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Westdeutsche Frauenbewegung: Berliner Sommeruni feiert Jubiläum

Neue Frauen braucht das Land

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Vor 50 Jahren fand die erste Sommeruniversität für Frauen statt. Sie war ein wichtiges Ereignis für die westdeutsche Frauenbewegung. Dieser Tage wird in Berlin das Jubiläum gefeiert.

Man wolle nicht nur die Wissenschaft erweitern, sondern die Gesellschaft verändern, und zwar »radikal«, so hieß es. Auch war die Rede davon, dass man sich selbstverständlich als der außeruniversitären Frauenbewegung zugehörig begreife.

Den Vortrag, um den es hier geht, hielt die im vergangenen Jahr verstorbene Historikerin Gisela Bock zur Eröffnung der Berliner Sommeruniversität für Frauen an der Freien Universität (FU) am 6. Juli 1976. Bock bezog sich auf den Einzug der Frauenbewegung in die westdeutschen Universitäten. Da sich das Datum dieser Tage zum 50. Mal jährt, hat sich das Margherita-von-Brentano-Zentrum der FU dazu entschieden, diese erste Sommeruniversität mit einer Jubiläumsveranstaltung am 7. Juli zu würdigen.

Die Sommeruniversitäten stellten eine regelrechte Institution der autonomen Frauenbewegung dar. Die mehrtägigen Veranstaltungen, die traditionell in dem umgangssprachlich »Rostlaube« genannten Gebäude der FU stattfanden, zogen nicht nur Berliner Feministinnen an, sondern Frauen aus dem ganzen Bundesgebiet. Heutzutage sind die insgesamt sieben Sommerunis, die stattfanden, geradezu sagenumwoben, während andere Versuche, Frauenforschung nicht nur ­unter Akademikerinnen zu betreiben, sondern allen Frauen zu öffnen, heutigen Feminist:innen und Geschlechter­forscher:innen weitgehend unbekannt sind.

Hausfrauen, Berg- und Stahlarbeiter­frauen, allein­erziehende Mütter und Sozialhilfe­empfängerinnen begannen, sich in den Arbeiter­stadtteilen in Gesprächskreisen zu treffen. 

»In jeder Hinsicht neu« sei das Frauenforum im Revier gewesen, das im Frühjahr des Jahres 1979 über fünf Tage auf dem Campus der Pädagogischen Hochschule (PH) in Dortmund stattfand. So hieß es damals in der Westberliner Zeitschrift Courage, die in diesen Jahren das zentrale Organ der autonomen Frauenbewegung darstellte. Frauen aus Dortmund waren 1977 bei der Zweiten Berliner Sommeruniversität gewesen und hatten daraufhin beschlossen, eine ähnliche Veranstaltung im Ruhrgebiet zu organisieren.

Ableger im Ruhrgebiet

Die damalige Berliner Vorbereitungsgruppe wollte nicht nur Studentinnen und Akademikerinnen erreichen, sondern mit ihren Themen – allen voran: bezahlte und unbezahlte Arbeit – möglichst milieuübergreifend Frauen ansprechen. Sie luden Vertreterinnen traditioneller Frauenverbände ein, mit denen ansonsten zu diesem Zeitpunkt geringe Überschneidungen bestanden, und baten nicht nur Wissenschaftlerinnen darum, Projekte vorzustellen und Arbeitskreise zu leiten, sondern auch erwerbstätige Frauen um Erfahrungsberichte über ihren Arbeitsalltag. Innerhalb der Frauenforschung sollte so die Trennung von Kopf- und Handarbeit in Frage gestellt werden. »Die Sommeruniversität ist der winzige und vielleicht hilflose Versuch, die Trennung zwischen denen, die arbeiten, aber nicht denken sollen, und denen, die zwar denken sollen, aber nicht um nachzudenken, sondern um zu ›produziere‹, zu verringern«, so hielt die Vorbereitungsgruppe im Programm zur Zweiten Sommeruniversität fest.
Die Dortmunderinnen waren von dem Versuch dennoch nicht vollends überzeugt. Wenn sie eine derartige Veranstaltung planten, so hielten sie nachdrücklich fest, dann müsse sie »an den Interessen aller Ruhrgebietsfrauen anknüpfen«. Schließlich kamen an fünf Märztagen des Jahres 1979 etwa 5.000 Frauen zum Ersten Frauenforum im Revier zusammen.

Dass das Frauenforum nicht nur von Studentinnen, sondern auch von vielen Hausfrauen und älteren Frauen besucht war, erklärt sich durch eine lokale Besonderheit. Von Anfang an setzte sich die Dortmunder Bewegung nicht primär aus Studentinnen zusammen, sondern wurde gleichermaßen von berufstätigen Frauen mitgetragen. Außerdem gab es dort das, was die beteiligten Feministinnen damals als den »anderen Teil« der Frauenbewegung bezeichneten: Dazu zählten Hausfrauen, Berg- und Stahlarbeiterfrauen, alleinerziehende Mütter und Sozialhilfeempfängerinnen, die sich in den Arbeiterstadtteilen in Gesprächskreisen zu treffen begannen. Diese Gesprächskreise entstanden mitunter selbstorganisiert, wurden aber vor allem von Frauen aus der Frauenbewegung initiiert, die die Volkshochschulen und ­andere freie Träger nutzten, um solche Gruppen für Hausfrauen anzubieten. Denn die Bildungsarbeiterinnen, die solche Projekte forcierten, hatten es sich zur Aufgabe gemacht, vor allem Hausfrauen anzusprechen, die sie in der übrigen Bildungsarbeit vernachlässigt sahen und als besonders abgeschnitten von politischer Mitbestimmung begriffen. Außerdem ging es ihnen darum, die Distanz zu überbrücken, die zwischen der Mehrheit der Frauen und der in Frauenzentren ­aktiven Minderheit bestand.

Beginn der institutionalisierten Frauenforschung

Den Wunsch, mehr Frauen außerhalb der eigenen Szene anzusprechen, teilte man auch in der Berliner Frauenbewegung und den verschiedenen Vorbereitungsgruppen der Sommeruniversitäten. Von Jahr zu Jahr veränderten sich jedoch nicht nur die vorbereitenden Gruppen und mit ihnen die inhaltlichen Prioritäten, sondern auch die Funktion der Sommeruniversitäten für die Frauenforschung. Letztere war 1976 erst im Entstehen begriffen, während sich die Frauenbewegung in ihrer Hochphase befand.

Zum Zeitpunkt der letzten Sommeruniversität im Jahr 1983 war das Verhältnis umgekehrt: Die Frauenforschung institutionalisierte sich in Zentren, Ver­einen, Zeitschriften, Studienschwerpunkten und langsam auch Denominationen von ­Professuren, während in der Frauenbewegung von Krisentendenzen und Zerfall die Rede war. Die Sommeruniversitäten spiegelten über die Jahre vor ­allem die Themen, Konflikte und Strategiefragen wider, die in der autonomen Frauenbewegung ­diskutiert wurden und so auch in die Frauenforschung Eingang fanden.

Zeitgenossinnen beklagten in regelmäßigen Abständen, wenn Vorträge zu theoretisch oder zu abstrakt gerieten und die Hürden für Nichtakademikerinnen zu hoch wurden.

Langfristig bestehen blieb allerdings der Wunsch, nicht akademisch oder elitär zu wirken. Zeitgenossinnen beklagten in regelmäßigen Abständen, wenn Vorträge zu theoretisch oder zu abstrakt gerieten und die Hürden für Nichtakademikerinnen zu hoch wurden. Umso verwunderlicher ist es, dass die Berliner Sommeruniversitäten heutzutage vor allem als Beginn der Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterforschung in Erinnerung sind.

Ganz gleich, ob man diese Entwicklung durch eine Akademisierung des (Queer-)Feminismus als Ganzes erklärt oder eher an der Professionalisierung der Geschlechterforschung festmacht, die sich von ihren bewegungsnahen Anfängen emanzipiert hat, und wie man das bewertet: Zweifellos liegt die fragile Erfolgsgeschichte der Gender Studies mittlerweile darin, dass sie ihren Ort innerhalb der Universität erstritten und gefestigt haben. Von einem feministischen Projekt der Hochschulöffnung, in dem Akademiker:in­nen und Nichtakademiker:innen gemeinsam ihre Probleme analysieren, ist man heutzutage jedoch weit entfernt.