Blogeinträge von Hannah Wettig

Mittwoch, 21.03.2018 / 22:50 Uhr

Der Grund für Genitalverstümmelung

Von
Hannah Wettig

Der Islam ist eine wunderbar konsequenzfreie Religion. Dicke Bücher wurden geschrieben, wie die katholische Beichte unsere Sexualität beeinflusst, wie Luther unser Mutterbild prägt, was der Calvinismus zum Kapitalismus beigetragen hat. Mit dem Christentum hat also offenbar recht viel etwas zu tun. Dabei steht vom Kapitalismus gar nichts in der Bibel, auch nichts von Mutter-Kind-Bonding, nicht einmal von der Beichte.

Ganz anders beim Islam: Schlagende Ehemänner, Sklavinnen, Kreuzigungen, Judenhass – steht alles im Koran. Hat aber nichts mit dem Islam zu tun.

Das hat gerade sogar Die Welt festgestellt. Es ging um weibliche Genitalverstümmelung. Die Welt zitiert: Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) widerspricht Vermutungen, die Genitalverstümmelung sei eine gängige Praxis in islamischen Ländern; die Religion werde oftmals nur als Grund „vorgeschoben“.

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Aha: „Als Grund vorgeschoben“. Das heißt doch so viel, dass die Leute, die ihren kleinen Mädchen die Klitoris und noch mehr wegschneiden, sagen, dass sie das machen, weil der Islam das verlange. Soviel ist dann wohl auch der DSW klar: Man kann ihr nicht vorwerfen, sie kenne die Studien zum Thema nicht. Dort wo weibliche Genitalverstümmelung praktiziert wird, geben zwischen 60 und 99 Prozent der muslimischen Befragten an, dies sei eine islamische Pflicht. Christen und Juden, die in manchen Gegenden auch weibliche Genitalverstümmelung praktizieren, geben nicht an, dass sie das aus religiösen Gründen täten.

Will man diese brutale Praxis bekämpfen, ist es wichtig diese Debatten zur Kenntnis zu nehmen. Es liegt auf der Hand, dass Muslime nicht einfach aufhören das zu glauben, was sie glauben, weil eine deutsche Stiftung der Meinung ist, ihre Religionsgelehrten hätten keine Ahnung von der Religion.

Der Grund dafür ist einfach: In den Schriften dieser Religionen gibt es keinen Hinweis darauf, dass man Mädchen etwas wegschneiden soll. Im Islam gibt es den.

Schneide nicht zu viel

In der Hadith-Sammlung Sunan Abu Dawud sagt der Prophet Mohammed einer Beschneiderin: „Komm näher, ich zeige Dir, wie man es macht. Schneide nicht zu viel. Das lässt die Frau erröten und ist besser für den Ehemann.“ In einer anderen Hadith spricht die Prophetenfrau Aisha über Sex mit der Umschreibung „die zwei beschnittenen Geschlechtsteile, die sich treffen“.

Hadithe sind Erzählungen über das Leben des Propheten. Es gibt davon einige hunderttausend und nicht alle davon gelten als echt oder “authentisch“. Die verschiedenen Rechtsschulen haben unterschiedliche Ansichten dazu, welche echt sind. Aber alle islamischen Theologen greifen auf Hadithe zurück, um religiöse Regeln zu begründen. Wer behauptet, dieses oder jenes stünde nicht im Koran und habe deshalb nichts mit dem Islam zu tun, hat offenbar keinen Schimmer von islamischer Theologie.

Auf ihrer Website behauptet die DSW gar: „Keine Religion fördert oder duldet Genitalverstümmelung. Doch lokale Führer argumentieren häufig zu Unrecht im Namen ihrer Religion.

Es sind nicht „lokale“ Führer, sondern unter anderem die Website der schafiitischen Rechtsschule, eine der vier Rechtsschulen des sunnitischen Islams, auf der man zum Thema weibliche Beschneidung lesen kann: Die offizielle Position der schafiitischen Schule ist, dass es Pflicht ist für Frauen.

Rechtsschulen nennen FGM eine 'gute Tat'

Die Rechtsschulen der Hanbali, Hanafi und Maliki halten weibliche Genitalverstümmelung für eine „gute Tat“ im Sinne des Islam, aber nicht für Pflicht. In einer Reihe sunnitischer Länder wird keine derartige Verstümmelung vorgenommen, weil man sich dort darauf beruft, dass man nicht jede gute Tat begehen muss. Aber keine einzige sunnitische Rechtsschule lehnt die Praxis ab. Allein die Ahmaddiya-Sekte tut das, die Schiiten empfehlen, es besser zu lassen.

Die vier sunnitischen Rechtschulen sind nun keineswegs „lokale Führer“, sondern – vergliche man sie mit den Christen – der Vatikan, der Patriarch von Konstantinopel und die Queen persönlich, die die Religion in diesem Sinne interpretieren.

Ehrlich gesagt, ist es ganz schön frech all diesen hochrangigen islamischen Rechtsgelehrten die Kompetenz abzusprechen, ihre eigene Religion richtig zu verstehen.

Glücklicherweise gibt es inzwischen eine ganze Reihe Rechtsgelehrte, die der offiziellen Position widersprechen. Die Geschichte vom Propheten und der Beschneiderin kann man schließlich auch anders interpretieren. Wie in anderen Religionen widerspricht sich in den Heiligen Schriften des Islam auch so einiges. Da kann man auch finden: „Allah hat alles perfekt geschaffen“ und die Schöpfung dürfe man nicht verändern. Deshalb gibt es durchaus eine Debatte, ob weibliche Genitalverstümmelung nicht besser gelassen werden sollte.

Will man diese brutale Praxis bekämpfen, ist es wichtig diese Debatten zur Kenntnis zu nehmen. Es liegt auf der Hand, dass Muslime nicht einfach aufhören das zu glauben, was sie glauben, weil eine deutsche Stiftung der Meinung ist, ihre Religionsgelehrten hätten keine Ahnung von der Religion.

Ganz generell nervt es, wenn gläubige Muslime derartig bemuttert werden. Es erinnert doch sehr an Eltern, die über ihren Zögling, der gerade einem anderen eins überzieht, sagen: Das meint der nicht so.

Das Kleinkind meint das vielleicht nicht. Aber Muslime sind keine Kleinkinder. Die sollte man durchaus ernst nehmen.

Mittwoch, 21.12.2016 / 15:02 Uhr

Jihadismus gegen die Willkommenskultur

Von
Hannah Wettig

Mit jedem Attentat in Paris, in Brüssel, in Istanbul wuchs die Angst. Wird es ein stehengelassener Rucksack sein wie damals in Madrid? Ein Sprengkörper in einer Mülltonne wie kürzlich in New York? Nun war es ein LKW wie in Nizza. Ein Laster raste in einen beliebten und belebten Weihnachtsmarkt vor einer der bekanntesten Kirchen Berlins – zwölf Tote, Dutzende Verletzte. Auch wenn die Motive hinter der Tat noch nicht geklärt sind, spricht vieles dafür, dass es sich um einen Anschlag in der Tradition der oben genannten handelt.

Hinter den benannten Anschlägen steckt noch eine Logik, die sich schon in den frühesten Schriften militanter Islamisten findet. Der moderne Islamismus hat von Anfang an auf den Gegensatz von Orient und Okzident gebaut. Die These vom „Zusammenprall der Zivilisationen“ ist nicht die Erfindung Samuel Huntingtons. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat der Gründer der Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna, von diesem Gegensatz gesprochen. Der radikale Ideologe Said al-Qutb hat die These in seinen Gefängnisschriften ausgebaut.

Dass Orient und Okzident unvereinbar im Widerspruch stünden, ist Kern islamistischer Ideologie. Es ist die Grundlage für ihre sichtbarste politische Forderung: Die Verschleierung der Frau und die Ablehnung jeglichen „westlichen“ Verhaltens – womit eine Vielzahl von Verhaltenweisen gemeint sein kann, von Sport bis Make-up. Diese These ist aber auch Grund für die Leerstelle der islamistischen Politik in Bezug auf alle anderen Fragen: Sie haben keine wirtschaftlichen, sozialstaatlichen oder sicherheitspolitischen Konzepte. Genau deshalb brauchen sie diesen Gegensatz so dringend: Andere Erklärungen für die Missstände der Welt, etwa kapitalismuskritische, sozialdemokratische oder auch imperial-neoliberale, haben sie nicht.

Ihr Zulauf in der Bevölkerung baut allein darauf, dass die Islamisten seit Jahrzehnten predigen, dass das Westliche und die Verwestlichung an allem Übel schuld seien – wohlgemerkt: Nicht „der Westen“ wie es die Antiimperialisten meist missverstehen und so in den Islamisten Brüder im Geiste erkennen, sondern jegliches Verhalten und alle Symbole, die westlich anmuten.

Das Schlimmste, das dem politischen Islam passieren kann, ist, dass dieses Weltbild bei ihrer potenziellen Anhängerschaft ins Wanken gerät. Darum sind gerade Muslime, die einen westlichen Lebensstil bevorzugen, ein bevorzugtes Angriffsziel. Aber auch den „Willkommenssommer“ in Deutschland im vergangenen Jahr müssen Islamisten als Gefahr wahrnehmen. Ausgerechnet ein Land der Ungläubigen hat hunderttausende Flüchtlinge aufgenommen aus einem Krieg, den die Jihadisten als Werk der Ungläubigen darstellen und aus dem sie derzeit ihr größtes Kapital ziehen. Noch dazu erschienen diese Ungläubigen oft menschlicher gegenüber den Flüchtlingen als die muslimischen „Brüder und Schwestern“ in den Nachbarländern. Das liegt auch daran, dass die Kapazitäten dort ausgeschöpft sind. Aber der Einzelne erlebt es so, dass er in der Türkei, dem Libanon oder in Jordanien die Aussichtslosigkeit gigantischer Massenauffanglager erleben muss, während er in Deutschland mit offenen Armen empfangen wird von Menschen, die ihn am Bahnhof mit Decken und Verpflegung erwarten. Ein Bild, ein Gegensatz, ein nachhaltiger Eindruck.

Als Kriegspartei ist Deutschlands Rolle irrelevant. Aber Merkels Deutschland als Leuchtturm der Hoffnung und Errettung aus dem Elend der Flucht – dieses Bild zu zerstören, würde den Interessen des „Islamischen Staates“ (IS) dienen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und mit ihr die Mehrheit der deutschen Bevölkerung haben den Gegensatz von Orient und Okzident – das Fundament des Islamismus selbst – für einen Moment aufgehoben. Gleich wer hinter der Tat von Berlin steckt – wenn sie ein weiterer Sargnagel für die fragile deutsche „Willkommenskultur“ wird, ist dies ein Sieg für den IS und alle radikalen Islamisten weltweit.