräch über die Situation in Thüringen

»Wir erleben eine Eskalation rechtsextremer Gewalt«

Small Talk von

Die Opferberatungsstelle Ezra feiert dieser Tage ihr 15jähriges Bestehen. Neben der Beratung Betroffener rechtsextremer Gewalt führt Ezra eine Chronik über rassistische und antisemitische Übergriffe in Thüringen. Die »Jungle World« sprach mit Theresa Lauß, derzeit noch Beraterin und ab Mai Projektleiterin der Beratungsstelle, über die Entwicklung ihrer Arbeit.

Was zeichnet die Arbeit von Ezra aus?
Ezra arbeitet als parteiliche, professionelle und ­spezialisierte Gewaltopferberatung immer aus der Perspektive der Betroffenen. Diese finden in uns eine verlässliche Anlaufstelle, die nicht nur kurzfristig unterstützt, sondern auch langfristig begleitet. Wir orientieren uns dabei immer an dem sehr individuellen Bedarf der Betroffenen. In den vergangenen 15 Jahren haben wir weit über 1.500 Menschen unterstützt, zum Beispiel durch Begleitungen bei Gericht, die Vermittlung von Anwält:innen und psychosoziale B­eratung.

Auf wie vielen Schultern lastet diese Arbeit?
Gegenwärtig arbeiten zehn Personen in Erfurt und im Regional­büro in Gera bei Ezra. Für ganz Thüringen gibt es derzeit sieben Be­rater:innen. Die Arbeit ist sehr ressourcenintensiv und die Kolleg:innen arbeiten häufig an oder über der Kapazitätsgrenze. Gleich­zeitig ist die Arbeit emotional und fachlich anspruchsvoll, weil wir Menschen in sehr belasteten Situationen begleiten. Mitunter über mehrere Jahre. Das macht deutlich: Der Bedarf ist da und diese Arbeit kann nicht im Ehrenamt geleistet werden.

»Die Arbeit ist sehr ressourcenintensiv und die Kolleg:innen arbeiten häufig an oder über der Kapazitätsgrenze. Gleich­zeitig ist die Arbeit emotional und fachlich anspruchsvoll, weil wir Menschen in sehr belasteten Situationen begleiten.«

Welche Entwicklungen nehmen Sie in Thüringen wahr?
In den vergangenen Jahren haben wir eine erhebliche Eskalation rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt erlebt. Zudem ist eine Art gesellschaftlicher Gewöhnung eingetreten: Solche Vorfälle erfahren meist kaum noch Aufmerksamkeit und werden häufig bagatellisiert. Handlungsspielräume in der Beratung werden ein­geschränkt. Dennoch gibt es eine engagierte Zivilgesellschaft, die weiterhin solidarisch unterstützt. Diese Strukturen geraten aber immer mehr unter Druck und werden teilweise delegitimiert.

Was heißt das für Ihre Arbeit?
Ezra hat sich in dieser Zeit stark professionalisiert und ist gewachsen, weil die Anforderungen gestiegen sind. Die Arbeitsbereiche im Team sind differenzierter, die Beratungsfälle komplexer geworden, das heißt, sie erfordern häufig mehr Zeit, um indivi­duelle Lösungen zu finden. Gleichzeitig bemerken wir eine Zunahme von Gewalt im digitalen Raum. Deswegen arbeiten wir sehr eng mit unserem Schwesterprojekt Elly zusammen, der Beratungsstelle für hate speech in Thüringen.

Der Landkreis Sonneberg hat seit zwei Jahren den ersten Landrat der AfD. Spürt man seitdem eine Veränderung?
Für Sonneberg haben wir im Jahr nach der Wahl eine deutliche Zunahme rechter Gewalt dokumentiert. Das kommt dort nicht nur gut an: Viele Menschen berichten von wachsender Unsicherheit und überlegen, wegzuziehen oder sich nicht mehr zu ­engagieren.