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Finnland und Russland
Krieg und Frieden im Land des Glücks
Immer wieder verletzen russische Flugzeuge den finnischen Luftraum, viele Finn:innen fühlen sich von Russland bedroht. Die beiden Länder verbindet eine lange, konfliktreiche Geschichte.
Seit 2018 hat Finnland im World Happiness Report Jahr für Jahr den Spitzenplatz als glücklichstes Land der Welt belegt. Das liegt nicht nur an der weiten Natur, die selbst von den Metropolen aus leicht zugänglich ist, oder an den über drei Millionen Saunen, in denen die gut fünf Millionen Finnen regelmäßig zusammenkommen und entspannen. Es liegt wohl auch am umfassenden steuerfinanzierten Wohlfahrtstaatsmodell.
Doch aus der Sicht vieler Finn:innen ist dieses Glück bedroht. Am Donnerstag voriger Woche teilte der finnische Verteidigungsminister Antti Häkkänen mit, ein Flugzeug des Nachbarlands Russland habe den finnischen Luftraum mehrere Minuten lang verletzt; das ist bei weitem nicht der erste Vorfall dieser Art. Das Außenministerium bestellte darauf den russischen Botschafter ein. Anfang des Monats hatte Häkkänen in einem Interview mit der Tageszeitung Ilta-Sanomat bereits davor gewarnt, dass Russland erbeutete ukrainische Drohnen für einen Angriff auf die nordöstlichen Nato-Staaten nutzen und dann abstreiten könnte, dahinterzustecken.
Russland und Finnland verbindet eine lange Geschichte. Nachdem das Gebiet des heutigen Finnlands über 650 Jahre lang Teil des Schwedischen Reichs war, eroberte das russische Zarenreich das gesamte Gebiet 1809 und integrierte es als autonomes Großfürstentum in das Staatswesen.
Russland und Finnland verbindet eine lange Geschichte. Nachdem das Gebiet des heutigen Finnlands über 650 Jahre lang Teil des Schwedischen Reichs war, eroberte das russische Zarenreich das gesamte Gebiet 1809 und integrierte es als autonomes Großfürstentum in das Staatswesen. In diesem relativ unabhängigen Fürstentum waren Bauern – anders als in Russland bis 1861 – keine Leibeigenen und auch Justiz und Verwaltung arbeiteten deutlich weniger autokratisch und willkürlich als im Rest des Zarenreiches. An seiner Spitze stand gleichwohl der russische Kaiser als Großfürst.
Aus Angst vor einem erstarkenden finnischen Nationalismus ließ Zar Nikolaus II. Ende des 19. Jahrhunderts die Autonomie Finnlands schrittweise aufheben, eine Politik, die als »Russifizierung« bezeichnet wurde. Sie sorgte für Proteste aus verschiedenen Teilen der Gesellschaft. Die in den Industriestädten entstandene Arbeiterbewegung forderte außer politischer Unabhängigkeit von Russland soziale Gleichheit und das allgemeine Wahlrecht. Ein 1905 ausgerufener Generalstreik bewirkte die Wiederherstellung der Autonomie, zwei Jahre später gab es die erste freie Parlamentswahl in Europa, bei der auch Frauen das Stimmrecht besaßen.
Das autonome Fürstentum Finnland diente den russischen Bolschewiki vor der Russischen Revolution 1917 als Rückzugsort. Bei einem Treffen in der Industriestadt Tampere versprach Wladimir Iljitsch Lenin den Finnen die volle Unabhängigkeit, sollte er, wie es dann im Oktober 1917 geschah, mit seiner Partei die Macht in Russland erobern. Anfang Dezember 1917 erklärte Finnland seine Unabhängigkeit, in der ersten Hälfte des Folgejahrs tobte daraufhin ein regelrechter Bürgerkrieg, in dem sich zwei Lager gegenüberstanden. Die sozialistischen »Roten« forderten eine radikale Demokratisierung von Justiz und Armee sowie die Enteignung von Großgrundbesitzern, während die nationalistischen »Weißen« dies unbedingt verhindern wollten.
Ende Januar 1918 wurde die Finnische Sozialistische Arbeiterrepublik proklamiert, die fortan den industrialisierten Süden des Landes beherrschte. Diese verstand sich jedoch nicht als Satellit der Sowjetunion, sondern zielte auf einen unabhängigen sozialistischen Staat mit direktdemokratischen Elementen ab.
Mit Hilfe der kaiserlich-deutschen Truppen gelang es den antikommunistischen Weißen unter Befehl von Carl Gustaf Emil Mannerheim, die roten Brigaden nach einigen Monaten heftiger Kämpfe zu besiegen. Es folgte die Erschießung Tausender mutmaßlicher Sozialisten im »weißen Terror«. In den Internierungslagern der »Weißen« starben Tausende weitere. In den internen Flügelkämpfen des weißen Lagers unterlagen monarchistische Kräfte, so dass im Sommer 1919 die Republik Finnland als demokratischer Rechtsstaat ausgerufen wurde.
Nachdem Finnland im Hitler-Stalin-Pakt der Einflusssphäre der UdSSR zugeschlagen worden war, erklärte die Sowjetunion Finnland im Winter 1939 den Krieg. Wegen der zuvor erfolgten Stalin’schen Säuberungen war die Rote Armee jedoch geschwächt und musste hohe Verluste im Kampf gegen die finnische Armee einstecken, die erneut von Mannerheim geführt wurde. Finnland bewahrte seine Unabhängigkeit, musste jedoch 1940 Gebiete im Osten an die Sowjetunion abtreten.
Als Nazi-Deutschland der UdSSR 1941 den Krieg erklärte, sah Finnland seine Chance, die verlorenen Gebiete zurückzuerobern, und verbündete sich mit dem Dritten Reich. Deutsche Truppen wurden in Finnland stationiert und Freiwillige für die Waffen-SS rekrutiert, die an der Ostfront auch am Holocaust beteiligt waren. Nach der Niederlage von Stalingrad wechselte Mannerheim die Seiten; nach einem Separatfrieden zwischen Finnland und der Sowjetunion wurden die deutschen Truppen aus Finnland vertrieben.
1907 fand in Finnland die erste Parlamentswahl in Europa statt, bei der auch Frauen das Stimmrecht besaßen.
Das Land konnte seine Unabhängigkeit erneut bewahren und wurde für seine Allianz mit Nazi-Deutschland lediglich 1947 mit einer weiteren kleineren Gebietsabtretung an die Sowjetunion belegt. Der innere Frieden der Nachkriegszeit wurde gesichert durch eine starke Sozialpartnerschaft und ein für die nordischen Länder typisches Wohlfahrtsmodell. Doch die Narben des Bürgerkriegs blieben. Während Carl Mannerheim in Finnland heute weitgehend als Staatsheld gefeiert wird, musste dessen Statue in Tampere, dem Herz der finnischen Arbeiterbewegung, an den Stadtrand verbannt werden. Das Denkmal wird bis heute regelmäßig Ziel von Vandalismus.
Während des Kalten Kriegs war Finnland neutral und agierte oft als Vermittler zwischen dem sowjetischen und dem westlichen Machtblock. Um sich vor einer Invasion aus der Sowjetunion (beziehungsweise ab 1991 aus Russland) zu schützen, unterhielt es eine Wehrpflicht für Männer, die bis heute fortbesteht; Reservisten sind bis zum 60. Lebensjahr wehrpflichtig. Zudem ist der Wehrdienst auch bei Frauen nicht unbeliebt, so dass Finnland im Ernstfall auf Hunderttausende ausgebildeter Soldatinnen und Soldaten zurückgreifen könnte.
Nach Beginn der russischen Invasion der Ukraine entschied sich Finnland jedoch 2022 dazu, seine Neutralität aufzugeben und der Nato beizutreten (Jungle World 20/2022). Etwa drei Viertel der finnischen Bevölkerung befürworteten dies Umfragen zufolge, und mehr als vier von fünf Finn:innen sehen in Russland eine expansionistische Großmacht und eine erhebliche militärische Bedrohung.
