Blogeinträge von Jörn Schulz

Donnerstag, 19.10.2017 / 15:30 Uhr

Vordenker und aufstrebende Startups

Von
Jörn Schulz

Wenn man wissen will, worum es den Veranstaltern der Buchmesse wirklich geht, sollte man hier schauen: "Treffen Sie die Key-Player, Vordenker und aufstrebenden Startups der Branche und tauschen Sie sich zu neuen Ideen aus. Unsere kreativen Matchmaking-Konzepte bringen Sie mit Ihren zukünftigen Geschäftspartnern ins Gespräch. Treffen Sie die Key-Player, Vordenker und aufstrebenden Startups der Branche und tauschen Sie sich zu neuen Ideen aus. Unsere kreativen Matchmaking-Konzepte bringen Sie mit Ihren zukünftigen Geschäftspartnern ins Gespräch." Ob man nun Handys, Würste oder Bücher verkauft, ist egal. Rechtsextremismus und rechte Esoterik sind ein Wachstumsmarkt, also dürfen die ausstellen, und warum sollte ein Geschäftsmann zwischen frischen und verfaulten Würsten eine politische oder moralische Unterscheidung treffen, wenn die Leute gerne verfaulte kaufen?

Donnerstag, 21.09.2017 / 16:59 Uhr

Breaking News: Rätsel der deutschen Leitkultur gelöst!

Von
Jörn Schulz

Seit vielen Jahren blieb unklar, was es eigentlich mit der deutschen Leitkultur auf sich hat. Es ist schließlich nicht so, dass es anderswo keinen patritiotischen Stumpfsinn gäbe. Und dennoch, man hat es immer geahnt, gibt es das da etwas Spezifisches, das selbst den kleingeistigsten Vaterlandsverehrern anderer Nationen peinlich wäre. Nun aber hat ein Sprecher der Deutschen Bahn die deutsche Leitkultur treffend in einem Satz zusammengefasst:

"Es geht nicht, dass ein Mülleimer durcheinandergebracht wird."

Eine Münchner Rentnerin hatte im Hauptbahnhof Flaschen gesammelt, trotz eines Hausverbots, das wegen dieses schwerwiegenden Eingriffs in die Unversehrtheit der Müllbehälter bereits gegen sie verhängt worden war. Wegen Hausfriedensbruchs soll sie nun 2000 Euro Geldstrafe zahlen und gilt als vorbestraft. Aber Ordnung muss nun mal sein. Friede den Mülleimern, Krieg den Armen. Danke, Deutsche Bahn!  

 

Und was sagt die Bahn selbst zu dem Fall? Gegenüber der „tz“ erklärte ein Bahn-Sprecher: „Wenn in den Abfallbehältern rumgewühlt wird, dann fällt eine Menge daneben. Sauberkeit ist für unsere Kunden ein wichtiger Punkt. Es geht nicht, dass ein Mülleimer durcheinandergebracht wird.“ – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/28451180 ©2017
Und was sagt die Bahn selbst zu dem Fall? Gegenüber der „tz“ erklärte ein Bahn-Sprecher: „Wenn in den Abfallbehältern rumgewühlt wird, dann fällt eine Menge daneben. Sauberkeit ist für unsere Kunden ein wichtiger Punkt. Es geht nicht, dass ein Mülleimer durcheinandergebracht wird.“ – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/28451180 ©2017
Und was sagt die Bahn selbst zu dem Fall? Gegenüber der „tz“ erklärte ein Bahn-Sprecher: „Wenn in den Abfallbehältern rumgewühlt wird, dann fällt eine Menge daneben. Sauberkeit ist für unsere Kunden ein wichtiger Punkt. Es geht nicht, dass ein Mülleimer durcheinandergebracht wird.“ – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/28451180 ©2017
Mittwoch, 06.09.2017 / 01:08 Uhr

Bunker, Berge und Birrari: Left go, right back

Von
Jörn Schulz

Nein, da geht es ausnahmsweise nicht um Politik, das war eine Anweisung beim diesjährigen Extremsport im Selbstversuch. Worum es sich da handelt, erfahren Sie am 14. September. An dieser Stelle sei nur verraten, dass ich froh über meine Entscheidung bin, mein Motto „and definitely no sports“ einmal ignoriert zu haben und wir einer Meute wilder Hunde entkommen konnten. Es gelang uns auch, das Dorf Lazarat, das als Zentrum des Cannabisanbaus in Albanien gilt, ohne Einschusslöcher an unserem Mietwagen zu passieren. Auch zu diesem Thema (Cannabisanbau, nicht Einschusslöcher in Mietwagen) mehr am 14. September.

Albanien wird ja manchmal den Klischees gerecht. Zum Opferfest schlachteten unsere Gastgeber im Garten ein Schaf. Hin und wieder traben Schafherden gemächlich über die Straßen. Manchmal auch Ziegen oder Kühe. Raki ist hier tatsächlich sehr beliebt und nicht alle warten bis zum Abend, um ihnen zu genießen. In Bars und Restaurants kennt man die 2cl-Nummer nicht, es wird deutlich großzügiger eingeschenkt. Auf die albanische Gastfreundschaft stößt man an den wunderlichsten Orten, etwa an einer Schnellstraße Richtung Süden in einem winzigen Café. Die Wirtin holt nicht nur jemanden herbei, der etwas Englisch kann, um eine rudimentäre Verständigung zu ermöglichen, sondern lehnt es auch strikt ab, Geld für den Kaffee zu nehmen. Und natürlich wird auch Raki aus einer Wasserflasche angeboten.

Aber keine Sorge, ich will Ihnen hier nicht mit dem Klischee „arm, aber freundlich und glücklich“ kommen (wozu übrigens auch gehören würde, dass hier die meisten Nahrungsmittel „Bio“ sind, weil es wenig industrialisierte Landwirtschaft gibt). Also, freundlich sind die Leute wirklich; wie glücklich der Hirte ist, der lächelnd und winkend für uns seine Schafe von der Straße getrieben hat, will ich mir nicht anmaßen zu beurteilen. Über eine für ihn erschwingliche zahnmedizinische Behandlung würde er sich aber vermutlich freuen. Das Schwarzbrennen hat ohne Zweifel seine Romantik, und der Schnaps ist wirklich gut, aber in Sachen Akkumulation kommt man so natürlich nicht so recht voran.

Die kapitalistische Entwicklung verläuft hier noch chaotischer als anderswo, da offenbar bislang keine Regierung in der Lage war, so etwas wie Wirtschaftspolitik und Investitionslenkung zustande zu bringen. Das Ergebnis sind unter anderem zahlreiche Neubauruinen, so gut wie fertiggestellte Geschäftsbauten, die bereits wieder verfallen. Und wer braucht die unzähligen Tankstellen und Autowaschanlagen? Möglich natürlich, dass manche Geldwaschanlagen sind.

Was tun? Der EU-Beitritt wäre sicherlich in verschiedener Hinsicht hilfreich (das scheinen auch die Linken hier so zu sehen, aber repräsentativ war meine Umfrage natürlich nicht) im Hinblick etwa auf rule of law (inklusive Arbeitsrecht, da ein schlechtes immer noch besser ist als de facto gar keins) oder Hilfe für strukturschwache Gebiete (de facto das ganze Land). In absehbarer Zeit wird in dieser Hinsicht aber nichts vorankommen. Die realpolitisch klügste Strategie wäre für Albanien wohl, mit der Türkei (Russland kommt wegen der bevorzugten Beziehungen zu orthodoxen und/oder slawischen Staaten wohl nicht in Frage), vielleicht China anzubandeln, um für die EU zum Problem zu werden, das Investitionen und Aufmerksamkeit verdient. Bezüglich der Türkei versucht man das wohl auch, was natürlich Risiken für die, soweit ersichtlich, tatsächlich vorherrschende religiöse Toleranz birgt. Enver Hoxha hat es übrigens geschafft, Albanien außenpolitische Bedeutung zu geben, allerdings bedurfte es dazu einer sehr spezifischen geopolitischen Konstellation. Und der Bau von 200.000 Bunker – eine Art stalinistischer Extremsport – gehört auch in diesen Kontext. Die Folgen unseres Extremsports machen sich bei mir nun langsam bemerkbar. Na, einen Raki vielleicht noch. So sehr den Albanerinnen und Albanern eine gedeihliche wirtschaftliche Entwicklung zu wünschen ist – um den Selbstgebrannten wäre es wirklich schade.

 

Sonntag, 03.09.2017 / 02:46 Uhr

Bunker, Berge und Birrari: Ein Stalinist mit Trotzkis Browning

Von
Jörn Schulz

„Fuck the Police“ - das war die Reaktion einiger junger Albanerinnen und Albaner auf den Abbruch des – übrigens sehr guten – Konzerts von Sunday Stories auf polizeiliche Anweisung. Nicht einmal mehr einen Song durfte die Band noch spielen, und es war noch nicht einmal 23 Uhr. Einige Bier später wurden wir auf dem Rückweg aus unbekannter Quelle in einem Park mit über hunderte Meter zu hörender schlechter Musik beschallt – also, nicht nur wir, sondern ein ganzer Stadtteil. Schwer zu glauben, dass der Polizei diese Schallquelle entgangen ist. Nein, gerecht geht es hier wirklich nicht zu.

An sich wirken die Polizisten hier, jedenfalls die für die Bewachung von Botschaften und ähnlichen Institutionen eingesetzten, recht harmlos. Es sind überwiegend Herren in meinem Alter, also deutliche jenseits der 50, zumeist mit einer weit umfangreicheren Wampe, als ich sie vor mir hertrage. Für rasante Verfolgungsjagden oder Kämpfe mit Terroristen eher nicht geeignet. Haben die schon unter Hoxha gedient? Müsste man noch herausfinden. Ebenso, ob Hoxha die Browning, die ihm im Nationalmuseum als die seine zugeschrieben wird, im Partisanenkrieg gegen italienische Faschisten und deutsche Nazis tatsächlich benutzt hat.

Aber die stalinistische Mythologie („Enver Hoxha`s cool-headedness, courage, Marxist-Leninist maturity, firm reliance on the people and unshakeable confidence in victory stood out strongly during the months of the enemy`s biggest and most ferocious offensive“) einmal außer Acht gelassen: die Albanerinnen und Albaner haben sich damals selbst befreit – with a little help from friends, Brownings haben die Briten tatsächlich abgeworfen (warum einer der britischen Offiziere, der mit den Partisanen zusammenarbeitete, den Spitznamen Trotzki erhielt, müsste man auch mal herausfinden), aber ohne Unterstützung alliierter Truppen. Die Jüdinnen und Juden in Albanien und viele jüdische Flüchtlinge wurden von der Bevölkerung geschützt.

Wenn Sie Tirana einen Besuch abstatten, schauen Sie sich das Nationalmuseum an. Es hätte eine bessere Museumsdidaktik und mehr englischsprachige Erklärungen verdient, aber es hat einen eigenwilligen Stil, den Sie anderswo nicht finden. Für Waffen haben viele Albaner offenbar ein Faible. In der Partisanenabteilung haben sie ja ihre Berechtigung, sie finden sich jedoch auch in den Ausstellungsräumen über andere Epochen überreichlich. Aber Sie finden dort auch die Säge, mit der 1943 die Telefonleitungen der italienischen Faschisten in Tirana gekappt wurden, und eine Taschenuhr eines Partisanen mit Einschussspuren, überhaupt viele persönliche Gegenstände aus dem Besitz diverser Protagonisten des albanischen Geschichte. Viele Namen, die dazugehörigen Geschichten kennt außerhalb des Landes kaum jemand. In Albanien lernt man vielleicht etwas darüber in der Schule, aber nach allem, was ich über das hiesige Bildungssystem gehört habe, zweifle ich daran. Präsent ist auch noch einiges von der stalinistischen Dekoration – heroische Wandgemälde und Statuen. In der National Arts Gallery können Sie sehen, dass einige Künstler sich bemüht haben, im gegebenen stalinistischen Rahmen doch so etwas wie Kunst zu produzieren – oft mit Erfolg. Das hier war dann aber doch zu gewagt. Nicht zu beneiden ist auch der Künstler, der gerade ein Monumentalgemälde Mehmet Shehus im Partisanenkrieg fertiggestellt hatte, der Premierminister geworden war, aber 1981 unter dubiosen Umständen starb, so dass das Gemälde unter Verschluss gehalten wurde.

Es erscheint aus heutiger Perspektive ja befremdlich, dass so viele durchaus kluge Leute Stalinisten geworden sind. Allzuviele andere Möglichkeiten, für eine bessere Welt – und später gegen die faschistische Barbarei – zu kämpfen, gab es gerade in Ländern wie Albanien aber nicht. Als anderswo in Europa die Zeit der Monarchie zu Ende ging, kam in Albanien ein König an die Macht. Zuvor hatten die europäischen Mächte allen Ernstes versucht, einen deutschen Adligen, Wilhelm zu Wied, der natürlich weder Land noch Sprache kannte, zum König von Albanien zu machen. Er hielt sich sechs Monate. Sein Wappen, der Pfau im Adler, entfaltet eine unfreiwillige Komik, die Seiner Hoheit wohl entgangen ist, aber als treffendes Symbol seiner kurzen Herrschaft gelten kann. Das war der damalige „Westen“. In einem noch fast durchgehend analphabetischen Land mit extremer Armut treten dann entschlossene Leute auf, die überzeugend darlegen, wie man das alles ändern kann. Später sind sie diejenigen, die im Kampf gegen die faschistische Barbarei ungleich mehr auf die Beine stellen als alle anderen. Was hätten Sie getan? Einmal dabei, ist es spätestens nach der Machtübernahme bei den Stalinisten wie bei der Mafia. Wer sich gegen die Familie wendet, kann vor dem Erschießungskommando nur noch „Fuck the Sigurimi“ rufen.

Freitag, 01.09.2017 / 18:21 Uhr

Bunker, Berge und Birrari: Der Letzte macht das Licht aus

Von
Jörn Schulz

Man kann darüber streiten, ob Tirana eine schöne Stadt ist. Es gibt keine pittoreske Altstadt und keine grandiosen Monumente (Erdogan lässt allerdings eines errichten, eine gewaltige Moschee im ja eigentlich reizvollen Istanbuler Kuppelstil). Gerade das Chaotische, Improvisierte, bisweilen Unbeholfene verleiht der Stadt aber einen gewissen Reiz - ein wenig Denkmalschutz könnte allerdings nicht schaden. Die Stadt ist ungeplant gewachsen, was natürlich einige Infrastrukturprobleme aufwirft, so gibt es in einigen Stadtteilen Probleme mit der Wasserversorgung. Von den etwa 2,9 Millionen Albanerinnen und Albanern leben knapp 770.000 im Großraum der Hauptstadt, Tendenz steigend. Andere Teile des Landes sind unzweifelhaft schön, aber Schönheit macht nicht satt. Ein Auskommen findet man am ehesten noch in Tirana, aber einfach ist auch das nicht.

Ich freue mich ja immer, wenn ich Fans der "Paten"-Trilogie kennenlerne, vor allem wenn es sich, wie in diesem Fall, um eine Politologin handelt, die meine Ansicht teilt, dass diese Filme auch cineastische Politologie sind. Wenig erfreulich ist hingegen, dass sie in den Filmen die Realität ihres Landes und ihrer Gesellschaft wiedererkennt. Sätze wie "Wende dich nie gegen deine Familie" oder "Irgendwann werde ich dich um eine kleine Gefälligkeit bitten", erzählt sie, haben hier existentielle Bedeutung, und zwar keineswegs nur in kriminellen Kreisen. Das Gewaltniveau ist relativ gering, aber die Abhängigkeiten sind groß. Schon um einen miesen Job zu bekommen, braucht man oft Verbindungen. Wer aufmuckt und sich gegen die Dons stellt, muss mit seiner Entlassung rechnen. Ernstzunehmende rechtsstaatiche Strukturen gibt es nicht. Wie das alles genau funktioniert, erfahren Sie am 14. September, jedenfalls trägt es zur Auswanderung bei, die von den unabhängigen Linken (auch über die erfahren Sie am 14. September mehr) hier als großes Problem betrachtet wird.

Deshalb gibt es in der Gruppe, die wir besucht haben, offenbar so etwas wie einen Ehrenkodex: dableiben und kämpfen. Nicht in dogmatischer Strenge natürlich, es gibt ökonomische Zwänge, und auch viele Ausbildungsgänge können besser oder überhaupt nur im Ausland absolviert werden. Aber man will das Land nicht den Dons überlassen. Eigentlich eine recht kuriose Angelegenheit: eine kleine Gruppe radikaler Linker bemüht sich letztlich um das nation building, für das ja ganz andere Leute zuständig sein sollten. Und die EU setzt unverdrossen auf die Dons, obwohl man es selbst in Brüssel mittlerweile besser wissen sollte. 

Die sozialen Kämpfe hier sind defensiv, der Grad der sozialen Organisierung ist gering. Das ist vor allem eine Folge der Atomisierung der Gesellschaft unter dem Stalinismus, der hier ja eine deutlich krassere Form hatte als etwa im damaligen Jugoslawien unter Tito. Aus dieser Perspektive betrachtet, ist die Lage vielleicht doch nicht so schlecht. Die Stalinisten haben das Land in die erste Phase der Moderne geprügelt (Alphabetisierung, formale Gleichstellung der Frauen etc.), aber im Hinblick auf fast alles, was mit Emanzipation und Freiheit zu tun hat, war die Zeit um 1990 hier die Stunde Null.

Und die Linken, die wir hier kennengelernt haben, sind wirklich sehr sympathisch und, nun ja, hedonistisch, ohne davon viel Aufhebens zu machen. Das philosophische Niveau der Debatten, so erfuhr ich gestern, steigt mit der Zahl der getrunkenen Rakis. Wir werden uns bemühen, das zu verifizieren.  

 

 

 

Freitag, 24.02.2017 / 08:42 Uhr

Analytische Fake News

Von
Jörn Schulz

Wer sich bei Facebook herumtreibt, hat vermutlich schon etwas vom „Ordnungsversuch für die deutsche Medienlandschaft“ gehört, den der fake think tank polisphere veröffentlicht hat. Dass dort gedacht wird, erscheint als eine allzu wagemutige Behauptung, für die keinerlei Belege vorliegen. Beim Kopieren des US-amerikanischen Originals hat man sich nicht viel Mühe gemacht, die Bewertungen wurden meist übersetzt, und das nicht einmal besonders gut, denn „bias“ ist eher „Voreingenommenheit“ als eine neutrale „Ansicht“ und „in-depth“ steht im Nachrichtengeschäft eher für „detailliert“ und „gründlich recherchiert“ als für „tiefgründig“ („von Gedankentiefe zeugend; zum Wesen von etwas vordringend, es erfassend“, so der Duden). So kann die Wirtschaftswoche sicherlich als solides wirtschaftsliberales, schwerlich aber als sich durch Gedankentiefe auszeichnendes Medium gelten. Aber immerhin haben die tiefgründigen Denker beim Googeln offenbar gemerkt, dass „eindringlich“ nicht passt, dann nimmt man halt die nächste angebotene Übersetzung. Da fragt man sich natürlich, ob aus „questionable journalistic value“ mit Absicht „fragwürdige journalistische Werte“, aus dem Gebrauchswert des Mediums also ein Urteil über die Moral der Journalisten, geworden ist.

Nicht, dass es keine Eigenleistung gäbe. Man hat die Kategorie des „Altherren-Journalismus“ eingeführt, und der alte Herr ist zwar rechts, aber der einzige, der sich eindeutig, so er bei Cicero arbeitet, zur Komplexität erhebt. Aber kann ein Magazin mit dem Namen Cicero anders als tiefgründig sein? Cicero allerdings sagte: „Greise, die besonnen und weder grämlich noch unfreundlich sind, haben ein erträgliches Alter, Schroffheit aber und Unfreundlichkeit machen jedes Alter lästig.“ Vor allem für andere, was man bei der Cicero-Lektüre nicht selten spürt. Zudem drängt auch die Achse des Guten in diese Kategorie, doch kann man Leuten wie Henryk M. Broder sicher viel vorwerfen, aber nicht, dass sie vielschichtig und differenziert sind. Vielleicht hätte die Jungle World von Anfang an eine bessere Bewertung bekommen, wenn sie Epikur hieße.

Immerhin hat man für uns nun in der zweiten Version eine neue Kategorie erfunden: „Linke Weltverbesserer“. Jetzt sind wir komplexer als die Achse des Guten. Ätsch, Henryk! Aber wir laufen noch immer etwa zur Hälfte unter „Linke Verschwörungstheorien & Fake News“. Wir könnten jetzt beleidigt sein und den Anwalt anrufen, doch das hieße, diese PR-Stümperei, die jeder mit rudimentären Layout-Kenntnissen in einer Stunde zusammenbasteln kann, für satisfaktionsfähig zu erklären. Aber es besteht die Gefahr, dass einige naive Gemüter sie ernst nehmen. Im Dienste der Aufklärung scheue ich an sich keine Mühe, da mir aber manchmal die Worte fehlen, werde ich jetzt in Anlehnung an das von polisphere angewendete Verfahren „eine Einordnung mit Hilfe der Schwarmintelligenz vornehmen“.

Aber ich werde nicht den üblichen Fehler machen, der auf dem Irrtum beruht, dass, wenn zwei Menschen mit einem IQ von 120 gemeinsam etwas tun, ihr Werk dann einen IQ von 240 hat. Und hierzulande gilt bekanntlich: “Zehn Deutsche sind dümmer als fünf Deutsche.” Also frage ich lieber die Intelligenz, die mich und andere Menschen, die sie nicht verscheuchen, umschwärmt. Ich führe häufig Dialoge mit ihr, doch obwohl wir weiterhin gute Freunde sind, ist sie in letzter Zeit etwas unruhig, häufig wirkt sie depressiv. Vielleicht sollte ich mich erstmal nach ihrem Befinden erkundigen.

„Hey, Intelligenz, wie geht’s denn so.“

„Das weißt du ganz genau. Leicht hatte ich es nie, aber in letzter Zeit… Aus dem Weißen Haus haben sie mich gerade vertrieben, darüber haben wir uns doch oft genug unterhalten, und in Frankreich hassen sie mich auch. Ich fühle mich wie ein Dinosaurier nach dem Asteroideneinschlag.“

„Hmm ja, aber umso wichtiger ist doch zu versuchen, das Schlimmste…“

„Ja, ja, schon gut. Was ist es diesmal? Polisphere. Soso. Hm. Also, zunächst möchte ich betonen, dass ich mit dem Lobbyismus-, Networking- und Consulting-Geschäft nichts zu tun habe. Man braucht mich dort nicht. Ja, meinen Namen nennt man hin und wieder, aber wenn ich dort mal herumschwärme, bemerkt man mich gar nicht. Hier zum Beispiel: ‚Deutlich wurde noch einmal, dass es stark vom persönlichen Standpunkt abhängt, ob man unsere Perspektive teilt.‘ Ja, wer hätte das gedacht. Und dann: ‚Hier bleibt also noch viel Raum für die eine oder andere Dissertation.‘ Anmaßung ist wirklich noch milde ausgedrückt für die Behauptung, man habe da eine Grundlage für Dissertationen geschaffen.“

„Ich bemerke, dass du in letzter Zeit immer emotionaler wirst. Solltest nicht gerade du als Intelligenz…”

„Wenn es um meine Existenz geht, werde ich doch wohl das Recht haben, auch mal sauer zu werden. Also, diese fake news-Angelegenheit ist eine ernste Sache. Früher hat man gelogen, wenn man geglaubt hat, niemand könne es einem beweisen. Heute lügt man einfach weiter, nachdem man überführt worden ist. Und hat damit Erfolg. Wenn man etwas dagegen unternehmen will, ist eine gewisse Sorgfalt angebracht. So, und nun schauen wir uns die Sache nochmal grundsätzlich an, ich bin ja nicht hier, um Werbung für deine Zeitung zu machen. Also, das Problem fängt schon beim Original an, das zwar etwas seriöser ist, sich aber einer sachlich nicht haltbaren Konstruktion bedient.“

„Du meinst die imaginäre, angeblich neutrale Mitte?“

„Unter anderem. Der Mainstream ist auch Partei, Mitte kann so etwas wie einen Konsens der Mehrheit bezeichnen, aber der ist natürlich nicht neutral. Und nicht immer seriös. Du ahnst sicherlich, wie wenige Mainstream-Wirtschaftsjournalisten sich in den Jahren 2007/2008 mit mir unterhalten haben, und danach ist es nicht besser geworden. Für die Beurteilung der Qualität eines Mediums sollten Kriterien wie Seriösität der Recherche und des Umgangs mit Quellen, Fähigkeit zur Reflexion des eigenen Standpunkts – also, ich will das jetzt nicht alles aufzählen, jedenfalls ist es keine Frage des politischen Standpunkts. Es gibt natürlich Grenzen. Konservative und Linke können hochwertigen Qualitätsjournalismus machen, Faschisten und Stalinisten nicht. Das liegt daran, dass…“

„Hey, ich muss bald los in die Kneipe. Verschieben wir das auf ein anderes Mal.“

„Einverstanden. Kommen wir zur Y-Achse. Was, bitteschön, sollen analytische Verschwörungstheorien und fake news sein? Eine Verschwörungstheorie oder eine Falschmeldung erfüllt hohe Standards? Na, herzlichen Glückwunsch! Ein verständiger Mensch, dem das vorgelegt wird, kann da gar keine Einordnung vornehmen. Davon abgesehen: Glaubst du im Ernst, die Leute, deren Meinung da eingeflossen ist, kennen alle diese Medien tatsächlich?“

„Eher wohl nicht.“

„Eben. Und was ist von einer Einordnung zu halten, die bestenfalls auf Halbwissen beruht? War eine rhetorische Frage. Wenn du nicht schon unruhig herumrutschen würdest, weil du in die Kneipe willst, hätte ich zum Thema Schwarmintelligenz noch einiges zu sagen. In Kürze nur so viel: Ich habe damit nichts zu tun.“

„Vielen Dank für das Gespräch.“

Donnerstag, 02.02.2017 / 17:02 Uhr

Trumpology: “Better to get your news directly from the president"

Von
Jörn Schulz

Trumpology? In der Zeit des Kalten Krieges waren die Pläne, aber auch die Machtstrukturen der sowjetischen Führung ein gut gehütetes Geheimnis. Die sowjetischen Medien folgten eher einem no news- als einem fake news-Konzept, waren aber für die politische Analyse nicht sehr ergiebig, sofern man auf die übliche Weise nach Informationen suchte. Deshalb enstand die Kremlinology, die durchaus Erkenntnisse bringen konnte. Es ging unter anderem um Feinheiten der Formulierung (erhielt ein Funktionär den ihm zustehenden lang anhaltenden, nicht endend wollenden Applaus, oder nur einen lang anhaltenden Applaus?), Fragen des Ranges (wie an barocken Fürstenhöfen war in der Sowjetbürokratie die Frage der Sitzordnung von eminenter Bedeutung) und versteckte Hinweise (beispielsweise veranstalteten in den achtziger Jahren DDR-Nuklearbetriebe viele Unterhaltungsevents, dies konnte als Zeichen dafür gewertet werden, dass die Atomdebatte drüben angekommen war).

Die USA haben immer noch die besten Medien der Welt, eben deshalb will Trump sie aus dem Meinungsbildungsprozess ausschalten, soweit es ihm möglich ist.

Die USA haben immer noch die besten Medien der Welt, eben deshalb will Trump sie aus dem Meinungsbildungsprozess ausschalten, soweit es ihm möglich ist. “Better to get your news directly from the president. In fact, it might be the only way to get the unvarnished truth”, empfiehlt Lamar Smith, Vorsitzender des Wissenschaftskomitees des Repräsentantenhauses. “The media should be embarrassed and humiliated and keep its mouth shut and just listen for awhile“, fordert Steve Bannon.

Trumps Twitter-Botschaften sind im Vergleich zu den Reden von KPdSU-Generalsekretären von erfrischender Kürze („Damned Trotskyists tryin’ to kill me. Me, greatest job creator ever. All saboteurs, spies & liars. So sad. Have to get rid of them. Bang Bang. #comrademauserworking“, hätte Stalin, ein Pionier der fake news, wohl getwittert), aber ebenso alternative truth, und während man bei hohen sowjetischen Funktionären wenigstens wusste, wie und warum sie ihren Posten bekommen hatten, geben Team Trump und seine Funktionsweise noch viele Rätsel auf.

Die Trumpology muss sich natürlich zum Teil anderer Methoden bedienen als die Kremlinology. Sprachliche Feinheiten haben überraschenderweise hin und wieder Bedeutung, etwa wenn Trump sagt, Mexiko werde die Mauer eventuell indirekt bezahlen. Fragen der Rang- und Sitzordnung sind in Trumps Weißem Haus wichtig, die Kriterien der Interpretation sind aber noch unklar. Geheimnisvoll sind vor allem die Machtstrukturen, etwa die Bedeutung solcher Berater wie Bannon oder der Einfluss der Minister, etwa von Verteidigunsgminister James „Mad Dog“ Mattis, dem wohl einzigen Intellektuellen im Kabinett.

Was ein rechtsextremer Hetzer wie Bannon will, ist nicht schwer zu ergründen. Was aber erhoffen sich nicht eben sympathische, aber wenigstens in ihrem Fachbereich kompetente Leute wie Rex Tillerson von eine Regierungsteilhabe, die ihnen in der Geschichtsschreibung bestenfalls die milde Benotung eintragen kann, sie wären wie Schlafwandler in etwas hineingestolpert, dessen Folgen sie nicht hätten absehen können? Man kann es ja nicht oft genug wiederholen: Wenn die Rechten sich von ihrer ökonomischen Vernunft, also der Bindung an Kapitalinteressen, verabschieden, ist das im höchsten Grade alarmierend. Die „Pragmatiker“ glauben wohl tatsächlich, sie könnten Trump einhegen und für ihre Zwecke nutzen. Trump braucht sie, weiß aber, dass das republikanische Establishment seine Partei gern zurückgewinnen möchte. Wer wird wessen nützlicher Idiot sein?

Wenngleich nicht so kultiviert wie die Corleones, nutzt Trump aus der organisierten Kriminalität bekannte Methoden des Personalmanagements und bedient sich diverser Formen der feudalen Intrige, wie „Game of Thrones“ sie derzeit einem größeren Publikum bekannt macht.

Hilfreich ist hier das Profiling. Die Taten von Serienmördern mögen Außenstehenden irrational erscheinen, gehorchen aber einer eigenen Logik. So ist es auch bei Trump. Wenngleich nicht so kultiviert wie die Corleones, nutzt er zudem aus der organisierten Kriminalität bekannte Methoden des Personalmanagements und bedient sich diverser Formen der feudalen Intrige, wie „Game of Thrones“ sie derzeit wieder einem größeren Publikum bekannt macht (es liegt nahe, ihn mit Ramsay Bolton oder Joffrey Baratheon zu identifizieren, es gibt aber auch Parallelen zu Tywin Lannister).

Sicher ist, dass es an Trumps Hof zwei Lager gibt, Trumpisten, also direkt dem Präsidenten verbundene Mitarbeiter, und republikanisches Establishment, denen sich alle ohne feste Zugehörigkeit zuordnen müssen. Ein Bündnis von rechtsextremen Ideologen und pragmatischen Reaktionären, das nicht ewig halten kann, zumal Machtkämpfe innerhalb der Lager die Situation verschärfen.

Leute wie Scott Pruitt wissen, dass Trump die USA ruinieren wird, wenn er alle seine Ziele durchsetzen kann. Vermutlich planen sie, ihn abzuservieren, sobald Deregulierung, Privatisierung und Sozialabbau bewältigt sowie die midterm elections 2018 gewonnen sind. Das Material für ein Impeachment zu finden, ist kein Problem: Betrug an der „Trump University“, conflict of interest wegen der Fortführung seiner Geschäfte durch Familienmitglieder, die auch an der Regierung beteilgt sind, Mafiakontakte… Doch selbst wenn beispielweise eindeutig bewiesen werden kann, dass Trump Geld für die russische Mafia gewaschen hat, werden viele seiner Anhänger das nicht glauben. Das Impeachment wird die Partei spalten. Um den Schaden möglichst gering zu halten, muss der richtige Moment abgewartet und das Impeachment-Verfahren spektakulär werden. Unternimmt man aber nichts, muss das Establishment damit rechnen, dass Trump nach dem Vorbild der Tea Party die Vorherrschaft über die Partei gewinnt und festigt.

Trump kann durch Mobilisierung seiner Basis genehme Kandidaten für die midterm elections durchsetzen und republikanische Dissidenten strafen. Er weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das republikanische Establishment sich gegen ihn wendet. Er muss also seine Gefolgschaft bei Laune halten und alle anderen Mittel nutzen, um möglichst viele Republikaner in ein Abhängigkeitsverhältnis bringen.

In diesem Lichte sollten seine Dekrete und Tweets betrachtet werden. Sie dienen nicht allein dem offiziellen Zweck, sondern sind auch Mittel der Machtsicherung. So ergibt auch scheinbar Irrationales Sinn. Dass die Menschenmenge bei seiner Amtseinführung größer gewesen sein muss als bei Obama, mag ein narzisstischer Tick Trumps sein. Seinen Pressesprecher Sean Spicer diese dreiste Lüge vertreten zu lassen, war aber auch ein Loyalitätstest (“if you want to ascertain if someone is truly loyal to you, ask them to do something outrageous or stupid.”) und ein Initiationsritus (“by requiring subordinates to speak untruths, a leader can undercut their independent standing, including their standing with the public, with the media and with other members of the administration.”).

Wenn Sie „Game of Thrones“ kennen, erinnern Sie sich vielleicht an die Szenen, in denen Joffrey seinen Onkel Tyrion erniedrigt – ein Loyalitätstest und auch ein Mittel, Tyrions independent standing zu unterminieren. Joffrey hat da seinen Spaß, man mag darüber rätseln, ob er die politische Dimension begreift. Trump begreift sie zweifellos, und er kann solche Tricks gezielter einsetzen. Lassen wir die derzeit viel diskutierte Frage, ob Trumps psychische Verfassung politisch relevant ist, hier einmal beiseite. Wenn man Spaß an solchen Spielen hat, geht die Arbeit sicher leichter von der Hand, und Trump scheint sich recht gut zu amüsieren. Entscheidend ist aber, dass sie für den Machterhalt essentiell sind.

In größerem Ausmaß gilt das auch für den travel ban. Er bleibt unterhalb der Schwelle, die ernsthafte politische und ökonomische Folgen für die USA hätte. Betroffen sind etwa 200 Millionen Muslime (und einige Millionen Nichtmuslime, vor allem Christen, aber auch Juden und Bahai), denen gemeinsam ist, dass ihre Regierungen, sofern sie überhaupt ihr Land kontrollieren, diplomatisch nichts zu melden haben und ihre Staaten ökonomisch irrelevant für die USA (und Trumps Geschäfte) sind. Hielte man solche Einreiseverbote tatsächlich für ein Mittel der Terrorbekämpfung, müssten auch Saudi-Arabien, Pakistan und andere Länder auf der Liste stehen.

  Der travel ban ist zunächst eine (kurzfristig betrachtet) kostengünstige Maßnahme zur Befriedigung der rassistischen Ressentiments.

Zunächst handelt es sich also um eine (kurzfristig betrachtet) kostengünstige Maßnahme zur Befriedigung der rassistischen Ressentiments der Gefolgschaft Trumps, die entweder nicht weiß, dass überwiegend saudische Terroristen für 9/11 verantwortlich waren und die Boston-Attentäter aus Russland kamen, oder der solche Details egal sind. Vor allem aber war es ein Loyalitätstest in größerem Ausmaß, zumal die Maßnahme rechtlich fragwürdig ist. Jeder, der es besser weiß, musste zumindest schweigen. Trump konnte so die Loyalität eines beachtlichen Teils des Staatsapparats testen und die Demokraten aus der Reserve locken. Wer sich widersetzte, wie Sally Yates, Attorney General für die Übergangszeit, wurde gefeuert.

Der travel ban war aber auch ein Initiationsritus. Yates Argumentation, dass die Maßnahme im Licht der Äußerungen Trumps als diskriminierend und daher verfassungswidrig zu werten ist, ist schlüssig. Juristisch eindeutig ist die Sachlage aber nicht. Andererseits war der travel ban, der vermutlich nicht aus Inkompetenz, sondern in voller Absicht chaotisch vollstreckt wurde, offenkundig antihumanitär und ungerecht für viele unschuldige Betroffene. Diesmal genügte es noch, mit dem Präsidenten an die Grenzen des Legalen zu gehen und einen Fünfjährigen vier Stunden zu internieren – Spicer verteidigte dies: “To assume that just because of someone’s age and gender that they don’t pose a threat would be misguided and wrong.” Mit dem Gehorsam kann Trump insgesamt zufrieden sein. Nächstes Mal wird er vielleicht mehr verlangen.

Mittwoch, 09.11.2016 / 11:18 Uhr

„Presidents keep their campaign promises“

Von
Jörn Schulz

Die schlechten Nachrichten zuerst. Aber mit welcher anfangen? Vielleicht mit einer, die man eigentlich eher als gute Nachricht werten könnte: „Presidents keep their campaign promises.“ Barack Obama hat 45 Prozent seiner Wahlversprechengehalten, bei weiteren 26 Prozent wurde ein Kompromiss erzielt. Das ist die Bilanz eines Präsidenten, der von einem feindseligen Kongress bis hin zum government shutdown blockiert wurde. Donald Trump hat die Mehrheit in Senat und Repräsentantenhaus hinter sich.

Das führt uns zur zweiten schlechten Nachricht: Trumps Sieg wird seine Position bei den Republikaner stärken. Die hatten ja überwiegend gehofft, nach dessen Niederlage werde der Spuk vorbei sein. Trotzdem haben sie ihn letztlich unterstützt. Ted Cruz etwa nannte Trump einen „pathologischen Lügner“ und „einen Narzissten auf einem Niveau, das, denke ich, dieses Land noch nicht gesehen hat“, bis „mein Gewissen mir sagte“, dass er, um Clintons Präsidentschaft zu verhindern, Trump wählen müsse. Die republikanische Prominenz bot mit wenigen Ausnahmen ein erbärmliches Schauspiel und steht nun angesichts von Trumps Erfolg in jeder Hinsicht blamiert da.

Die dritte schlechte Nachricht betrifft den Supreme Court: „The long-term question will be Trump’s ultimate impact on the court’s membership, and whether he gets the chance to do more than choose the successor to Justice Antonin Scalia, who died in February. Two of the court’s liberals, Justices Ruth Bader Ginsburg and Stephen G. Breyer, are 83 and 78, respectively. Moderate conservative Justice Anthony M. Kennedy is 80.“ Es geht also möglicherweise nicht nur um eine Ernennung. Und bislang haben beide Parteien seriöse Kandidaten in den Supreme Court berufen, die auch mal ihre politischen Ansichten hinter den zu behandelnden juristischen Problemen zurückstellten. Es ist unwahrscheinlich, dass Trump dieser Tradition folgt.

Zu erwarten sind auch der Pasqa- und der Brexit-Effekt. Nachdem der als Hardliner bekannte Charles Pasqua 1993 französischer Innenminister wurde, erschossen Polizisten binnen vier Tagen drei Menschen, offenkundig in der Erwartung, exzessive Gewaltanwendung werde gedeckt. Seit der Brexit-Abstimmung ist die Zahl der hate crimes in Großbritannien erheblich gestiegen, und zwar dauerhaft.

Es gibt natürlich noch viel mehr schlechte Nachrichten, die Gesundheitsversorgung in den USA, die globale Klimapolitik und manches andere betreffend, aber für heute sollte das genügen.

Die guten Nachrichten? Nun, es gibt eine Möglichkeit, den US-Präsidenten abzusetzen, und zwar wegen „treason, bribery, or other high crimes and misdemeanors“. Trump ist in unzählige Rechtsstreitigkeiten verwickelt, am brisantesten dürften derzeit die Betrugsvorwürfe gegen die sogenannte Trump University sein, interessante Ergebnisse könnte auch eine Untersuchung seiner Steuersparmodelle und Mafia-Connections erbringen. Das Impeachment-Verfahren liegt allerdings beim Kongress, und noch immer gilt die Aussage Gerald R. Fords von 1970: „An impeachable offense is whatever a majority of the House of Representatives considers it to be at a given moment in history.“ Funktioniert also nur, wenn die Republikaner sich von Trump distanzieren. Niemand kann genau sagen, wieviel Schaden Trump anrichten muss, damit das passiert, aber es wird sehr viel Schaden sein müssen.

Und würde in den USA national nach Verhältniswahlrecht gewählt, hätte Clinton knapp mit einem Vorsprung von etwa 180 000 Stimmen (in einigen Bezirken wurde noch nicht ausgezählt) gewonnen. Der Trump Appeal hat im Zusammenspiel mit dem Wahlsystem den demographischen Faktor diesmal noch geschlagen, aber Trump müsste die USA in eine rassistische Diktatur verwandeln, um den Fortschritt der Diversity zu stoppen, eine schlimmere Krise als die Große Depression auslösen, um den Trend der Urbanisierung umzukehren und das Bildungsniveau gezielt senken. Ausschließen kann man das nicht: Sein Rassismus steht außer Frage und er repräsentiert einen „whitelash“, der nur noch diese eine Chance hat; dass er eine Weltwirtschaftskrise provozieren wird, ist nicht unwahrscheinlich, und er sagte: „I love the poorly educated“. Doch es gibt gesellschaftlichen Widerstand, die Institutionen sind stabil, und obwohl es gibt derzeit wenig Anlass gibt, sich über Verstand, Anstand und was immer man früher Konservativen zuerkennen mochte bei den Republikanern Illusionen zu machen: da eine solche Verwirklichung von Trumps Programm den Ruin der USA bedeuten würde, setzt sich irgendwann vielleicht doch noch der Selbsterhaltungtrieb durch.