Klassenkampf

Gute Schüler bellen nicht

Klassenkampf Von Liselotte Kreuz

<p><img alt="Klassenkampf Kolumne" data-entity-type="file" data-entity-uuid="294bf19a-1e77-486b-ad74-2f203c8e9f00" src="/sites/default/files/inline-images/Klassenkampf.jpg" class="align-left" />In den</p>

Klassenkampf KolumneIn den letzten Tagen konnten wir, die in der Schule praktisch Wohnenden, seltsame Wesen in den Fluren unseres Habitats beobachten: Verwirrt dreinblickende Frauen und Männer, die den Klassenrat stören, hinter Kellertüren lugen und den Haupteingang nicht finden. Ausgewachsene Menschen, die sichtlich nicht in ihrem Element und stark verunsichert sind, mustern skeptisch die vorbeiziehenden Gruppen Pubertierender und stürzen sich dankbar auf jede Person, die alt genug erscheint, sich ­legalerweise eine Flasche Schnaps kaufen zu können, in der Hoffnung, diese Person könne vielleicht den Weg zum Sekretariat weisen. Begleitet werden diese Gestalten, die ich im Folgenden »Elternteile« nennen werde, stets von mindestens einem Kind, das oft noch nervöser erscheint als sie selbst – zu Recht, ist dieses Kind doch die Hauptperson in jenem Drama, das sich, falls es der tapferen Schicksalsgemeinschaft gelingen sollte, sich zum Büro der Schulleitung durchzuschlagen, dort hinter verschlossenen Türen abspielt.

Dieses Kind braucht nämlich einen Platz in einer weiterführenden Schule und weil bei uns, wie bei allen Gymnasien im Bezirk, mehr Bewerbungen eingehen, als Plätze da sind, werden nicht alle, die sich bei uns bewerben, auch einen solchen bekommen. Das verunsichert natürlich, einige Kinder wirken sehr angespannt. Ein Junge, den ich vor dem Sekretariat wartend treffe, zupft ununterbrochen an dem Jackett, das er aus Anlass der Vorstellung angezogen bekommen hat. Er sieht natürlich süß aus wie Zuckerwatte, seine Miene verrät aber, dass er alt ­genug ist, um bemerkt zu haben, dass keiner der anderen Jungs hier ein Jackett trägt – nicht einmal einer der Lehrer – und er nun den Schaden einzuschätzen versucht, den sein soziales Ansehen in diesem neuen Umfeld durch den Fauxpas gleich am ersten Tag genommen hat. Ein heller Junge, denke ich, und wünsche ihm das Beste.

Was dann wohl im Büro der Schulleitung mit ihm und seiner Mutter besprochen wird, ist mir ein Rätsel. Kinder und Eltern wirken meistens froh und gelöst, wenn sie das Büro verlassen. Aber ob dies so ist, weil das eben geführte Gespräch sie angeregt, bereichert und zutiefst befriedigt hat, oder eher, weil sie endlich gehen dürfen, kann ich wirklich nicht sagen. Ginge es nach mir, würde es auf jeden Fall einen Exkurs zum Thema »Tierstimmen imitieren« geben, in welchem die Kinder aufgefordert wären, ihre diesbezüglichen Fähigkeiten, Ambitionen und Ansichten zu artikulieren. Auswählen würde ich persönlich dann nur die, denen es selbst nach Aufforderung durch die Schulleitung zu peinlich ist, vor dieser zu bellen. Ja, sicher, das ist voll gemein, aber ich denke, so würden gute Klassen entstehen, mit freundlichen Kindern, die niemals bellen, und das ist doch schon einmal ein Anfang.